Nicht um jeden Preis antreten

Ist es verantwortbar, die Olympischen Spiele in Zeiten der Corona-Pandemie 2021 in Tokio stattfinden zu lassen? Diese Frage stellen sich nicht nur Athleten und Politiker, sondern alle Sportinteressierten. Genau diese Frage ist natürlich auch von großem Interesse für die Verantwortlichen und Aktiven in der ehemaligen Medaillenschmiede der deutschen Fechter in Tauberbischofsheim. Hans-Jürgen Hehn war mehr als 30 Jahre Stützpunktarzt in Tauberbischofsheim und gehört seit langem der medizinischen Kommission des Deutschen Fechter-Bundes an, die er bis 2019 geleitet hat. Der promovierte Mediziner ist immer wieder als Mannschaftsarzt bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen tätig. Er war aber auch deutscher Meister, Weltmeister und gewann zwei Silbermedaillen bei den Olympischen Spielen 1976. Er war der erste Weltranglistenerste in seiner Sportart Degenfechten des Fechtmekkas Tauberbischofsheim. Schon während seiner Karriere war er als Arzt tätig.

Zum verabredeten Gesprächstermin im ehemaligen Olympiastützpunkt Tauberbischofsheim erscheint ein mit Mund-Nasen-Schutz versehener drahtiger Mann mit graumelierten, leicht schütteren Haaren, dem man seine mittlerweile 76 Lebensjahre nicht ansieht. Gleich hinter dem Eingang schreitet man zunächst durch einen langen Gang, eine Art von Hall of Fame. Denn mit mehr als 380 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften sowie mehr als 650 Medaillen bei deutschen Meisterschaften zählt der Fecht-Club zu den erfolgreichsten Sportvereinen weltweit. Unvergessen der größte Triumph mit Gold-, Silber- und Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul von Anja Fichtel, Zita Funkenhauser und Sabine Bau. Aber nicht nur die bekannten Athleten und Athletinnen wie Alexander Pusch oder der heutige IOC-Präsident Thomas Bach sind an der Wall of Fame abgebildet, sondern auch Größen aus der Wirtschaft und der Politik wie Altbundeskanzler Helmut Kohl.

Einige Meter vor der Trainingshalle vernimmt man den hellen Klang der Fechtwaffen und die lauten Ansagen der Trainer. Auf den Fechtbahnen wird gerade die Fechtaktion "Parade - Riposte" eingeübt. Das ist eine Verteidigungsform, bei der zunächst die Klinge des gegnerischen Angreifers "pariert", wird, um dann sofort mit geschickter Beinarbeit und Schnellkraft mit einer Contraaktion in den Angriff überzugehen, das heißt zu ripostieren. Nach einer Hängepartie, in der sich die Verantwortlichen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) lange gegen die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio 2020 gesträubt hatten, wurden Ende März 2020 die Olympischen Sommerspiele aufgrund der Pandemie auf 2021 verlegt. Auf die Frage, ob die Absage unter Federführung seines ehemaligen Fechtkollegen und heutigen IOC-Präsidenten Thomas Bach sich nicht doch zu lange hinausgezögert und damit die Reputation des höchsten Sportpolitikers stark gelitten habe, sagt Hehn: "Für mich war der Zeitpunkt der Absage der Spiele 2020 gerade richtig. In seinem Amt als IOC-Präsident kann er es nicht allen recht machen. Zu allen Entscheidungen des IOC und seines Präsidenten wird es immer Lob und auch Kritik geben. Eines weiß ich: Das Wohl der Athleten steht bei Thomas Bach an erster Stelle." Der ehemalige Degenspezialist meint, dass sich die Ausgangslage mittlerweile verändert hat. Der Beginn der Spiele wurde auf den 23. Juli 2021 festgelegt. "Eine erneute Verlegung wird es nicht geben. Wir wissen mehr über die Pandemie, es gibt hoffnungsvolle Ergebnisse bei der Behandlung der Erkrankung. Nach der Entwicklung und dem Einsatz von Impfstoffen wird sich auch unser Leben in Richtung zunehmender Normalität entwickeln."

Obwohl zurzeit noch die große Mehrheit der japanischen Bevölkerung laut einer Umfrage der nationalen Nachrichtenagentur Kyodo gegen eine Austragung der Olympischen Spiele 2021 ist, glaubt Hehn noch an einen Stimmungswechsel, so dass man letztendlich nicht gegen den Willen der Bevölkerung des veranstaltenden Landes ein Großereignis "durchziehen" muss. Das Ziel der Spiele sollte ein Fest der Völkerverständigung und der Freude bleiben. "Leider war das in der Vergangenheit nicht immer so. Ich denke an die Studentenproteste im Mexiko 1968 und deren brutale Niederschlagung, an München 1972 mit dem schrecklichen Terroranschlag, aber auch an die Versuche, mit unsportlichen Mitteln erfolgreich zu sein."

Trotz eines riesigen organisatorischen Aufwandes mit erwarteten 11 000 Athleten aus 206 Nationen, 5000 Offiziellen und Trainern, an die 20 000 Medienvertretern und 60 000 Volunteers, die man nicht alle unter Quarantäne stellen kann, ist für Jürgen Hehn die Durchführung der Spiele 2021 mit Einschränkungen wie Begrenzung von Zuschauern und Betreuern vorstellbar. "Die Erfahrungen mit der Pandemie werden immer besser, ebenso wie die Strategien, mit der Pandemie zu leben." Aber er fügt gleich an: "Die Frage nach Olympia 2021 um jeden Preis kann ich nur mit Nein beantworten. Sportliche und kommerzielle Gründe sind zweitrangig. Die alles entscheidende Frage ist doch: Kann die Gesundheit aller Beteiligten gewährleistet werden? Wenn das bejaht werden kann, dann sollte Olympia 2021 in Tokio stattfinden. Aber alles ist jetzt noch Spekulation."

Eine erneute Absage von Olympia wäre für die vielen Athleten, die ihren ganzen Fokus auf die Spiele 2020 gelegt haben, besonders bitter. "Sie haben berufliche Ziele, Familienleben und Freundschaften diesem einen Ziel Olympia untergeordnet." Der ehemalige Olympionike wünscht, dass sich die Umstände der Corona-Situation so entwickeln, dass die Sichtweise der Sportlerseele gegen die Bedenkenseite des Arztes obsiegen wird.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Alena Bachmann

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