Angsthunde sind kein Zeitvertreib für die Pandemie

Wenn man sich dem Tierheim nähert, hört man von weitem Hundegebell in der abgelegenen Gegend. Deshalb werden im Tierheim Wannigsmühle nahe Münnerstadt des Öfteren sogenannte Angsthunde aus Stadttierheimen übernommen. Hier haben die Tiere, die dort vielen Stressfaktoren ausgesetzt sind, die erforderliche Ruhe, und es wird ihnen die Zeit gegeben, ihre Ängste zu überwinden.

Außer von den Hunden wird man, sobald man den Hof betritt, von Katzen begrüßt, die einem um die Beine streifen und gestreichelt werden wollen. Alles scheint wie immer, nur von den normalerweise zahlreichen Besuchern fehlt jede Spur. "Gassi gehen für Besucher ist momentan aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht möglich. Die Hunde werden vom Personal sowie von unseren langjährigen Stamm-Gassigeherinnen ausgeführt. Zur Vermittlung müssen die Interessierten einen Termin vereinbaren", erklärt Mitarbeiterin Lucy Schröder. Durch die Terminplanung gelingt es, nicht nur das Aufeinandertreffen mehrerer Personen zu vermeiden, sondern dadurch kann auch jedem einzelnen Tier, jeder einzelnen Vermittlung die nötige Beratung, Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt werden. "Leider kaufen aber viele Leute Tiere zum Beispiel über Ebay-Kleinanzeigen bei vermeintlich seriösen Quellen und merken dann schon nach kurzer Zeit, dass so ein Tier eine sehr große Verantwortung und sehr zeitaufwendig ist", sagt die 23-Jährige. Ein weiteres Problem bei Online-Käufen ist, dass es sich bei den Verkäufern meist nicht um seriöse Züchter handelt und in zahlreichen Fällen Problemtiere angeboten werden. Ebenfalls können die Tiere vorab nicht ausreichend kennengelernt werden, und bei Schwierigkeiten erfolgt oft die Abgabe in ein nahe gelegenes Tierheim. Die Veräußerer nehmen die Tiere meist nicht zurück.

Bevor eine Vermittlung zustande kommt, muss der Interessent einen Selbstauskunftsbogen ausfüllen. Die Angaben geben erste Anhaltspunkte über die zukünftigen Haltungsbedingungen. Es werden auch Angaben zur Arbeitszeit oder Möglichkeiten zum Gassigehen abgefragt. In der Corona-Zeit wird zusätzlich darauf geachtet, dass das Tier dort ein langfristiges Zuhause haben wird und nicht nur als Zeitvertreib für die Pandemie zählt. "Wenn mit dem Hund zwei- bis dreimal Gassi gegangen wurde, bekommen die potentiellen Käufer die Möglichkeit, mit dem Tier einen Tagesausflug zu unternehmen und von acht Uhr früh bis spätestens 16.30 Uhr das Tier näher kennenzulernen", sagt die Tierpflegerin. "Allerdings ist ein Tagesausflug nur eine Momentaufnahme zwischen Mensch und Tier. Ein Hund benötigt in der Regel zehn bis zwölf Tage, bis er sich in seine neue Umgebung eingewöhnt hat und die Bindung zu seinen Menschen gefestigt ist."Da persönliche Besuche während der Pandemie im neuen Zuhause nicht möglich sind, werden zurzeit Einblicke via Whatsapp oder Videos genutzt. Wenn alle Beteiligten ein gutes Gefühl haben, kommt es zu einer Vermittlung. So seien schon viele gute Vermittlungen, vor allem auch in der Corona-Zeit, zustande gekommen.

Bei den Tieren wird genau auf den Impfstatus geschaut

Die Tiere bekommen ihr Futter und wenn nötig ihre Medikamente zu den gewohnten Zeiten. Neulich zum Beispiel war hier ein Tier mit Epilepsie untergebracht und musste mit spezieller Medizin versorgt und regelmäßig überwacht werden. Alle Tiere werden regelmäßig einer Parasitenbehandlung unterzogen. Dazu gehören Spot-ons gegen Flöhe und Zecken. Dabei handelt es sich um antiparasitische flüssige Medikamente, die punktförmig auf die Haut aufgetragen werden.

Notwendige medizinische Behandlungen erfolgen stets unter tierärztlicher Überwachung. Nach der Fütterung werden alle Hunde in die Ausläufe gelassen und die Räume der einzelnen Tiere gereinigt. "Wenn die Tiere verträglich sind, verbringen sie ihre Zeit in Gruppen oder zu zweit im Zwinger. Es gibt aber auch einige Hunde, die sich nicht mit den anderen verstehen oder nur beim Gassigehen miteinander auskommen", sagt Lucy Schröder. Dabei muss auf den Impfstatus geachtet werden. Nicht geimpfte Tiere dürfen nicht mit anderen nicht geimpften Tieren in ein Gehege gesteckt werden, da dies gesundheitliche Folgen haben kann.

