Zu zweit auf 13 Quadratmetern

Es war mein Kindheitstraum. Ich wollte schon immer in einem Tiny House leben", sagt Viviane Wisler strahlend. Hinter ihr befindet sich eine große Fensterfront, durch die ihr Tiny House mit Licht durchflutet wird. Es befindet sich auf einem vorübergehend zur Verfügung gestellten Areal in der Ostschweizer Gemeinde Altstätten. Es ist ein Ort, wo neue Lebensformen erprobt werden. Die Bauwagen und Tiny Houses befinden sich auf einer Wiese, links und rechts von einer Straße, die durch das ganze Grundstück führt.

Die 53-Jährige hat mit Hilfe ihres Lebenspartners Fredi Niederer einen Container auf Rädern ausgebaut. "Unser Wunsch war es nicht einfach, die Größe eines normalen Hauses in ein kleines reinzupressen", erklärt die Reittherapeutin, während sie auf dem Holzrost sitzt, der Schubladen unter sich verbirgt. "Wir wollten es einfach anders." So kam das Paar auch auf die Idee, die Schubladen auf dem Boden zu plazieren. "Es ist zwar nicht immer praktisch, aber so gefällt es uns. Wir wollten die Wände möglichst frei halten, um den Platz zu optimieren." Ihr Haus ist rund 13 Quadratmeter groß, sie mussten genau abwägen, wie sie diese Fläche nutzen wollen. Sie haben Modelle aus Karton gebastelt, etliche Stunden mit Zeichnen verbracht und geplant, wie sich das Tiny House, dem Wetter und der Jahreszeit angepasst, optimal einrichten lässt. "Aufgrund dieser Überlegungen erkennt man, wo man seine Sachen hinstellen könnte", sagt der 57-Jährige. Er sitzt in Jeans und Fleecejacke auf einer Holzbank, die auf einer leicht erhöhten Ebene gegenüber der Fensterfront steht. Diese besteht aus 24 kleinen, doppelverglasten Scheiben, die von einer alten Eisfabrik stammen.

Das einfallende Tageslicht wird von der Chromstahlstange, die die Bank zusammenhält, reflektiert. Wichtig sei ihnen die Platzoptimierung und Ästhetik gewesen. So haben sie die Holzbretter für Boden und Bank selbst angefertigt. "Die Inspiration dafür fanden wir auf Youtube. Wir haben ein Feuer gemacht in einer Feuerschale und die Holzbretter langsam darübergezogen. Nachdem sie gebrannt haben, löschten und schliffen wir die Bretter ab. Dadurch entstand diese einzigartige Struktur." Der Berufschullehrer zeigt auf den weiß lasierten Boden im Vintage-Stil. Die Bretter hatten sie neu gekauft, sonst aber versuchten sie ihr Haus möglichst mit wiederverwendeten Materialien auszustatten. So stammen die Bretter des Bettgestells von einem alten, grünen Heuladewagen der Marke "Hamster". Durch das Heu wurde die Farbe der grünen Bretter unterschiedlich stark abgeschliffen. "Dieses Hamstergrün gab unserem Tiny House den Namen. Zusammengesetzt mit ,Home' entstand der Begriff Homster."

"Das reduzierte Leben ist ein Mehrwert aus meiner Sicht und kein Verzicht", sagt die durchtrainierte Allrounderin. Beide legen Wert darauf, ressourcenschonend und "konsumreduziert" zu leben. Durch den begrenzten Raum bleibt kein Platz für neue Gegenstände. Alles, was da ist, hat seinen Ort und seinen Zweck. Der Innenraum des handwerksbegeisterten Duos ist zwei Meter und 80 Zentimeter hoch. Das Bett hängt an der Wand gegenüber der Fensterfront und ist an der Decke montiert. Ebenfalls dort befestigt sind cremeweiße Vorhänge, wodurch es wie ein Himmelbett wirkt. "Am Morgen schaue ich vom Bett aus in die Küche und finde es einfach nur genial." Viviane Wisler lächelt verschmitzt und rückt ihre schwarz umrandete Brille zurecht. Direkt unter dem Bett befinden sich die Toilette und das Büro, wo man stehen kann, ohne sich zu ducken. Ihr Schreibtisch hat dieselbe markante grüne Farbe wie das Bettgestell. Auf einem Flohmarkt hat die Hausherrin einen Motorradsattel ergattert und zum Bürostuhl umfunktioniert. Keinen Meter daneben befindet sich die Toilette, die aber noch nicht ganz fertig ist. "Wir wollen ein Kompost-WC daraus machen", erklärt sie stolz. "Hier gibt es aber auch Duschen und Toiletten, die wir benutzen dürfen."

