Marcels kleine Welt in der Welt

Auch wenn der Augustinerorden wie auch zum Beispiel die Franziskaner und Dominikaner zu den Bettelorden gehört, verstehen wir uns eher als Gütergemeinschaft, in der wir alles miteinander teilen", sagt Bruder Marcel, der vor seinem Klostereintritt Marcel Holzheimer hieß und bis zu seinem Abitur 2007 das Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium im unterfränkischen Münnerstadt besucht hat, das seit dem 19. Jahrhundert maßgeblich von Augustinern getragen und bis vor einigen Jahren aktiv auch in der Lehrtätigkeit von ihnen mitgestaltet wurde. Von positiven Eindrücken geprägt, entschied Marcel sich, in den Orden einzutreten. Im Rahmen seines Postulats, sozusagen einer Bitte um Aufnahme in den Orden, hat er in der Pforte und der Sakristei mitgearbeitet. Ein tieferes Kennenlernen ist mit dem nächsten Schritt, dem Noviziat, verbunden, "wenn sich beide Seiten vorstellen können, dass es weitergeht". Damit verknüpft ist die Einkleidung in den schwarzen Habit und die Annahme eines Namens. "Da ich schon immer ein Mensch war, der sich schlecht entscheiden kann, bin ich bei meinem Taufnamen geblieben. Der Ordenseintritt wurde und wird oft als Eintritt in eine ,neue Welt' gesehen, und man bekommt üblicherweise einen neuen Ordensnamen. Ich sehe das allerdings eher als einen neuen Lebensabschnitt."

Es gibt mehrere Gründe, weshalb er sich für seinen Weg entschieden hat: "Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, immer gut aufgehoben zu sein. Augustiner zu sein bedeutet auch nicht, ohne Hadern an Gott zu glauben; ich würde nicht behaupten, dass alle Augustiner strenggläubige Katholiken sind und denken, sie wüssten alles über Gott. Wir sind eher Gottsuchende." Entgegen vielen Vorurteilen bedeutet das Leben im Kloster nicht automatisch Abschottung: "Man kann unseren Konvent, unser Kloster in Würzburg als kleine Welt mitten in der Welt verstehen. Wir pflegen Beziehungen, Freundschaften und möchten nahe an den Menschen sein, um sie erreichen zu können." Nach dem Leitsatz "Ich will, dass du bist", den man dem Gründervater Augustinus von Hippo nachsagt, leben die Augustiner ihr Leben. Ein typischer Tag besteht aus dem Morgengebet, dem gemeinsamen Frühstück und individuellen Tätigkeiten. Bruder Marcel kümmert sich als Prokurator um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er ist bei Neueinstellungen dabei, versucht Probleme im Arbeitsalltag zu lösen, fungiert als Schnittstelle zwischen den Abteilungen Pflegestation, Küche und Haustechnik. "Dadurch, dass wir Mitbrüder in einem Haus leben und arbeiten, sind die Grenzen hin und wieder etwas fließend. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Mitarbeiterin, die gerade Nachtdienst auf der Pflegestation hat, meint, sie müsste um 23 Uhr mal etwas mit mir besprechen. Da fällt es mir schon nicht leicht, ein offenes Ohr zu haben. Je nachdem, wie dringend es ist, habe ich dann eins oder eben nicht." Meist gehört ein Gottesdienst und das Mittagessen dazu. Er bereitet Gottesdienste vor, nicht nur Eucharistiefeiern, auch Formen wie "Musik & Meditation".

"Zwischendurch gibt's natürlich auch mal einen Kaffee mit einer Freundin, einem Freund oder Kinobesuch am Abend." Nach dem Abendgebet gehören gesellige Gemeinschaftsabende bei einem Glas Wein und einem Bundesligaspiel genauso zum Ordensleben dazu wie das Einbringen der Stärken, die jeder hat.

