Sein Sohn soll in Freiheit leben

Was sich wie eine Niederlage anfühlt, kann ein Start in ein besseres Leben sein. Diese Lektion lehrte das Leben Akin Öztürk, einen Journalisten und leidenschaftlichen Kämpfer für Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei. Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag in einem Dorf am Fuße der Alpen, im Berchtesgadener Land, 20 Kilometer südwestlich von Salzburg, als der ehemalige Redakteur einer oppositionellen Zeitung bei einer Tasse türkischen Tee in seinem Wohnzimmer über sein Leben als Journalist im "Staate Erdogan" erzählt. Als gläubiger Muslim erfüllt Öztürk mit seinem schwarzen, gepflegten Vollbart seine religiöse Pflicht als Mann. Sein braves Erscheinungsbild und seine tiefbraunen Augen lassen nicht erahnen, welche Geschichte er hinter sich hat.

Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei mit vielen Todesopfern in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 habe sein Leben einschneidend verändert. 8000 Soldaten des türkischen Militärs organisierten einen Aufstand, der von Erdogan niedergeschlagen und zum Erhalt seiner Macht instrumentalisiert wurde. Der ehemalige Oberbürgermeister von Istanbul nutzte den Putsch, der ursprünglich gegen ihn gerichtet war, um demokratische und rechtsstaatliche Standards in der Türkei einzuschränken. "Mehr als 500000 Menschen wurden festgenommen oder aus dem öffentlichen Dienst vertrieben, mehr als 200000 Pässe annulliert. Darunter litten Akademiker, Ärzte, Richter, Polizisten, Soldaten und Lehrer", sagt Akin Öztürk, ein Opfer dieser Repression. "Hätte es an diesem Tag die Todesstrafe gegeben, dann wären Tausende Menschen von dem Regime hingerichtet worden." Kurz nach dem Staatsstreich überfiel die Polizei die Redaktionsräume seiner Zeitung. Sie wurde gewaltsam geschlossen und verboten, 200 Journalisten wurden verhaftet, 70 davon kennt Öztürk persönlich. "Die Inhaftierten wurden folterähnlichen Qualen ausgesetzt. Zu Beginn hatten viele nicht einmal die Chance, ihren Anwalt zu kontaktieren."

In seinen Artikeln enthüllte er die Korruption und Geldverschwendung in Millionenhöhe des herrschenden politischen Establishments. Dafür musste er sich mehrmals vor Gericht verantworten. Er lebte ständig in der Furcht, dass ihn das gleiche Schicksal erlangt wie das seiner Freunde und Kollegen: Verhaftung! Er befürchtete, dass jedes Gespräch mit Freunden und Familienmitgliedern auf unbestimmte Zeit das letzte sein würde. Eines Abends erreichte ihn der Anruf eines Bekannten. Sein Name wurde auf der Verhaftungsliste entdeckt. Um einer Inhaftierung zu entgehen, entschied er sich zur Flucht und packte seinen Rucksack. Der enorme Zeitdruck zwang das Ehepaar, bis auf Flugtickets, 500 Euro und Kleidung für drei Tage alles hinter sich zu lassen. Mit seiner Frau an der Hand und Erinnerungen im Gepäck ging es zunächst nach Bosnien. Eine Woche blieb das Paar in einer Holzhütte in einem Dorf nahe der serbischen Grenze und gelangte dann nach München. Am Franz-Josef-Strauß- Flughafen meldeten sie sich als politische Flüchtlinge bei der Bundespolizei. Sie hofften, dass ihr Asylgesuch ernst genommen und ihnen ein Aufenthaltsrecht gewährt wird. In den ersten drei Tagen erhielten sie Unterschlupf bei ihrem Freund Sinan. Es fiel Öztürk schwer, die psychischen Lasten zu verarbeiten. Schlafmangel, Stress und ständige Kopfschmerzen ließen ihn an Gewicht verlieren. In seinem Kopf drehte sich alles nur um die Anerkennung seines Asylantrags. Hin und wieder saß er mit seiner Frau und Sinan bei einer heißen Tasse Suppe.

