Sorgen, wie es weitergeht

"Ehrlich gesagt, nicht so gut", antwortet Neele Jost Anfang März auf die Frage, wie es ihr im Moment geht. Die Gymnasiastin aus Kaarst im Rhein-Kreis Neuss leidet wie viele andere junge Menschen rund um den Globus stark unter der aktuellen Situation. Die 16-Jährige hat ihrem Ärger beim Gespräch, das in ihrer Schule stattfand, ein wenig Luft gemacht. Carlota Jiménez Yribarnegaray aus Madrid, ebenfalls 16, ist in ihrem Telefoninterview dagegen ziemlich positiv gestimmt: "Die Situation verbessert sich hier in Madrid Tag für Tag, und ich kann wieder mit meinen Freunden raus und etwas unternehmen. Es gibt zwar immer noch viele Einschränkungen, aber Bars und Geschäfte sind wieder geöffnet, und das genieße ich sehr."

In Deutschland sieht es ganz anders aus. Alles ist geschlossen, bis auf einen kleinen Teil des Einzelhandels, wir befinden uns zum Zeitpunkt des Interviews noch im Lockdown. Auch Neele klagt eher, anders als Carlota: "Ich bin zwar froh und dankbar, dass wir jetzt Wechselunterricht an den Schulen haben, aber ich bin inzwischen sehr genervt von der ganzen Situation und möchte endlich mal wieder rausgehen und etwas erleben können." Vielen geht es ähnlich. Neele sagt: "Jeder Tag sieht inzwischen gleich aus, und ich würde einfach echt gerne mal wieder shoppen gehen oder so. Der Lockdown und der ewig gleiche Tagesablauf machen mich gereizter, müde, und an den Tagen, an denen ich nicht in die Schule gehen kann, fühle ich mich oft alleine. Ich bin einfach nicht gerne zu Hause, und das habe ich auch schon von vielen Freunden gehört." Laut Medienberichten ist die psychische Gesundheit bei vielen Deutschen in Gefahr.

Doch wie sieht es in Spanien aus? Carlota erzählt: "Mir geht es momentan ehrlich gesagt ziemlich gut. Klar sind die Tage manchmal langweilig, und ich mache oft nur Hausaufgaben und gucke Netflix, aber ich versuche mich so regelmäßig wie möglich mit Freunden zu treffen und meinem neuen Hobby Lesen nachzugehen. Der Lockdown hat mich zudem zum Nachdenken gebracht. Ich fokussiere mich jetzt viel mehr auf mich und meine Zukunft. Ich möchte bald meinen Abschluss machen und dann Mode in Mailand oder Amerika studieren. Der Gedanke daran und dass meine Familie gesund und glücklich ist, macht mich auch sehr glücklich." Diesen positiven Aspekt bestätigt Neele: "Der Lockdown, besonders der zweite, hat mich auf jeden Fall beeinflusst. Ich habe jetzt viel mehr Kontakt mit meiner Familie und bin definitiv zukunftsorientierter geworden. Ich habe sehr viel gelernt und gearbeitet, um einen guten Abschluss zu machen. Ich bin sehr zufrieden mit meinen Noten, aber trotzdem habe ich ziemlich große Angst vor dem Abitur. Wir haben einfach doch ziemlich viel Schulzeit verpasst."

Neele und Carlota sind in der elften Klasse und machen 2022 ihren Abschluss. Carlota sagt: "Ich komme zwar momentan ziemlich gut klar mit dem Schulstoff und schreibe gute Noten, aber ich weiß, dass es vielen aus meinem Jahrgang anders geht, und ich will nicht in der Haut der aktuellen Abschlussklasse stecken." Neele erzählt: "Lernen macht mir zum Glück großen Spaß, und deswegen bin ich optimistisch, aber durch Corona und die dadurch unsichere Zukunftssituation mache ich mir wirklich Sorgen darum, wie es weitergehen soll nach dem Abi. Ich frage mich oft, was ich machen soll, wenn ich nach der Schule nicht ein Jahr Work and Travel in Spanien machen kann, wie ich es mir immer gewünscht habe, oder keinen Ausbildungsplatz finde, weil keiner mehr eingestellt wird." Den meisten Jugendlichen geht es wie ihr. Viele können nicht ihren Plänen nachgehen und haben keine andere Wahl, als zu Hause zu sitzen und ihr erstes Semester per Zoom-Konferenz zu absolvieren. Das kann deprimierend sein.

Was ist für sie das Schlimmste an der Pandemie, und was wünschen sie sich für ihre Zukunft und ihr Land? Neele antwortet: "Das Schlimmste war für mich auf jeden Fall das viele Zu-Hause-Sitzen und dass ich mich nicht ausleben konnte. Außerdem finde ich es sehr schlimm, dass die ganze Situation immer noch so unsicher ist und man nie weiß, was uns als Nächstes erwartet. Aufgrund dessen wünsche ich mir für ganz Deutschland einfach, dass die Menschen glücklich sind und bald alles wieder normal wird." Carlota betont: "Es war schon schlimm für mich, als ich und meine Familie letzten März an dem Virus erkrankt sind, und es ist immer in meinem Hinterkopf, dass die Menschen in Spanien leiden und auch viele sterben, was mich oft traurig macht. Deswegen hoffe ich, dass mein Land bald erlöst wird vom Virus." Mit einem Lächeln in der Stimme sagt sie zum Schluss: "Ich wünsche mir eine riesige Corona-ist-vorbei-Party."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Aimee Winter

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