Daulatzai, Afghanistan: Malalai rollt über die staubigen Straßen. Die spindeldürren Beinchen der Achtjährigen sind von Geburt an gelähmt. Genauso wie eine ältere, ebenfalls gelähmte Witwe im Dorf wäre sie ihr ganzes Leben von der Familie abhängig geblieben. Mit einem Rollstuhl hat die "Direkthilfe Daulatzai", ein Verein in Wetzikon im Zürcher Oberland, den beiden mehr Autonomität schenken können. Das ist nur einer der Glücksmomente, die die kleine Gruppe feiern durfte.
Die Hilfsorganisation setzt sich aus Freiwilligen zusammen, die zum größten Teil selbst aus Afghanistan stammen. So auch die Vereinspräsidentin Sima Ahmad. Als in den neunziger Jahren die Taliban ihr Schreckensregime errichteten, konnte sie in die Schweiz fliehen. Von hier aus half sie 13 befreundeten Familien, die in einem pakistanischen Flüchtlingslager gestrandet waren. Sima Ahmad erzählt, wie die Enkelin einer Altersheimbewohnerin, die sie betreute, von ihrer privaten Initiative begeistert war und sie drängte, einen Verein zu gründen. "Ich hielt es zuerst nicht für möglich und dachte, ich könnte den Aufwand nicht bewältigen." Aber Kathrin Lenz ließ nicht locker und hievte die kleine Gruppe Wohltätiger ins Wetziker Vereinsverzeichnis.
"Unsere Hilfe konzentriert sich auf ein abgelegenes Dorf, denn da ist ausländische Unterstützung am spärlichsten und doch bitter nötig." Kaum eines der großen Hilfswerke wagt sich aus Kabul und Herat hinaus, das wäre für sie zu gefährlich. Auf dem Land herrscht strengste Scharia, und die Berge sind der Rückzugsort für die Taliban. "Die Leute im Dorf sind nett. Es ist sehr wichtig, dass wir ihr Vertrauen haben. Da hilft es natürlich, dass wir die Situation, Sitten und Sprache aus eigener Erfahrung kennen." Der Verein setzt sich für die Dorfbevölkerung ein: Er organisiert Patenschaften für Witwen und Waisen, so dass diese monatlich einen Geldzustupf erhalten. Manchmal startet er spontan Sammelaktionen so wie für Malalais Rollstuhl. "Eine junge Witwe wollte Hebamme werden und in Kabul studieren. Da haben wir ihr Reise und Unterkunft organisiert und einen Teil der Ausbildung bezahlt", sagt Sima Ahmad. Mehrere Infrastrukturprojekte wurden realisiert. Dazu gehören Ziehbrunnen, eine Schule, die heute vom Dorf geführt wird, und eine Frauenklinik.
Der Sekretär der "Direkthilfe Daulatzai" führt in Kabul eine lange Warteliste für Patenschaften und erstellt für jede unterstützte Person ein Identitätsprofil. Das Geld ermöglicht den Witwen, für ihre Grundbedürfnisse aufzukommen. Arbeiten können sie nicht, das wird von der Stammesgesellschaft nicht gern gesehen. Meist sind Witwen völlig von ihrer Verwandtschaft abhängig und kommen dort unter. Oft haben diese Familien selbst kaum genug zum Leben, und wenn sie nicht noch weitere ernähren können, sind sie gezwungen, die Frauen und Kinder entweder zu verkaufen oder zu verheiraten. "Es tönt schrecklich, aber sie tun es ja auch nicht gerne, sondern aus purer Not", erklärt Sima bedauernd. Dank der Spenden kann manch tragisches Verbrechen verhindert werden.
Schon lange wollte der Verein in Daulatzai eine Frauenklinik errichten. Vor 14 Jahren reisten die beiden Frauen ins Land. Sima Ahmad erinnert sich: "Kathrin war wirklich mutig. Als wir in Kabul ankamen und zwei Meter von uns entfernt eine Bombe explodierte, hatte sie große Angst. Ich sagte ihr: Auf dem Land ist es immer so." Der Weg ins Dorf ist der riskanteste Teil der Reise. Die Straßen werden von kriminellen Gruppen belagert, die darauf warten, Reisende zu überfallen. Entsprechend erleichtert waren die Frauen, als sie im Dorf den Ältesten aufsuchten. "Sein Vertrauen ist essentiell. Du kannst nicht einfach kommen und ein Haus bauen: Zuerst muss er sein Einverständnis geben." Die Vereinssekretäre vor Ort haben die Aufgabe, die Baubewilligung einzuholen. Erwartungsgemäß war die Zusammenarbeit mit den Behörden kompliziert. 2013 durfte mit dem Bau begonnen werden.
Es ist ein emotionsgeladener Moment für alle, als die Männer in der Dezemberkälte das Band entzweischneiden und die Klinik einweihen. Sie stellt eine enorme Entlastung für die Frauen dar. Nicht selten sterben Frauen bei Krankheit oder Geburt, unter anderem weil die Männer ihnen den Arztbesuch verwehren. Sie sollen nicht von einem Mann behandelt werden. Die nächste Frauenärztin praktiziert eine 30 Kilometer lange, gefährliche Reise entfernt. "Die Leute waren sehr dankbar für die Klinik. Wegen der schlechten Grundversorgung sind die Menschen oft krank, zudem hat Afghanistan eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt", erklärt Sima Ahmad. "Da unsere Hebamme eine Frau ist, konnten wir den Konflikt mit den Männern lösen. Außerdem können sich besonders arme Frauen umsonst behandeln lassen." Chadidja, die Hebamme, ist etwa 30 Jahre alt, hat in Kabul studiert, stammt aber aus Daulatzai. Sie leistet Rundumversorgung: Ihre Aufgaben reichen vom Verteilen der Patenschaft-Gelder und Medikamente über ärztliche Behandlungen und Geburtshilfe bis zur Aufklärung. "Das ist eine ganz wichtige Funktion der Klinik. Sie bietet Frauen einen sicheren Austauschort, wo sie sich gegenseitig unterstützen können und zum Beispiel Familienplanung kennenlernen."
An neue Projekte wagt sich der Verein zurzeit nicht. "Es ist zurzeit zu gefährlich, dorthin zu reisen." Dennoch ist Sima Ahmad stolz und glücklich: "Ich finde es schön, dass wir auch über große Distanzen einen wertvollen Einsatz leisten können. Von Dorf zu Dorf."