Montag, 6.30 Uhr, in einem Dorf im Zürcher Oberland. Martin Odermatts (Name geändert) Blick streift die schneebedeckten Glarner Alpen, die in der Ferne gut zu erkennen sind. Gewöhnlich folgt um diese Zeit ein Flugzeug nach dem anderen im Landeanflug auf Zürich-Kloten. Aber wegen der Pandemie ist seit März nichts mehr normal. Normal wäre es für den 44-Jährigen, als Kopilot auf Langstrecken bei der Lufthansa zu sein und während der Hälfte des Jahres in Hotels in fernen Ländern zu übernachten. Jetzt genießt er es, Frühstück für seine Frau und die drei Kinder vorzubereiten. Ginge es um die Vorbereitung auf einen Langstreckenflug, so würde Odermatt zusammen mit dem Captain und dem zweiten Kopiloten den Flug vorbesprechen und eine Checkliste routinemäßig abarbeiten: Passagierzahlen, Frachtgewicht, Wettervorhersagen, Windstärken, Treibstoffvorrat und viele weitere relevante Daten.
Odermatt ist seit März 2020 im Kurzarbeitsprogramm der Lufthansa und fliegt auf unbestimmte Zeit keine Einsätze mehr. Auch das Simulator-Training fällt für ihn aus. Um die Fluglizenz nicht zu verlieren, muss er normalerweise alle 90 Tage mindestens drei Landungen absolvieren und alle sechs Monate in den Simulator gehen. Selbst wenn er über zwölf Monate nicht mehr in einem Cockpit sitzen wird, bleibt seine Lizenz voraussichtlich gültig. Jedoch wird sich die Frequenz der Simulatorenstunden in den ersten Monaten nach seiner Reaktivierung deutlich erhöhen. Rein rechnerisch gesehen, ist er innerhalb der Pilotenschar bei der Lufthansa in Bezug auf Alter und Betriebszugehörigkeit exakt in der Mitte. Sollte es zu Kündigungen kommen, würde es ihn aus seiner heutigen Einschätzung hoffentlich nicht treffen. Anders war dies vor 20 Jahren. Damals verlor er als junger Pilot bei der Swissair nach dem Grounding den Arbeitsplatz.
In dieser Zuversicht genießt der Mann die Zeit zu Hause. Im Cockpit gibt es deutlich mehr Routine als im Familienalltag. Abgesehen von Start und Landung oder bei unerwarteten Turbulenzen oder Problemen mit Passagieren, ist der Reiseflug auf Langstrecken meist entspannt. Dieses Gefühl hoch über den Wolken, die traumhafte Aussicht, die ausgefeilte Technik und das Reisen in ferne Länder machen den Beruf des Piloten nach wie vor zu einem Traumjob für viele. Corona reißt aber besonders Piloten in Ausbildung jäh aus ihren Träumen. Die traditionelle Flugschule der Lufthansa ist de facto abgeschafft. Grundsätzlich besteht für die Flugschüler immer noch die Möglichkeit, ihre laufende Ausbildung abzuschließen, jedoch wird ihnen aktiv davon abgeraten. Ein starkes Druckmittel der Airline sind die Kosten. Denn die Pilotenausbildung kostet etwa 80 000 Euro. Nach der Ausbildung muss ein Kopilot diese Kosten innerhalb von fünf Jahren zurückzahlen. Wenn also die neuen Abgänger in diesen fünf Jahren nicht fliegen können, was kein unwahrscheinliches Szenario ist, sitzen sie auf einem enormen Schuldenberg. Die Odermatts haben die Rollen getauscht: Seine Frau hat ihr Pensum als Lehrerin und Dozentin kurzfristig erhöhen können.