Es sind lebensveränderndi Sache, wo mir chönd bewirke", sagt Markus Lieberherr lächelnd. In Togo ist es nicht selbstverständlich, dass jeder Jugendliche eine Schul- und Berufsausbildung haben darf. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß, Armut ist besonders im Norden des Landes ein zentrales Thema. Der Schweizer setzt sich für die Bildung von Kindern ein. Mit kurzen, leicht gelockten Haaren und Dreitagebart sitzt der Primarlehrer beim Videotelefonat in seinem Arbeitszimmer in Zürich mit vielen Büchern im Hintergrund. "Ich hatte nicht vor, in Togo etwas aufzubauen, ich kam durch Zufall dorthin." Begonnen hat alles mit einem dreimonatigen Französisch-Sprachaufenthalt, der im Rahmen seines Studiums Pflicht war. "Ich fand es schon immer spannender, etwas weiter wegzugehen." Der "Christliche Verein Junger Menschen" in der Schweiz vermittelte ihn nach Togo. Während seines Einsatzes in einer Landwirtschaftsschule lernte er den Lehrling Aoufoh kennen. "Mir fiel auf, dass er immer gute Ideen hatte." So kümmerte sich Aoufoh etwa um ein elternloses Mädchen und unterstützte es auch finanziell. "Wenn er das schafft, mit 20 Franken im Monat noch etwas abzugeben, könnte ich auch etwas Sinnvolles tun", dachte der damals 21-Jährige beeindruckt. Der togolesische Lehrling half vielen, ihm selbst half niemand. Lieberherr sprang ein, so dass Aoufoh vor Ort vier weiteren Kindern mit Schulgeldern, Uniformen und Medikamenten helfen konnte. Vier Jahre nach dem Ende seines Aufenthalts zog es den Schweizer wieder nach Togo, um eine von Aoufohs neuen Ideen umzusetzen: Er wollte jungen, arbeitslosen oder sich prostituierenden Frauen eine Schneiderinnenlehre ermöglichen. "Wir haben eine Garage gemietet und zwölf Nähmaschinen hineingestellt." Anfangs finanzierte der Lehrer viel von seinem Lohn, als er 2004 jedoch ein ganzes Jahr in Afrika verbringen wollte, war er auf Spenden angewiesen und gründete den Trägerverein "Suisse-Togo". Die Mitglieder sind vor allem Bekannte und Verwandte. Laufend kamen neue Projekte dazu: Alphabetisierungskurse für Erwachsene, ein Kindergarten sowie eine Schule. "In diesen Dörfern gab es vorher gar keine Kindergärten." Der 43-Jährige findet diese Vorstufe wichtig, um die Unterrichtssprache Französisch zu lernen. In Togo werden 40 Stammessprachen gesprochen. Damit die Kinder nicht die öffentlichen, oft überfüllten und schlecht ausgestatteten Schulen besuchen müssen, bauten er und seine togolesischen Mitarbeiter eine Privatschule auf. Zuerst in Davié, einem Dorf im Süden, später auch im Norden. "Diejenigen, die das nicht bezahlen können, dürfen gratis zur Schule", sagt er. Geplant waren 40 Kinder je Klasse, in öffentlichen Schulen sind das 80. "Wir hatten jedoch Eltern, die uns um einen Platz angefleht haben." Jetzt sind es 40 bis 65 Kinder in den Klassen. Meist wird Frontalunterricht erteilt, aber die Lehrer werden weitergebildet, um mit mehr Material und interaktiver zu arbeiten. Diese Projekte umzusetzen ist herausfordernd. "Schwierig finde ich, dass die gesamte Justiz schlecht funktioniert." Von einer leicht bestechlichen Polizei und Justiz bis zu Bedrohungen seiner Mitarbeiter hat Markus Lieberherr viel Belastendes erlebt. So wurde ein Täter, der Kinder misshandelte, nach wenigen Tagen im Gefängnis entlassen, weil es der Gegenpartei gelang, eine einflussreiche Person im Justizapparat zu bestechen. "Was hier in der Schweiz Sicherheit und Stabilität gibt, ist in Togo nicht vorhanden."
Der ledige Ehrenamtler verbringt den Winter in Afrika. "Nach einem Einsatz in Togo bin ich meistens pleite." Zurück in der Schweiz, macht er sich auf die Suche nach einer neuen Stellvertretung als Lehrer oder schulischer Heilpädagoge, um für den nächsten Einsatz genügend zusammenzusparen. In Togo kontrolliert er, ob die Projekte wie besprochen durchgeführt wurden, und berät die Pädagogen vor Ort. In dieser Zeit wohnt er mit Projektleitern und deren Großfamilien unter einem Dach. Privatsphäre hat er kaum, beteuert aber: "Schön ist, dass man so den afrikanischen Alltag authentisch miterlebt." Während im Norden Togos bereits die Suche nach sauberem Wasser eine Herausforderung darstellt, bekommt man im Süden praktisch alles. "Sogar Cornflakes."
Pläne hat er viele: "Die Idealvorstellung wäre eine Organisation, die kein Geld aus der Schweiz braucht." So hat das Ausbildungszentrum 2018 zwei Hühnerställe mit je 1000 Legehennen angeschafft. Mit dem Erlös der Eier sollen die Lehrer bezahlt werden, deren Löhne noch nicht mit den Schulgeldern gedeckt werden können. Berührende Momente gebe es einige, so die Verhinderung einer Zwangsheirat. Einerseits gebe ihm das Hilfswerk einen Lebensinhalt. Andererseits trage er eine riesige Verantwortung. Wie soll es einmal ohne ihn weitergehen? Mit dieser Frage setzt er sich schon jetzt auseinander. Lieberherr hofft, dass sich Togo in den Jahren bis zu seiner Pensionierung so gut entwickelt, dass die Bildung immer mehr zu einer Aufgabe des Staates wird.