Rotlicht-Nervosität macht seinen Beruf reizvoll

Das rote Lämpchen an der Kamera geht an. Ein Schwenk schwungvoll über das klatschende Publikum auf die Bühne. Mit einer dynamischen Bewegung hebt Tino Zurbrügg die Kamera etwas an, zoomt auf den Gitarre spielenden Protagonisten, stellt scharf. Fokus auf die zupfenden Hände über dem Schallloch der Gitarre, die Kamera nach oben geknickt, ein Bild vom Lächeln im Gesicht des Musikers eingefangen. Wieder ein Zoom nach außen, bis die Bühne als Gesamtbild zu sehen ist. Das rote Lämpchen geht aus.

In der kurzen Verschnaufpause wirft Zurbrügg einen flüchtigen Blick in das Drehbuch, prüft, ob er sich die Perspektive für die nächste Szene richtig gemerkt hat. Mit seinen zwei Kollegen steht er in der Dunkelheit. Alle Wände um sie herum enden mit in Scheinwerferlicht getauchten Bühnen, Kulissen oder Tribünen. Nur er und die andern Kameramänner stehen abseits von allem Geschehen mittendrin in der dunklen Halle. Ein Wirrwarr von Kabeln führt von ihnen weg und mündet in ein von aufgeregten Leuten summendes Studio.

Wenn das rote LED-Lämpchen auf der Pumpkamera aufleuchtet, wird das Gefilmte live gezeigt. Eine Pumpkamera ist eine Kamera, die auf das Filmen in Studios spezialisiert ist. Sie hat eine schwere Basis, die ruhig und leise über den Boden rollt. Sie ist stabil und einfach zu bedienen, kann aber außerhalb eines Studios mit glattem Boden nicht gebraucht werden. Beim Filmen einer Show im Fernsehstudio ist der Ablauf vom Regisseur klar geplant. "Interessant sind Aufnahmen im Freien, wenn ich nur mit einer Handkamera auf der Schulter unterwegs bin", sagt Zurbrügg. 2010 bei der Winter-Olympiade im kanadischen Vancouver sollte er die vierte Passage des Kombinationsslaloms der Männer live für die Zuschauer auf allen Fernsehern der Welt aufnehmen. "Der erste Lauf war schon durch, in wenigen Minuten würde der entscheidende zweite Lauf starten, und dann, von einem Moment auf den anderen, sendete meine Handkamera nur noch ein schwarzes Bild. Ich habe versucht, die Kamera zu schütteln, sie ein- und auszuschalten, das war das Beste, was mir einfiel, doch alles umsonst, das Bild änderte sich nicht. Ein Techniker fuhr auf Skiern zu mir, aber auch er konnte nichts ändern; Ersatzgeräte gab es keine. Andere Kameramänner versuchten erfolglos, von ihren Positionen meine Stelle in ihr Bild zu bringen. Nicht einmal die Helikopterkamera konnte zu der Stelle hinabfliegen, weil die sich umdrehenden Rotoren die Skisportler bei der Abfahrt stören würden. Einige der stressvollsten Minuten meines Lebens vergingen, während die Abfahrt immer näher rückte. Ein Millionenpublikum würde enttäuscht werden. Wir begannen uns damit abzufinden, dass während einiger spannender Sekunden ein Teil des Rennens nicht im Bild sein würde, als meine Kamera plötzlich wieder ein scharfes Bild sendete. Meine extreme Anspannung fiel wie schweres Kamera-Equipment nach einem zu langen Dreh von mir, und eine Mischung aus Erleichterung und Freude machte sich in mir breit. Los geht's!" Mit noch immer zu spürender Erleichterung in der Stimme beschreibt Tino Zurbrügg das schon elf Jahre zurückliegende Ereignis.

"Die Techniken und Stilmittel, die ich beim Filmen anwende, müssen dem Thema gerecht werden, das projiziert wird. In einer politischen Diskussion sind langsame, mit dem Lauf der Diskussion abwechselnde Aufnahmen von den sprechenden Personen angemessen, während wilde Schwenker besser zur Stimmung eines Rockkonzerts passen", erklärt Zurbrügg.

Der Kameramann filmt seit 14 Jahren für das SRF, das staatliche Schweizer Radio und Fernsehen, und ist einer von 70 Kameramännern des Fernsehbetriebs. Über Funk ist Zurbrügg immer in Kontakt mit der Regie, die ein klares Skript für die Sendung geschrieben hat. Gekleidet ist er ganz in Schwarz. Selbst die Hygienemaske, die wegen Corona auf dem Set getragen wird, passt sich dem schlichten Farbmuster an. Der Grund dafür ist, dass die dunkle Kleidung mehr Licht schluckt und keine ungewollten Reflexionen im Bild erscheinen. "Um ein gutes Bild zu kriegen, muss man sich auf das Gezeigte einlassen und zu einem gewissen Grad auch die Zuschauerposition einnehmen. Das kann aber auch zum Verhängnis werden", schmunzelt er. "Bei einer Comedy-Show kann es durchaus vorkommen, dass die Kamera ein bisschen wackelt, wenn die Pointe zu überraschend kommt. Einmal bei einem Auftritt von Harald Schmidt konnte ich mich vor Lachen fast nicht mehr halten. Aber auch einem guten Kollegen von mir, der ein wichtiges Fußballspiel seiner eigenen Mannschaft filmte, konnte sich nicht konzentrieren. Ihm entwichen immer die Szenen, die er hätte filmen müssen, weil er zu sehr mit seinem Team mitfieberte."

Zurbrügg filmte seine erste Liveshow 2007 nach seinem zweijährigen Praktikum beim SRF und einer Lehre zum Fotographen, die er davor gemacht hatte. Heute ist der 43-jährige Thuner verheiratet, hat einen Sohn und ist seit 13 Jahren fest angestellt beim SRF. "Jeder Kameramann hat seine eigene Handschrift, die sich in der Übertragung abzeichnet, die er sendet. Manche haben gerne Bewegung in ihren Bildern, ich versuche schöne Reflexionen zu finden. Frisch polierte Böden oder Fenster sind Stellen, die oft eine wunderschöne Reflexion, eine zweite Realität erschaffen. Aber nicht nur Einzelpersonen haben individuelle Vorgehensweisen. Auch das SRF hat seine eigene Philosophie, die ihre Sendungen durch alle Rubriken prägt", erklärt Tino Zurbrügg.

"Rotlicht-Nervosität ist die Aufregung, die ich spüre, wenn das rote Lämpchen auf meiner Kamera aufleuchtet und ich live schalte. Dann zeige ich dem Zuschauer eine Bühne, auf der ein Gitarrist performt, oder die letzte Kurve vor dem Ziel, in die sich ein Skifahrer mit letzter Kraft reinwirft. In gewisser Weise bin ich das Auge für den Zuschauer und trage die Verantwortung, ihm ein repräsentatives Bild der Szenerie zu zeigen. Das ist aber auch der Reiz meines Berufs. Ich kann Orte, die normalerweise für viele nicht erreichbar sind, mit meiner Kamera einfangen und in die Wohnzimmer meiner Zuseher bringen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Lucio Ineichen

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