Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, entsprechend groß ist wohl auch der Leistungsdruck. Dieser wird einerseits von den Erwachsenen auf die Kinder übertragen, andererseits zeigt sich bei den Jugendlichen ein eigener Erfolgswille aus Angst um ihre berufliche Zukunft. Selbst bei den Elfjährigen leidet ein Drittel unter Stress und Leistungsdruck mit gravierenden Auswirkungen wie Selbstzweifel, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit bis hin zu Depressionen", erklärt Daniel Sigrist besorgt. Der große 32-Jährige mit den rotblonden Haaren und Sommersprossen hat Psychologie an der Universität Zürich studiert und ist Yogalehrer.
Er arbeitet als Psychologe bei einer Online-Beratungsstelle und als Klassenassistent in den Bundesasylklassen in Zürich, im selben Schulhaus, in dem er zweimal wöchentlich Yoga für Kinder unterrichtet. Im September 2017 hat er mit seiner Kollegin Janine Keller den Plan für sein Herzensprojekt entwickelt. "Wie ein Blitz hat mich die Idee im August 2017 in einem Yoga-Teacher-Training auf Bali getroffen. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, habe Notizen in ein kleines Büchlein gekritzelt. Meine Idee war, Kinder und Jugendliche mit den Tools aus dem Yoga zu begleiten, ihnen mittels Yoga zu helfen, mit Stresssituationen im Alltag besser umgehen zu können."
Yoga ist eine 5000 Jahre alte philosophische Lehre und ganzheitliche Wissenschaft, deren Ziel es ist, Körper und Geist in Einklang zu bringen. "Man lernt, die eigenen Sinne zu kontrollieren und zu zähmen, als ob diese wilde Pferde wären, damit man auf sich selber fokussieren kann", erklärt Daniel Sigrist enthusiastisch. "Du konzentrierst dich auf deine Atmung, während du dich aber bewegen darfst. Gerade für mich, mit einem leichten ADHS, war dies ein Geschenk, denn Stillsitzen war damals für mich eine Qual."
Das Interesse der Schulen sei groß, die langfristige Finanzierung ein Problem. "Wir arbeiten mehrheitlich noch immer unentgeltlich." Sigrists Ziel ist es, von einer Stiftung finanziert zu werden. In der Schule unterrichtet Daniel Sigrist Yoga als Achtsamkeitstraining. "Wichtig ist dabei, dass es wissenschaftsbasiert und religionsfrei unterrichtet wird", betont er. Seine Lektionen sehen immer unterschiedlich aus. Das liegt daran, dass er es den Kindern überlässt, den Unterricht zu gestalten. Die Primarschüler seien wahnsinnig kreativ und kämen mit vielen Ideen, oft hätten sie sogar etwas in kleinen Gruppen vorbereitet. "Wenn wir tief durchatmen, signalisieren wir unserem vegetativen Nervensystem, dass nun eine Pause angesagt ist. Wir sind dem Stress nicht wehrlos ausgesetzt, sondern können uns bewusst entspannen lernen. Es gibt enorm viele berührende Momente. Zum Beispiel, als ein etwas pummeliger, dafür unglaublich liebenswürdiger und lustiger Junge sich zuerst die Krähe, eine etwas schwierige Yogaübung, nicht zugetraut hat, es dann plötzlich funktioniert hat und er bis über beide Ohren gestrahlt hat. Ich konnte mit jeder Lektion zuschauen, wie sein Selbstvertrauen wuchs."
Aufgrund des Lockdowns wurden alle Yogalektionen vor Ort eingestellt. Stattdessen werden ein Glückstagebuch und kurze Yogavideos produziert und eine wöchentliche Online-Yogalektion angeboten. Viele Schüler nehmen daran teil, vermissen aber das gemeinsame Üben in den Gruppen. "Ganz lässt sich die Erfahrung über den Computer nicht ersetzen." Sigrist sagt: "Ich wünsche mir für unsere Jugend: Lernt euch selbst besser kennen, hört auf euer Inneres und geht selbstbewusst euren eigenen Weg."