Am Nachmittag werden hauptsächlich Büroarbeiten erledigt, die Termine ausgemacht und auch ausgeführt. Das ist ein großer Unterschied im Gegensatz zu der Zeit vor Corona. Dort kamen die Besucher einfach vorbei, wenn sie einen Hund ausführen oder an einer Vermittlung teilnehmen wollten. "Das übernimmt komplett das Personal und wenige erfahrene Stammgassigeher. Das ist zwar etwas mehr Arbeit, aber so können die Grundkommandos besser geübt werden." Dadurch ist es später einfacher für die zukünftigen Familien und Besitzer, mit dem Hund klarzukommen, vor allem jetzt in der Corona-Zeit, wenn alle Hundeschulen geschlossen sind. Am Abend kommen die Tiere wieder in ihre Gehege. "Es können immer irgendwelche Komplikationen auftreten. Wir werden zum Beispiel angerufen, wenn ein Tier vermisst wird oder eine verletzte Katze gefunden wurde. Ab und zu fragt uns auch die Polizei nach Hilfe, wenn ein Tier von seiner Besitzerin oder seinem Besitzer nicht mehr versorgt werden kann, da dieser wegen eines Unfalls für einige Tage ins Krankenhaus muss."

Neben der jungen Frau arbeiten noch vier weitere Personen im Tierheim. Bis auf eine Helferin sind alle Vollzeitangestellte. "Ich habe die IHK-Prüfung 2017 als Tierpflegerin mit dem Schwerpunkt Tierheim/Tierpension absolviert. Die Ausbildung dauert drei Jahre, man kann sie aber auch in zweieinhalb Jahren machen", berichtet Lucy Schröder. Das Tierheim ist keine staatliche Institution, sondern eine eigenständige rechtliche Person. Es gehört weder einer Kommune noch einer Stadt oder einer staatlichen Einrichtung. Deshalb ist eine staatliche Förderung im Grundsatz nicht gegeben.

Angst vor Neuzugängen durch die vielen Ebay-Käufe

Die Wannigsmühle finanziert sich hauptsächlich durch Mitgliedschaften und Spenden, zum Beispiel mit der Pfotentaleraktion. Dort spendet man mindestens ein Jahr einen bestimmten Geldbetrag im Monat und bekommt dafür dann als Erinnerung einen Pfotentaler. "Bei dieser Aktion hat man keinen Einbruch gespürt", sagt Lucy Schröder. Einen Anteil der Einkünfte erzielt das Tierheim durch die Charityläden in der Umgebung. Hier hat sich durch die Pandemie schon ein deutlicher Verlust der sonst üblichen Einnahmen bemerkbar gemacht, weil sie für lange Zeit nicht aufmachen durften und immer noch nicht dürfen. "Wir brauchen immer Geld auf dem Konto, um unsere Tiere versorgen zu können. Auch unsere Mitarbeiter können wir nicht in die Kurzarbeit schicken. Wer würde sich sonst um die Tiere kümmern?", sagt Ursula Boehm, die Leiterin der Einrichtung. Während vom Staat keine Hilfe kommt, kämen die Tierärzte den Tierheimen ein Stückchen entgegen und spendeten häufig eine kleine Summe.

Auch bei der Zusammenarbeit mit dem Tierarztteam in Stockheim, das von Astrid Gensler geleitet wird, steht Geld nicht an erster Stelle. Die oberste Priorität ist das Wohl der Tiere. Das Verhältnis beruht auf gegenseitiger Unterstützung, wenn zum Beispiel eine streunende Katze bei Gensler abgegeben wird und von ihr nicht schnell vermittelt werden kann, meldet sie sich beim Tierheim Wannigsmühle, die ihr dann das Tier abnimmt.

Auch in der Tierarztpraxis hat man die Corona-Krise zu spüren bekommen. "Da sich immer mehr Leute ein Tier anschaffen, sind in der jetzigen Zeit 20 bis 30 Prozent mehr Tiere im Umlauf. Wir müssen immer mehr Tiere versorgen", erklärt die 46-jährige Tierärztin. Trotz der gestiegenen Anzahl der Behandlungen ist in Genslers Praxis noch kein Tier mit einer Corona-Erkrankung gewesen. Bis jetzt wurden in Deutschland nur eine Handvoll Fälle von erkrankten Tieren nachgewiesen. Bei diesen handelt es sich hauptsächlich um Hunde und Katzen. Wer Befürchtungen hegt, dass man nun auch noch zu Tieren Abstand halten soll, den kann man beruhigen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden noch keine Fälle nachgewiesen, bei denen ein Mensch durch einen Hund oder eine Katze infiziert worden ist.

Während die Tierärzte schon jetzt den Anstieg der Haustiere merken, wird prognostiziert, dass die Tierheime nach der Pandemie diese Veränderung spüren werden. Lucy Schröder vermutet, dass den Einrichtungen eine Welle von Neuzugängen bevorsteht. Vor allem durch die vielen Ebay-Käufe kann das Ausmaß nicht eingeschätzt werden: "Trotzdem haben wir durch die Pandemie auch dazugelernt. Das System mit den Vermittlungen auf Termin wollen wir eventuell beibehalten, da wir uns so viel intensiver mit den Wünschen und Anforderungen der einzelnen Interessenten befassen können. Auf jeden Fall schauen wir mit gemischten Gefühlen in die Zukunft."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Annika Spieß

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