Endloser Schulweg

Tapriza befindet sich auf einer Höhe von 3000 Metern im Nordwesten Nepals. Die Schule ist umringt von hohen Bergen, die in Höhen von 6000 und 7000 Metern hochragen, und liegt im Bezirk Phoksumdo, der zu Dolpo gehört, dem größten Distrikt Nepals. Die Gegend ist nur zu Fuß über hohe Pässe oder mit einem kleinen Flugzeug erreichbar. Ärzte gibt es nicht, aber eine ehemalige Schülerin als Gesundheitsassistentin sowie eine Krankenschwester sorgen für das Wohlergehen der Schüler und besuchen monatlich die umliegenden Dörfer. Als Ethnologiestudentin, an der Universität Zürich und in Oxford, erforschte Marietta Kind von 1996 bis 1997 den Distrikt und erfuhr durch eine Umfrage, dass der größte Wunsch der Bevölkerung Schulbildung für die Kinder in Religion und der Basisausbildung ist. So wurde mit Spenden und der Kooperation mit dem lokalen Bildungsdepartement die Tapriza-Schule, benannt nach einem Meister der vorbuddhistischen Bön-Religion, aufgebaut und bildet mehr als 200 Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse aus. Die Schule gilt als Vorbild für ganz Nepal.

Aufgrund der Pandemie wurde die Schule im März 2020 geschlossen, für das "Homeschooling" fehlt die nötige Infrastruktur. "Bis heute wurden keine Ansteckungen im Bezirk der Schule gemeldet", sagt Marietta Kind. "Jedoch ist Vorsicht geboten, denn ein positiver Corona-Fall wäre verheerend für die Region. Die nächstmöglichen Spitäler befinden sich mehrere Tagesmärsche von der Schule entfernt."

In einem normalen Schuljahr wohnen die Kinder von März bis November in der Schule. Sonst müssten sie je Weg einen bis zu dreistündigen Fußmarsch auf sich nehmen. Die Schule erhielt eine Sondergenehmigung der Regierung und öffnete ab Juli wieder. "Jedoch durften die Schüler nicht wie bisher in der Schule leben, sondern mussten jeden Tag wieder nach Hause zurückkehren. Zudem wurde nur den älteren Schülerinnen und Schülern erlaubt, wieder in die Schule zu kommen, da es für die jüngeren Schüler unzumutbar war, jeden Tag bis zu sechs Stunden zu wandern", erklärte Marietta Kind. Vor dem Unterricht wurde allen Schülern die Temperatur gemessen. Desinfektion und das Waschen der Hände wurde Pflicht. "Dank der verschiedenen Maßnahmen wurde es wieder möglich, den Unterricht der Kinder zumindest reduziert fortzusetzen", freute sich die promovierte Ethnologin.

Drei Lehrer besuchten die Dörfer, um die jüngeren Schüler ein wenig zu unterrichten und sie mit Hausaufgaben zu beschäftigen. Für die Eltern wurde das Schulgeld zum Problem. "Die Einnahmen wurden vermindert, da weder Handel, Tourismus noch Arbeitsmigration ins Ausland betrieben werden konnten und dies die Haupteinnahmequellen der Region und auch ganz Nepals sind", erklärt die Gründerin der Schule. Die Grundschullehrerin Marietta Kind, die in Zürich arbeitet, hat seit 1990 immer wieder in Dolpo gelebt. Sie hat das Gebiet sowie die Bön-Religion erforscht, darüber promoviert und ist Präsidentin des Tapriza Vereins Schweiz. Diese Non-Profit-Organisation sowie der Tapriza Verein Deutschland haben es sich zur Aufgabe gemacht, Mittel für die Schule aufzutreiben. So gibt es Stipendien in Form von Patenschaften. Eine Patenschaft kostet jährlich 360 Franken, es gibt noch weitere Kategorien, die unterschiedlich teuer sind. "Für mich ist es das schönste Gefühl, die kleinen sowie die großen Erfolge der Schüler mitverfolgen zu können", sagt Kind.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Simeon Kind

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