Arbeitsraum und Toilette liegen eine Ebene tiefer als die Küche. Die Raumhöhe ist in diverse Niveaus eingeteilt, um das Haus größer wirken zu lassen. Kochen können sie mit einem gusseisernen Holzofen und einer Elektroherdplatte. "Im Sommer kann ich aber auch immer auf einem Gasherd draußen kochen, so lebe ich mehr in der Natur, und das ist schön." Über fließendes Wasser verfügen sie nur im Sommer. In der kalten Jahreszeit können sie in einem Schuppen kaltes und warmes Wasser holen und abwaschen. Auf dem Areal befindet sich ein Stromanschluss, den sie für elektrische Anlagen nutzen können. Durchschnittlich koste der Energieverbrauch täglich lediglich einen Franken.

"Seit ich im Tiny House lebe, hat sich mein Bewusstsein verändert. Ich bin achtsamer geworden. Ich habe nur ein Messer, dafür ein richtig gutes, und das genieße ich bewusst. Ich liebe es, das Leben zu spüren, und fühle mich mit den Elementen stärker verbunden. Jetzt muss ich morgens den Holzofen einheizen, damit es warm wird. Vorher hatte ich einfach eine Zentralheizung. Wenn es stürmt, spüre ich, was passiert", erzählt sie. "Man braucht weniger Geld, und man muss deshalb weniger arbeiten. Ich habe mehr Zeit für mich und meine Freunde. Das ist für mich ein extremer Mehrwert."

Der High-Cube-Container steht auf Rädern. "Wenn das Tiny House nicht mobil ist, gelten dieselben Bauvorschriften wie für ein Einfamilienhaus. Steht es auf Rädern, hat man mehr Freiheiten. Wer einen fixen Standort haben will, muss eine Baueingabe machen und es auf Bauland plazieren", sagt Fredi Niederer. Das Tiny House on Wheels kann für drei Monate fast überall hingestellt werden. Danach muss man es verschieben. Wie weit, variiert je nach Kanton. "Es ist eine Chance, irgendwo zu leben, ohne sich in allen Belangen definitiv entscheiden zu müssen. Man kann immer gehen, wann man will. Dann kommt ein Traktor und bringt uns woandershin", sagt er begeistert. Jedoch müsste sein Arbeitsplatz bei der Gewerbeschule in St. Gallen erreichbar bleiben. Der fahrbare Untersatz, der von einem Traktor gezogen werden kann, stammt von einem Landwirtschaftsgefährt. Der Wagen ist tief, damit das Haus nicht höher als vier Meter ist. Sonst bräuchte es eine Sondergenehmigung, um sich auf öffentlichen Straßen zu bewegen. Ihr Container mit Ladewagen ist drei Meter und 90 Zentimeter hoch.

Auch Wislers Sohn Glenn, zwei weitere Einzelpersonen und zwei Pärchen leben hier in einem Tiny House. "Von meiner Mutter habe ich gelernt, dass weniger oft mehr ist. Zudem war ich schon immer bescheiden", sagt der 26-jährige Zimmermann. Das Gelände wird nur noch ein bis zwei Jahre zur Verfügung gestellt. "Es ist immer ungewiss, wie lange man an einem Ort bleiben darf, man hat diesbezüglich nie eine Sicherheit. Das ist es, was mich reizt und das Leben spannend macht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Anouk Lia Scherrer

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