Barfuß in Bayern

Die Straßen von Rosenheim sind nass, die Luft ist kühl. Neben der Ampel wird man auf einmal von zwei nackten Füßen aus seinem Alltagstrott gerissen. Sie gehören nicht etwa zu einem Obdachlosen, vielmehr zu Regine Schreiber. Bei ihr scheitert das Laufen in Schuhen nicht am Geld. Schon als Kind hatte sie mit extremen Schweißfüßen zu kämpfen. "Meine Füße brauchen einfach frische Luft", erklärt sie bei einem Spaziergang in den Inn-Auen, bei dem sie, wie eigentlich immer, weiße Kleidung trägt. Seit drei Jahren ist sie, vor allem wegen ihrer zwei Hunde, täglich draußen unterwegs. "Viele denken, im Sommer barfuß zu laufen ist die optimale Jahreszeit, aber die besten Zeiten sind eigentlich Frühjahr und Herbst, da ist der Boden angenehm warm." Die 28-Jährige besitzt nur noch Birkenstocksandalen für ihre Logopädiepraxis in der Innenstadt und ein Paar Wanderschuhe. Sommerschuhe kauft sie grundsätzlich nicht. "Schuhe sind zwar ganz nett, aber ich brauche sie nicht." Selbst die 40 Kilometer nach Oberreith zu ihrem damaligen Freund hat sie oft zu Fuß zurückgelegt. "Du bekommst eine ganz andere Wahrnehmung für Zeit. Du gehst halt gemütlich deine acht, neun Stunden, dann schätzt du es auch ganz anders, anzukommen." Sie möchte länger auf Wanderschaft gehen, wahrscheinlich nach Portugal. "Einfach unterwegs sein, ohne Zeitdruck, ohne alles." Ihr geht es um das Laufen an sich. Ihre Wanderschuhe hat sie nur für den Notfall dabei. Ihre Füße sind inzwischen abgehärtet. "Es sind nicht nur die Füße, es ist ganz viel Kopfsache." Wenn die Leute fragen, ob ihr nicht kalt sei, sagt sie oft: "Ich merke, dass es kalt ist, aber es macht mir nichts. Die Kälte ist schon physisch da, aber sie ist nicht mein Feind." Was im ersten Moment abschreckend wirkt, ist gut für die Durchblutung. Beim Gehen in Schuhen mit festen Sohlen wird die Muskel-Venen-Pumpe weniger angeregt, da der Fuß nicht mehr die Möglichkeit hat, sich richtig abzurollen. Außerdem verschlechtert sich dadurch unsere Fußmuskulatur und damit die gesamte Körperhaltung.

"Ich habe das Gefühl, dass meine ganze Wirbelsäule sich dadurch anders ausrichtet", berichtet die 55-jährige Alexandra Meyer. Sie ist eine sportliche Hausfrau aus Kolbermoor und Mutter von fünf Kindern. Auf das Barfußlaufen ist sie aus gesundheitlichen Gründen gekommen, mittlerweile hat sie ihre Familie damit angesteckt. Für sie ist es unverständlich, zu Hause Pantoffeln zu tragen. Barfußlaufen kann Fußfehlstellungen vorbeugen oder sogar ausgleichen. "So ein ordentlicher Barfußfuß sieht einfach viel gesünder aus, auch noch mit 80." Selbst auf ihren Bergtouren ist sie so unterwegs. "Da spürt man Muskeln hinterher, die hat man noch nie gespürt."

Das tut auch der Seele gut. "Du spürst alles viel detaillierter, du bist mit dem Boden verbunden", schwärmt Regine Schreiber. Physische Reize, die auf die Fußsohlen treffen, sorgen für die Ausschüttung von antidepressiv wirkenden Endorphinen im Körper. Alexandra Meyer sagt: "Du überlegst dir genau, wo du deinen Fuß hinsetzt. Für mich ist das ein ganzheitlicheres, bewussteres Gehen." Das bestätigt Regine Schreiber, die noch nie in Scherben getreten ist. Im Gegensatz zu ihr bevorzugt Alexandra Meyer, auf warmem Boden zu laufen. Sie mag es nicht, im Herbst Schuhe anzuziehen. Die Lösung sind Barfußschuhe, die sie auch zum Tanzen trägt. "Schöne Schuhe trage ich nur als Schmuck, wenn ich weiß, dass ich mich nicht bewegen muss." Regine Schreiber wurde schon angesprochen, ob sie Geld für ein Paar Schuhe bräuchte. Regelmäßig fragen Leute, ob das wirklich gesund ist. Für sie sei das "wie eine permanente Sozialstudie".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Carina Budde

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