Nicht immer läuft innerhalb der Klostermauern alles glatt: "Natürlich gibt es bei uns auch durchaus mal Zoff, und man regt sich tierisch über einen Mitbruder oder eine Angelegenheit auf, aber irgendwie rauft man sich dann trotzdem wieder zusammen und klärt die Sache. Grundsätzlich muss man natürlich festhalten, dass wir zwölf Mitbrüder im Konvent sind - von Mitte zwanzig bis Ende siebzig. Wenn da Diskussionen losgehen, können erst mal zwölf unterschiedliche Meinungen im Raum stehen. Das kann schon beim Einräumen der Spülmaschine anfangen, spannend wird es aber auch, wenn wir mal ein Auto kaufen müssen. Da bei uns alles demokratisch entschieden wird, kann sich das auch schon mal - mitunter auch emotional - hochschaukeln."

Bruder Marcel erinnert sich an Zweifel: "Ich bin ja nicht mit voller Überzeugung eingetreten. Ich hätte mir genauso gut vorstellen können, eine Familie zu gründen. Kurz vor der ewigen Profess, dem Versprechen, ein Leben lang nach der Ordensregel und den Gelübden zu leben, habe ich mich während eines Auslandssemesters in Jerusalem ziemlich verliebt. Daraus wurde erst mal eine schöne Zeit des Verliebtseins, eine Zeit mit vielen Höhen, aber auch mit Tiefen, eine Zeit des Hin- und Hergerissenseins, der Nähe und Distanz, eine Zeit, in der auch auf beiden Seiten viele Tränen geflossen sind. Es hat sich eine sehr gute Freundschaft entwickelt, über die wir beide sehr froh sind. Mein damaliger Mentor hat das nach meiner Rückkehr schon vermutet und mich darauf angesprochen." Als wichtigsten Schritt sieht Bruder Marcel dabei, ehrlich mit sich selbst zu sein und abzuwägen, ob man sich eher an die Gemeinschaft oder eine bestimmte Person binden wolle.

Die augustinische Gemeinschaft ist weltweit tätig, unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo. "Neben finanzieller Unterstützung gibt es Projekte für Schulen, Wasser, Bienen und gegen Aids, die wir mittragen. Ebenso leisten wir pastorale Seelsorge." Die Augustiner sitzen in der Hauptstadt Kinshasa und den nordöstlichen Städten Dungu, Poko und Amadi. Um an diese entlegenen Orte zu gelangen, wo Marcel missioniert hat, empfiehlt sich die Anreise per Kleinflugzeug. "Ich habe schon von Leuten gehört, die im Busch übernachtet und dabei Bekanntschaft mit einer Schlange gemacht haben. Die nicht asphaltierten Straßen sind von Schlaglöchern übersät." An der weitverbreiteten Korruption komme man nicht vorbei. "Am Flughafen wurde uns gesagt, dass man unsere Kamera beschlagnahmen müsse. Mit dem nötigen Kleingeld bekommt man das dann trotzdem geregelt."

In Amadi betreiben die Augustiner eine Aids-Beratungsstation. "Neben der Beratung zu Prävention und Maßnahmen bei einer Erkrankung ermöglichen wir auch Tests und Behandlungen." Ein Konvent in Dungu hat für den Bau eines Kindergartens, einer Primarschule und einer Art Internat für junge Männer gesorgt. Für Kinder wird eine warme Mahlzeit am Tag bereitgestellt. Meist aus einer Maniok-Grundlage mit Fleisch oder Fisch. "Ich habe einmal beim Ausgraben einer Termitenkönigin zugesehen, dieses Essensangebot aber dankend abgelehnt", lacht er.

Die zahlreichen Flüchtlinge in der Umgebung von Dungu stammen zumeist aus anderen Teilen des Landes oder aus Südsudan. "Sie sind gewissermaßen vogelfrei und leben in den Flüchtlingslagern unter katastrophalen Umständen. Eine Mutter, die dort lebt, bringt ihr Kind jeden Morgen vier Stunden zu Fuß zum Kindergarten. Ehemalige Kindersoldaten aus der Lord's Resistance Army, einer ugandischen Widerstandsbewegung, die gekidnappt und zur Teilnahme in dieser Armee gezwungen wurden, erzählen uns ihre grausamen Geschichten. Wir bauen dort ein neues Zentrum für Bildung, Ausbildung und psychologische Betreuung auf, um ihnen wieder Halt zu geben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - David Bieber

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