Fast immer der Reihe nach

Ich finde es wichtig, dass sich jeder impfen lässt, um die Pandemie bald zu beenden", meint Alexandra Bretscher, Arztfachhelferin in einer Allgemeinarztpraxis. Seit kurzem hat die 43-Jährige noch einen Nebenjob. "Ich habe mitbekommen, dass medizinisches Personal für die Impfzentren gesucht wird. Weil ich meinen Landkreis unterstützen wollte, habe ich mich an das Landratsamt Bad Kissingen gewendet und wurde dann an das Rote Kreuz verwiesen. Mit ihnen habe ich einen Vertrag abgeschlossen." Alexandra Bretscher hilft, wenn sie gebraucht wird, an den Wochenenden, auch kurzfristig, im Bad Kissinger Impfzentrum mit. Das bedeutet für sie den Impfstoff aufziehen und verimpfen. Gearbeitet wird im Team: Zwei Personen bereiten den Impfstoff vor, zwei impfen. Schwer klingt es nicht, eine Spritze mit Flüssigkeit aufzuziehen, doch dahinter steckt große Verantwortung. "Alle drei zurzeit verwendeten Impfstoffe werden unterschiedlich vorbereitet", sagt sie.

Bei Astra-Zeneca zum Beispiel kann man aus einer Ampulle zehn bis zwölf Impfdosen aufziehen, während es bei Biontech nur fünf bis sieben sind. Durch die ungewisse Impfdosenanzahl ist es ziemlich schwer, die Termine zu vergeben. Wenn am Ende des Tages noch Impfstoff übrig ist, wird eine Warteliste mit Personen aus der höchsten Prioritätsstufe, also etwa Pfleger aus Alten- und Pflegeheimen, abgearbeitet. Diese Leute werden angerufen und noch am selben Tag geimpft. Allerdings werden manche nicht erreicht oder brauchen etwas länger, bis sie kommen. Dadurch zieht sich das Ende des Impftages nach hinten. Astra-Zeneca kann notfalls bis zum nächsten Tag im Kühlschrank gelagert werden, aufgezogene Impfdosen müssen jedoch verimpft werden. Zuerst wird der Impfstoff aus dem Kühlschrank genommen, dann werden bei Astra-Zeneca und Moderna 0,5 Milliliter aufgezogen. "Der Biontech-Impfstoff ist sehr empfindlich und wird besonders zubereitet. Erst wird er zehnmal vorsichtig geschwenkt, dann gibt man 1,8 Milliliter Natriumchlorid dazu und mischt es wieder vorsichtig. Schließlich zieht man genau 0,3 Milliliter auf. Hierfür werden extra dünne Spritzen verwendet, die eine genaue Dosierung ermöglichen."

Um sich zu schützen, tragen die Helfer weiße Hosen, Pullis oder T-Shirts, die gestellt werden und im Impfzentrum bleiben. Dazu kommen eine FFP2-Maske, Handschuhe und ein Face-Schild. Ist es nicht langweilig, den ganzen Tag das Gleiche zu machen? "Nein, überhaupt nicht, weil wir mit den Menschen zu tun haben, und zu sehen, wie glücklich sie sind, dass sie ihre Impfung endlich bekommen, ist echt schön und freut mich jedes Mal. Viele haben für diesen Termin auch nach langer Zeit mal wieder ihr Haus verlassen, für sie ist es aufregend, mal etwas anderes zu erleben. Allgemein sind die Menschen sehr dankbar und bringen uns sogar mal etwas Süßes mit." Auch sie hat sich impfen lassen: "Bei der Impfung habe ich gar nichts gespürt. Am nächsten Tag war ich dann mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen auf der Terrasse gelegen. Am Tag darauf war ich wieder fit."

