Besonders mag sie den Austausch bei der Visite

Sich vorstellen, was dieser Beruf bedeutet, kann man nicht, bis man ihn für einige Zeit ausgeübt hat", erklärt Elisabeth Weber. Und gerade in den ersten Wochen, Monaten oder sogar Jahren als junge Assistenzärztin fühlte sich die heute 50-jährige Chefärztin oftmals überfordert. Nicht nur mit den zwischenmenschlichen Situationen, sondern auch fachlich, denn in diesem Beruf geht es immer um Gesundheit oder Krankheit, Leben und Tod. Trotzdem fühlte sich die Internistin seit Beginn ihrer Zeit als Ärztin im richtigen Beruf.

"Ich will nie eine Arbeit haben, bei der ich permanent die nächste Pause herbeisehne, das habe ich bei meiner Bürotätigkeit gemerkt." Die Arbeit im Büro, in dem sie die Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten abschloss, war für sie viel zu langweilig. Sie holte die Maturität nach und entdeckte ihr Interesse an Naturwissenschaften, Biologie im Speziellen. Für Elisabeth Weber "ist immer der Weg das Ziel", so auch das langwierige Medizinstudium, bis sie 2001 ihr Staatsexamen an der Universität Zürich abgelegt hat.

Oft bekommt man zu hören, dass zwischen Medizinstudierenden ein großer Konkurrenzkampf herrscht, im Umfeld der sympathischen Brünetten war das anders: "Es haben einfach alle ihr Bestes gegeben, alle, die sich auf dieses umfangreiche Studium einlassen, strengen sich an dabeizubleiben. Wir haben oft zusammen gelernt und uns gegenseitig unterstützt." Dennoch kann man im Studium nicht alles lernen, "denn dort lernt man sehr wenig über die zwischenmenschlichen Beziehungen, die den Berufsalltag prägen".

Ursprünglich wollte Elisabeth Weber den Facharzt in Psychiatrie erlangen, doch dafür muss ein Fremdjahr, also ein Jahr in einer anderen Fachrichtung, absolviert werden. Also hat sie mit der Inneren Medizin gestartet und hat einfach nicht mehr aufgehört. "Es hat mir einfach den Ärmel reingenommen", schwärmt sie. Aber sie hat eine zusätzliche Ausbildung in der psychosomatischen Medizin. Während dieser weiteren Ausbildung hat sie gelernt, Patienten zu helfen, die Symptome haben, bei denen man kein somatisches Korrelat dazu findet. "Man muss diese Patienten ernst nehmen, denn sie erleben die Symptome wirklich", sagt die empathische Mutter und engagierte Dozentin.

"Obwohl die Medizin so viele verschiedene Gebiete hat, rate ich jeder und jedem, nach dem Studium ein bis zwei Jahre Innere Medizin zu machen." Sie war in vielen verschiedenen Spitälern, einige davon auch außerhalb der Schweiz. In der Inneren Medizin gibt es viele Arbeitsplätze. "Wenn man Ober-ärztin werden will und es andere gibt, die denselben Weg machen wollen, beobachtet man schon, was die anderen machen, aber auch hier konnte man nicht von einem Konkurrenzkampf sprechen."

Mittlerweile ist sie seit Mai 2020 als erste weibliche Chefärztin am Stadtspital Waid in Zürich engagiert und somit verantwortlich für viel mehr als nur einige Patienten. Auch die Ausbildung neuer Assistenzärzte, das Dozieren an der Universität Zürich, Organisieren von Kommunikationskursen für ihr Team, die eigene Weiterbildung und auch viel Administratives gehören zu ihrem Beruf. Die 60-Stunden-Arbeitswoche beginnt oft um fünf Uhr morgens, ein Tag kann bis 19 Uhr dauern. Er ist gefüllt mit Patienten, Visiten, Mitarbeitergesprächen, spitalpolitischen Sitzungen und weiteren Leitungsaufgaben. Es gibt nicht viele Frauen in leitenden Positionen in der Medizin, obwohl inzwischen mehr Frauen als Männer Medizin studieren. "Frauen sind tolle Ärztinnen, wir benötigen sie in der Medizin." Wenn jemand Teilzeit arbeiten möchte, ist das im Team der zweifachen Mutter kein Problem. Obwohl sie nie das Gefühl hatte, diskriminiert zu werden, war es doch immer so, dass sie als Frau einfach von einer anderen Basis startete als ein Mann, wenn es darum ging, sich Respekt zu verschaffen. So wurde dem Konzept des "Jobsharings", bei dem es darum geht, dass sich zwei Personen denselben Job teilen und je 50 Prozent des Pensums abdecken, das sie in einem anderen Spital vorstellte, mit viel Skepsis begegnet, und sie war unter großem Druck zu beweisen, dass es funktioniert. "Es funktioniert einwandfrei, und so habe ich das Jobsharing weiter etabliert, auch hier." Die Mutter von zwei Teenagern selbst arbeitet genau wie ihr Mann, der auch Chefarzt ist, zu 80 Prozent.

Als zunächst stellvertretende Chefärztin sei sie in ihre Position reingewachsen. Neben Aufgaben wie wichtigen übergeordneten Diskussionen bezüglich der wirtschaftlichen Aspekte im Gesundheitssystem gebe es auch die tollen Teile, wenn sie bei der Visite mit Assistenzärzten und Oberärzten diskutieren kann. "Die Visite ist das Konzentrat der internistischen Arbeit, hier wird das ganze Fachwissen gebraucht, aber auch das psychosoziale." Auch die Schichten auf dem Notfall gehören manchmal zu ihren Aufgaben. Dort sind auch die meisten Stresssituationen zu finden. "Wenn man nicht weiß, was die Patienten haben, und drei oder vier da sind, bei allen parallel entschieden werden soll, wie es weitergeht, was man als Nächstes machen soll, kann das schon sehr stressig sein, in solchen Momenten ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren." Auch Patienten, bei denen sie nicht ganz sicher ist, was die nächsten passenden Therapieschritte sein könnten, seien herausfordernd. Sie versucht, einen Ausgleich für sich zu schaffen, mit zweimaligem Joggen in der Woche, Gesprächen mit der Familie oder Freundinnen oder Gesangsunterricht.

Dennoch gibt es Vorfälle, die sie nicht vergessen kann; Patienten, die aggressiv werden, das Team bedrohen, oder wenn man eine Diagnose verpasst hat, geht ihr das nahe. Faszinierend findet sie die Abgründe der Menschen, zwischenmenschliche Beziehungen, Familienkonstellationen, die im Spital auftauchen, oder das Schicksal. Manchmal machen Patienten und Verwandte Vorwürfe. Manchmal werden Klagen eingereicht. Es tauchen schwierige ethische Fragen auf, wann es vielleicht eher im Sinne des Patienten wäre, ihn im Frieden gehen zu lassen. Man muss empathisch sein und sich dennoch abgrenzen können. "In der Medizin kann man sehr einfach zerfließen, deswegen ist es am Schluss das Wichtigste, bei sich selbst zu bleiben und Freude an dem zu haben, was man macht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Miranda Spahn

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