Von Leibburschen, Philistern und Füxen

Versoffen, rechtsradikal, frauenfeindlich - das ist die Trias der Vorwürfe gegenüber Studentenverbindungen", bedauert Matthias Stickler. Der Brillenträger mit dem freundlich wirkenden Oberlippenbart ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Würzburg. Ähnliche Vorstellungen hatte auch Sticklers Vater, als er erfuhr, dass sein Sohn sich für die Mitgliedschaft in einer Verbindung interessierte. Viele Bundesbrüder, also die Mitglieder einer studentischen Verbindung, kommen zum Verbindungswesen, weil sie "Altherrensöhne" seien, sich die Familie seit mindestens einer Generation bei einer Studentenverbindung engagiert. Bei Stickler war das nicht der Fall. In seiner Familie gab es bis dahin keine Verbindungsstudenten. Er lernte jedoch im Laufe der Zeit immer mehr Verbindungsmitglieder kennen, die ihn einluden, sich "das mal anzugucken". Das hat er getan und dort auch viele "ganz nette Kerle kennengelernt", sagt der 53-Jährige. Einer schlagenden Verbindung beizutreten war für ihn von Anfang an aber keine Option. "Und nachdem ich immer schon kirchlich gebundener Katholik war, entschied ich mich für eine katholische Verbindung, die Katholische Deutsche Studentenverbindung Gothia-Würzburg im CV."

Hinzu kam, dass seine damalige Freundin und jetzige Frau eine Altherrentochter ist, zwar von einer anderen katholischen Verbindung, aber dieser "Alte Herr", sein jetziger Schwiegervater, ermutigte ihn dennoch, bei den Gothen aktiv zu werden. Später hat Stickler auch seinen jüngeren Bruder in dieselbe Verbindung nachgezogen. Schnell stieg Matthias Stickler zum Senior auf. Das entspricht dem Vorsitzenden der "Aktivitas", der studierenden Mitglieder einer Verbindung. Die Aktivitas der Gothia besteht zurzeit aus etwa 45 Studenten aller Fachrichtungen, 25 studieren in Würzburg.

Der andere Teil ist die sogenannte Altherrenschaft, die "Philister". Heute ist Matthias Stickler Philistersenior und damit Vorsitzender der rund 315 berufstätigen Verbindungsmitglieder. Durch seine Tätigkeit als Professor und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Hochschulkunde kann er vieles zur Geschichte der Verbindungen erklären. Natürlich sei es das Wesen einer Verbindung, ein Gemeinschaftsleben zu haben. Ebenso wichtig sei aber die Erwartung an die "Aktiven, dass sie ihr Studium erfolgreich absolvieren". Dieses Prinzip wird "scientia" genannt. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Wissen", "Wissenschaft". Dementsprechend erarbeiten sich die meisten Bundesbrüder einen guten Abschluss. Es gibt einige wenige, die Probleme haben. Sie werden dann von anderen Bundesbrüdern und besonders von ihrem "Leibburschen" unterstützt. Dieser ist eine Art Tutor, den sich die "Füxe" beim Eintritt auswählen können.

"Fux" ist die Bezeichnung für neue Mitglieder, kommt aus dem lateinischen "faex" und heißt so viel wie Hefe, Bodensatz oder Abschaum. "Das stammt aus einer Zeit, in der die Neuen ziemlich rüde behandelt und entsprechend bezeichnet wurden." Wenn jedoch alles nichts nützt und der Aktive sein Studium ohne Abschluss beendet, bedeutet das bei manchen studentischen Verbindungen den Ausschluss. Nicht bei der Gothia. "Gerade als katholischer Christ: Man hält zueinander, auch wenn jemand Schwierigkeiten hat oder scheitert." Auch von dem zweiten Vorurteil, Verbindungen seien rechts, distanziert sich die Gothia. Sie nimmt auch ausländische Studenten auf. "Jesus Christus war ja auch kein Deutscher und der Papst in der Regel auch nicht." Es gibt ein prominentes Beispiel im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen, CV: Papst Pius XII., ein Italiener, wurde 1922, als er noch Apostolischer Nuntius in Deutschland war, Ehrenmitglied der Münchener CV-Verbindung Trifels. Man erkennt die Mitglieder an Brustband und Mütze in den Farben der Gothia, Schwarz-Gold-Grün.