Der ehemals erfolgreiche Redakteur, der sich in kürzester Zeit Wohlstand und Ansehen in Istanbul erarbeitet hat, der den Geruch von alten Büchern vermisst, findet sich in seinem neuen, zwölf Quadratmeter großen Zuhause ein. Die Aussicht, sich diesen Raum im Asylheim an der Blumenstraße mit einer vierköpfigen afrikanischen Familie teilen zu müssen, raubte ihm den Atem. Das junge Paar hatte sich das Leben anders vorgestellt. Es war sein großer Traum, sein Kind einmal in einem unbeschwerten Umfeld aufwachsen zu sehen. Obwohl sie anfänglich unter viel ärmeren Verhältnissen als in der Türkei gelebt hatten, waren sie nun in Freiheit, fern und unerreichbar für Erdogans Einfluss und politischen Druck.

Jetzt, drei Jahre nach Genehmigung des Asylantrages, kann ihr vier Monate alter Sohn in Deutschland frei aufwachsen. Nicht so wie die Babys der "Terroristen". Ja, genau so nennt Erdogan alle seine Kritiker. Mit dem Schmerz eines Vaters in seiner Stimme berichtet Akin Öztürk von schwangeren Frauen, die aufgrund ihrer politischen Äußerungen inhaftiert werden. Die Mütter müssen ihre Babys unter widrigsten Bedingungen im Gefängnis gebären und aufziehen. "Stell dir mal vor, du wächst in einer kleinen, kalten, hässlichen Zelle auf und kannst die Schönheiten, die uns Mutter Natur bietet, nicht hören, sehen und fühlen. Kahle Betonmauern und Gitterstäbe sind Tag und Nacht deine Gefährten." Er denkt oft an diese Kinder und ihr Leid. Er teilt mit ihnen die Ungewissheit, ob er jemals wieder seine Mutter, seinen Vater und seine Schwester in den Arm nehmen wird.

Oft fragt er sich, ob sein kleiner Sohn jemals von seinen Großeltern eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt bekommt. In seinen Armen hat sein Sohn angefangen zu weinen, als ob er verstehen würde, über was gesprochen wird. Hilflosigkeit betrübt den 30-Jährigen. Aus Deutschland kann er seine Freunde und Kollegen nicht aus dem Gefängnis befreien. Sie zahlen einen hohen Preis für ihren Kampf um die Freiheit. Ihm ist ihr Tribut bewusst: "Wer Erdogans Hamam besucht, muss bereit sein zu schwitzen."

Heute hat Akin Öztürk als Vertreter eines Lebensmittelunternehmens in seiner neuen Heimat beruflich Fuß gefasst. Sein kleiner Wohlstandsbauch spiegelt seine Rückkehr in ein geregeltes Leben wider. In seiner Freizeit organisiert er Straßendemonstrationen und Fotoausstellungen in München. Zusammen mit Kommunal- und Landespolitikern der SPD sowie Bündnis 90/Die Grünen thematisiert er das Schicksal der gefangenen Mütter und ihrer Babys. Die Fotos der inhaftierten Journalisten verleihen der Unterdrückung der Meinungsfreiheit eindrucksvolle, stumme Gesichter.

Die meisten Menschen erreicht der ehemalige Redakteur über Social Media. Mit mehr als 1500 Tweets in den vergangenen zwei Jahren nutzt der Kritiker des Präsidenten die Achillesferse im "System Erdogan". Wie China oder Russland könnte auch die Türkei die Social-Media-Nutzung seiner Bürger kontrollieren oder blockieren. Öztürk sieht das nicht kommen: "Erdogan gibt mit Twitter den Staatsfeinden ein Ventil, um sie zu beruhigen und um seinen Machterhalt nicht zu gefährden."

Ein Blick in die Augen seines Sohnes genüge ihm, dass sich Entbehrungen und Risiken gelohnt haben. Eines Tages werde er ihm versichern: "Als ich in der Türkei lebte, war Demokratie eine hoffnungsvolle Vision. Das Land ist von einzigartiger Schönheit geprägt. Du bist in deinem Mutterland, Deutschland, aufgewachsen. Es hat dich aufgezogen und zu dem gemacht, was du heute bist. Doch dein Vaterland, wo die Wurzeln deiner Familie begraben sind, bleibt die Türkei."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Luca Herrmann

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