Aussuchen kann man sich den Impfstoff nicht. "Ich wurde mit Astra-Zeneca geimpft, da zu diesem Zeitpunkt alle unter 65-Jährigen mit diesem Vakzin geimpft wurden." Alexandra Bretscher durfte sich schon impfen lassen, weil sie aus zwei Gründen in der höchsten Prioritätsstufe ist: "In der Allgemeinarztpraxis haben wir eine Infektsprechstunde, bei der wir täglich mit Positiv-Fällen zu tun haben. Außerdem arbeite ich ja jetzt im Impfzentrum." Wenn man geimpft worden ist, ist der zweite Termin bei Biontech nach sechs Wochen, bei Moderna nach 30 Tagen, bei Astra-Zeneca nach zwölf Wochen. Als Nachweis zählt der Impfpass. Den muss man - wie auch den Personalausweis - mitbringen. Der Weg zum Parkplatz vor dem Impfzentrum ist gut ausgeschildert. Am Eingang wird die Temperatur gemessen, und die Hände werden desinfiziert. Weiter geht es zur Registrierung im Eingangsbereich der Halle, wo man die notwendigen Unterlagen bekommt. Durch eine Tür geht es in den eigentlichen Saal. Dort sind einige Holzkabinen für Ärzte zum Vorbereiten des Impfstoffs und zum Impfen aufgebaut. Das Aufklärungsgespräch gibt es bei einem Arzt, der vor Ort ist. Man bekommt Fragen zu Allergien und Erkrankungen gestellt und kann selbst Fragen stellen. Zum Impfen geht man in eine der Impfkabinen und setzt sich danach noch 15 Minuten zur Beobachtung auf einen der Stühle am Ende des Raums. Raus geht es durch eine Seitentür.

An einem Impftag sind rund 24 Personen beschäftigt. Davon sind ungefähr 13 Verwaltungsmitarbeiter, vier Ärzte und vier medizinische Fachangestellte. Außerdem sind ein ehrenamtlicher Rettungssanitäter, der für die Beobachtung der Geimpften zuständig ist, ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma und ein Koordinator vor Ort. Ein Koordinator ist zum Beispiel Steffen Höffler. Ein typischer Tag sieht für ihn so aus: "Ich komme ungefähr eineinhalb Stunden vor Impfbeginn ins Impfzentrum, also so um halb sieben. Als Erstes müssen alle Computer hochgefahren und die Räume und der Impfstoff vorbereitet werden. Gegen 7.30 Uhr kommt das medizinische Personal. Meine Aufgabe ist es, den Leuten ihre Arbeitsplätze zuzuteilen und die Helfer einzuweisen, die neu sind. Um 8 Uhr öffnet das Impfzentrum. Ich beobachte den ganzen Tag den Ablauf, helfe bei Engpässen aus und sorge allgemein für einen reibungslosen Impftag. Ich bin eigentlich für alle der Ansprechpartner, und auch wenn es Probleme mit Bürgern gibt, kümmere ich mich darum. Dabei muss man auch mal schnell Entscheidungen treffen. Mittags überwache ich dann wieder den Schichtwechsel und weise gegebenenfalls neues Personal ein. Von 17 bis 18 Uhr geht das Impfen langsam zu Ende. Außerdem werden Statistiken gefertigt und die Arbeitsplätze für den nächsten Tag vorbereitet. Das sind dann noch so eineinhalb Stunden, die ich zusätzlich im Impfzentrum bin."

Steffen Höffler ist sozusagen die Schichtleitung für den Impftag, an dem er arbeitet. Zu dem Job ist er durch das Landratsamt gekommen. Dieses ist die für das Impfzentrum verantwortliche Behörde. Da er dort Fachstellenleiter der Abteilung Zivilrecht ist, ist er gefragt worden, ob er im Impfzentrum als Koordinator mithelfen möchte. Das Landratsamt hat den Tattersall gewählt, da die als Kulturzentrum genutzte ehemalige Reithalle einerseits groß genug ist, frei steht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist und über sanitäre Anlagen sowie Strom- und Wasseranschlüsse verfügt. Wichtig ist die direkte Anbindung an einen großen Parkplatz und die Nähe zum nächstgelegenen Krankenhaus, falls es zu medizinischen Notfällen kommen sollte. Vorbereitet worden ist der Saal relativ schnell, als Anfang Dezember die Anordnung von der Bundesregierung gekommen ist, die Impfzentren aufzubauen. "In kürzester Zeit wurden Baumaterialien beschafft und alles schnellstmöglich aufgebaut. Es mussten klar auch technische Voraussetzungen geschaffen werden, zum Beispiel braucht man Drucker und Computeranlagen, um das ganze verwaltungstechnisch abzuwickeln, Kühleinrichtungen für die Impfstoffe und so weiter. Es wurde eben alles schnell bei einer Vielzahl von Firmen beschafft und in das Gebäude integriert", erzählt Höffler. Wenn demnächst mehr geimpft wird, werden wahrscheinlich die Schichten länger werden, und somit wird auch mehr Personal beschäftigt sein. Platz ist genug, und die Ärztekabinen können erweitert zu werden. Das alles hängt aber davon ab, wie viel Impfstoff überhaupt da ist.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Amelie Bretscher

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