Katholische Verbindungen hatten schon früh ein Distanzierungsbedürfnis nach rechts, weil sie seit dem 19. Jahrhundert auch Selbsthilfeorganisationen gegen Diskriminierung waren. Auch einige Mitglieder der Gothia, die sich 1930 demonstrativ vom Nationalsozialismus distanzierte, leisteten Widerstand gegen die Nationalsozialisten. So war der Rechtsanwalt Ernst Döhling von 1939 bis 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert. Nach 1945 war er dann der erste Philistersenior der Gothia und baute die Verbindung neu auf. Alle katholischen Verbindungen wurden 1938 von den Nationalsozialisten verboten. 1935 musste sich die Aktivitas der Gothia auflösen, 1938 wurde die gesamte Verbindung von den Nationalsozialisten verboten. Im Sommersemester 1947 wurde sie in Münnerstadt wiederbegründet. Diese kleine Stadt wurde ausgewählt, "da man zum einen immer schon viele Mitglieder im nördlichen Unterfranken gehabt hat", zum anderen, weil es ein "schönes, altes Städtchen war, nicht zerstört wie Würzburg und mit einer funktionierenden Gastronomie". Seither gab es an der Universität Würzburg auch wieder eine Aktivitas.

"Verbindungen sind historisch Männerbünde, und zwar einfach aus dem Grund, weil ursprünglich nur Männer studiert haben", erklärt Stickler. Frauen wurden auf andere Weise integriert. Sie wurden zu Veranstaltungen, auf Stiftungsfeste, bei denen die Verbindungsgründung gefeiert wird, mitgenommen, und die Verbindung fungierte auch als "großer Heiratsmarkt", wie Stickler meint. "Auch meine Schwiegermutter hat ihren Ehemann bei der Verbindung kennengelernt, das war noch in den frühen 1960er Jahren so." Erste Verbindungen für Frauen gab es seit dem Beginn des allgemeinen Frauenstudiums um 1900, sie waren nichtschlagend und vor allem katholisch oder jüdisch; diese wurden jedoch von den Nationalsozialisten ab 1933 verboten. Als Folge der Achtundsechziger-Bewegung nahmen dann einige Verbindungen auch Frauen auf, was viele interne Diskussionen auslöste; der CV und damit auch die Gothia blieben männerbündisch. Seit den 1970er Jahren wurden wieder neue Frauenverbindungen gegründet, die heute mehrheitlich überkonfessionell und farbentragend sind. "In Würzburg haben wir aktuell drei Frauenverbindungen bei mehr als 30 Verbindungen insgesamt", sagt Stickler.

Er vermutet jedoch, dass das Interesse, in einer Verbindung aktiv zu werden, bei Frauen allgemein geringer ist als bei Männern. "Meine Töchter wären niemals auf die Idee gekommen, bei meiner Verbindung Mitglied werden zu wollen, obwohl sie dort immer gerne hingehen."

In vielen Verbindungen, auch bei der Gothia, bekommen Bundesbrüder oft einen "Biernamen". So heißt Matthias Stickler "Decimus", der Zehnte. "Das hängt damit zusammen, dass ich 1993 in einer kurzen Zeitspannne der Neuaufnahmen der zehnte Fuchs war. Das war damals ein außergewöhnlich großer Zuwachs. Es kommt immer wieder vor, dass Gäste denken, ich würde wirklich so heißen."

Die Verbindung habe ihn tief geprägt, und er habe dort viel fürs Leben gelernt. "Wir nennen das heute an der Uni Schlüsselqualifikationen. Verbindungen können so etwas bieten, gerade auch weil sie Lebensbünde von Studenten und Berufstätigen sind." So konnte ihn als Senior, der 1994 einen Festkommers mit rund 250 Teilnehmern leitete, "später nichts mehr erschüttern. Als ich 2003 meine Probevorlesung im Rahmen meines Habilitationsverfahrens gehalten habe, waren viel weniger da." Was für ihn das Faszinierende am Verbindungswesen ist: "Es ist das sehr lebendige Überbleibsel einer Form von Universität, die es heutzutage eigentlich gar nicht mehr gibt." Verbindungen sind Ausdruck einer akademischen Freiheit, die in einem gewissen Gegensatz stehen zu den Zwängen der Bologna-Reform, die die Unis immer mehr verschult. Stickler geht davon aus, dass das Verbindungswesen nach über 200-jährigem Bestehen auch in der pluralen Universität der Gegenwart existieren und florieren wird.


 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Jael Hirschbrunn

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