Priester für 30 000 digitale Gläubige

Die Glocken läuten zum Gottesdienst in der Basilika Nuestra Señora de las Mercedes in Oria, einem Dorf in der Provinz Almería in Andalusien. Es ist Sonntag, die Gläubigen besetzen die Bänke mit den gebührenden Abständen, die das Protokoll, das die Pandemie verhängt hat, vorsieht. In der Sakristei zieht Pater Juan Manuel Góngora die Mönchskutte an. Mit 32 Jahren ist er einer der jüngsten Priester in Andalusien. Vor dem Altar befindet sich eine Kamera, mit der die Sonntagsmesse über Live-Stream bei Twitter übertragen wird. 3200 sogenannte "Follower" nehmen auf diese Weise an der Messe teil.

"Le llamamos el cura millennial", wir nennen ihn den Millenniums-Priester, scherzt ein alter Mann. Oria ist eine kleine Gemeinde mit knapp 2000 Einwohnern. Aber die meisten von Juan Manuels "Schäfchen" sitzen nicht auf den Bänken der Kirche, sondern auf der anderen Seite des Mobiltelefons oder des Computers. Pater Góngora hat verstanden, dass die Kirche soziale Netzwerke nutzen muss, um insbesondere junge Leute zu erreichen. Mehr als 30 000 Menschen folgen ihm auf Twitter, was ihn zu einer der Persönlichkeiten aus Almería mit den meisten Followern macht. Der Bürgermeister von Almería hat etwas mehr als 9000, der Präsident des Provinzialrats nur 1500. Täglich bemüht er sich, "das Wort des Herrn" über Twitter zu verbreiten. "Ich erhebe meine Seele zu dir, o Herr; mein Gott, auf dich vertraue ich, lass mich nicht enttäuscht werden, lass meine Feinde nicht über mich triumphieren; denn diejenigen, die auf dich hoffen, werden nicht enttäuscht werden." Täglich lädt er Tweets hoch mit solchen Bibelstellen.

"Ave María Purísima. ¡Brindo por mis panas! Bendiciones a todos." - "Ave Maria Purisima. Ich stoße auf die an, die mir folgen! Seid gesegnet." Dieser Tweet wurde mit einem Foto von ihm mit einem Glas Bier gesendet. Mit derartigen täglichen Kurznachrichten schafft er es, dem katholischen Glauben unter jungen spanischen Twitter-Usern Gehör zu verschaffen. Diese antworten ihm mit Emojis mit Herzen im Gesicht und drücken ihre Begeisterung in Kurznachrichten aus: "Me muero de ganas de ir a Oria solo por asistir a su misa, padre!" - "Ich kann es kaum erwarten, nach Oria zu kommen, nur um an Ihrer Messe teilzunehmen!", lautet einer der mehr als 400 Kommentare, die er auf seinen letzten Tweet erhalten hat. Ein anderer Follower bittet, auf der Kirchenorgel einen Pop-Song zu spielen. Pater Góngora verschickt wöchentlich mehrere Videos auf Twitter, in denen er Gitarre, Klavier oder Orgel spielt und dazu singt. In einem dieser Musikvideos spielt er zur Feier des Advents seine Version des Liedes "Rorate Caeli" auf der Orgel der Basilika. Bei der Aufnahme waren nur etwa zehn betagte Gläubige anwesend, auf Twitter hat seine moderne Version dieses Kirchenlieds mehr als 10 000 Aufrufe.

Juan Manuel Góngora wurde 1988 im Dorf Fiñana geboren und lebte als Kind in der Stadt Almería. Er stammt aus einer zutiefst katholischen Familie. Ein Großonkel väterlicherseits war Erzbischof von Cúllar-Baza. Zunächst entschied er sich für ein geisteswissenschaftliches Studium. "Bis der Herr eines Tages an meine Tür klopfte", sagt er. Sechs Jahre lang wurde er im Diözesanseminar von Almería ausgebildet, bis er zum Priester geweiht wurde. Unter seinen Gemeindemitgliedern ist er Pater Juan Manuel. Auf Twitter ist er @patergongora, der Priester für rund 30 000 digitale Gläubige. Und es werden täglich mehr. Für ihn ist die Plattform ein Sprungbrett, um jungen Menschen eine neue Perspektive auf das Evangelium zu geben. "Ich fing an, an Sonntagen kurze Predigten ins Netz zu stellen, in einer Sprache, die dem Jargon junger Leute näher war, aber die Botschaft trotzdem vermittelte." Seine Zielgruppe sind die "Zoomers", Angehörige der Generation Z, die zwischen Mitte der 1990er und Anfang der 2000er Jahre geboren wurden.

 

Mit seinem ansprechenden Predigtton, seinen Musikvideos zu religiösen Themen im Stil von Pop-Songs und seinen politischen Kommentaren gewann Padre Góngora mehr und mehr Anhänger. Unter seinen twitternden digitalen Gemeindemitgliedern befinden sich politische Schwergewichte wie Santiago Abascal, Vorsitzender der drittstärksten Partei Vox, und Pablo Casado, Vorsitzender der stärksten Oppositionspartei Partido Popular. "Basado" ist der Begriff, der in Spanien auf Twitter verwendet wird, um Menschen zu definieren, die politisch inkorrekt sind. Ein Basado-Priester zu sein hat ihm einige Online-Feindschaften eingebracht, unter anderem des Vizepräsidenten der spanischen Regierung Pablo Iglesias. Offenbar hat ihm seine politische Haltung gegen Euthanasie und Abtreibung die Sympathie der konservativen Vox-Anhänger eingebracht. "Meine politischen Kommentare sind aus den Lehren des Evangeliums abgeleitet, so wie ich es verstehe", sagt er.

 

Von den spanischen Linken wird er als "Facha" beschimpft, wie Konservative häufig von Links-Anhängern bezeichnet werden, aber er flieht vor Etiketten. "Sehe ich mich als Facha, als Faschist? Politische Etiketten sind nichtssagend. Was ich bin, ist katholisch, apostolisch und römisch, durch die Gnade Gottes. Wir Priester stehen über dem, was als links und rechts angesehen wird. Als Priester kann ich keiner Partei beitreten. Der Priester ist Priester von allen, ich habe Freunde der einen und der anderen Ideologie." Einen Politiker bewundert er besonders: Thomas Morus. Von dem englischen Humanisten lädt er häufig Zitate hoch.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Pedro Liedo Echeberria

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