Abstand halten

Die hohe Verantwortung, die immer neuen Situationen im Luftraum, die Zusammenarbeit mit den Piloten und generell das professionelle Luftfahrtumfeld." Voller Leidenschaft erklärt Lotse Martin Thomys den Grund für die Faszination an seinem Beruf. Im großen Raum der Radarkontrollzentrale der Deutschen Flugsicherung GmbH in Langen bei Frankfurt verfolgen auf großen Monitoren die Lotsen eine Vielzahl von Symbolen.

Den deutschen Luftraum kann man sich wie ein Puzzle vorstellen, sagt Thomys. "So wie ein Puzzle aus vielen Einzelteilen besteht, ist der Luftraum in sogenannte Fluginformationsgebiete unterteilt, die den vier Radarkontrollzentralen, auch Center genannt, zugeordnet sind."

An den futuristisch wirkenden Arbeitstischen sitzen je zwei Lotsen. Im Team kontrollieren sie die ihnen zugeteilten Sektoren innerhalb eines Fluginformationsgebietes. Einer von ihnen übernimmt die Aufgabe des Radarlotsen. Er behält den Radarschirm im Auge und gibt den Piloten über Funk Anweisungen und Freigaben. Währenddessen bespricht sich sein Kollege, der sogenannte Koordinationslotse, mit den Lotsen der benachbarten Sektoren. Sie stimmen sich zum Beispiel über die Übergabehöhen der einund ausfliegenden Flugzeuge ab.

"DLH004, Frankfurt Tower, wind 280 degrees, 5 knots, RWY 25C, cleared for take off", sagt einer der Lotsen ruhig und bestimmt in sein Mikrofon. Die Flugzeuge dürfen sich auf keinen Fall zu nahe kommen. Deshalb "sortieren" Lotsen die Maschinen so, dass sie vertikal einen Mindestabstand von 1000 Fuß - das sind ungefähr 300 Meter - und horizontal von mindestens drei nautischen Meilen oder 4,8 Kilometern haben. Mit Hilfe von hochspezialisierten Radar- und Computersystemen empfangen die Lotsen immer wieder neue Informationen, die sie in Teamarbeit sofort in ihre Arbeitsabläufe integrieren.

Martin Thomys erklärt, dass es neben seiner Arbeit als Centerlotse auch noch die Towerlotsen gibt. "Ihr Arbeitsplatz ist in den Tower-Gebäuden direkt an den Flughäfen. Sie beobachten von oben das Geschehen auf dem Rollfeld und im umliegenden Luftraum. Durch sie wird ein reibungsloser Ablauf des Verkehrs am Flughafen sichergestellt." Per Sprechfunk koordinieren sie die rollenden, startenden und landenden Flugzeuge. Sie informieren die Piloten über die Abflugverfahren und erteilen die Startfreigabe. Dabei haben die Towerlotsen direkten Sichtkontakt zu den Maschinen. Kurz nach dem Abheben übernehmen die Fluglotsen der An- und Abflugkontrolle in der Radarkontrollzentrale das Flugzeug. Sie leiten den Abflug so lange weiter, bis das Flugzeug eine bestimmte Höhe erreicht hat. Verlässt es einen Sektor, wechselt auch der Lotse, und der Lotse des benachbarten Sektors übernimmt. Bei der Landung ist es umgekehrt: Hier wird die Maschine zunächst an die An- und Abflugkontrolle übergeben und kurz vor der Landung vom Towerlotsen übernommen, der schließlich das Flugzeug sicher auf den Boden leitet.

"Damit der Verkehr rund um die Uhr reibungslos abläuft, arbeiten Lotsen abwechselnd im Schichtbetrieb - 24 Stunden, 365 Tage. "Wir tragen echt viel Verantwortung und sind ganz besonders eigenständig in unserem Job, was mit einer großen Portion Vertrauen belohnt wird. Wir schätzen vor allem das Alleinstellungsmerkmal und die Abwechslung in unserem Beruf. Denn kein Tag ist wie der andere", schwärmt Thomys. "Um den Beruf des Fluglotsen ausführen zu dürfen, muss man eine Ausbildung, die sich in Theorie und Praxis gliedert, absolvieren. Im ersten Abschnitt lernt man die theoretischen Grundlagen in der DFS-eigenen Akademie in Langen. Nachdem dieser Teil beendet ist, beginnt die Traineephase an der zukünftigen Arbeitsstelle. Dabei sammeln wir praktische Erfahrungen und lernen den Arbeitsalltag kennen." Um Auszubildende vorzubereiten, werden die ersten eineinhalb Jahre verschiedenste Situationen an einem Simulator durchgespielt, um Konzentration und Belastbarkeit zu stärken.

Und welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die DFS? "Die Flugverkehrszahlen haben sich in der Corona-Krise stark verringert. Zurzeit sind es ungefähr 45 Prozent des normalen Verkehrs. Aber bei uns Fluglotsen ist es eben so, dass wir auch bei ganz wenig Verkehr da sein müssen - und zwar rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr. Die DFS hat ausgerechnet, wie viele Fluglotsen man für einen Minimalbetrieb braucht - und das sind knapp 70 Prozent. Wir sind nicht in Kurzarbeit, sondern haben einen speziellen Tarifvertrag. Das heißt, wir dürfen in diesem Jahr weniger arbeiten und müssen dann die Stunden in den nächsten fünf Jahren nacharbeiten. Man nennt die Flugsicherung übrigens eine kritische Infrastruktur. Das sind Organisationen, die für das gute und sichere Funktionieren einer Gesellschaft wichtig sind." Draußen fährt ein Fahrzeug der Deutschen Flugsicherung mit dem Aufdruck "Weil der Himmel uns braucht" vorbei.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Lena Blank

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