Vogelgezwitscher. Leise geht der Wildnisführer Christian Pruy durch den Freiburger Stadtwald. Ein Vogel fliegt auf. "Das war ein Schwarzspecht", flüstert er. "Und dort drüben, ein Baumläufer. Man muss immer achtsam sein, das vergessen viele Menschen." Pruy schaut nachdenklich den beiden Vögeln hinterher und setzt sich auf einen bemoosten Baumstamm. Seit zwölf Jahren begleitet der selbständige, 41 Jahre alte Wildnisführer, der außerdem auch Pilzcoach, Kanuguide, Tauchlehrer und Coach ist und das Verhalten von Menschen auf den Grundlagen der Systemtheorie zu erklären versucht, Interessierte in den Schwarzwald und bringt ihnen sein Wissen über Wald, Tiere, Pflanzen und Pilze näher. Seit Beginn der Pandemie tut er dies in Einzelführungen für 25 Euro. Er bietet noch andere Programme und Touren an.
Das Interesse an der Natur vor der Haustür im Süden ist groß. Besonders in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten zieht es viele in die Natur. Doch viele achten kaum auf die Bedürfnisse der Tiere und gefährden so mitunter das Leben der Vögel. Ein Beispiel dafür ist der Flussuferläufer. Dieser braun-weiße Vogel ist heimisch an steinigen Flussufern, in flachen Gewässern wie Seen und Bächen. Der kleine Vogel ist stark gefährdet, da unverbaute Ufer selten geworden sind, außerdem ist er menschenscheu und brütet gerne auf Kiesbänken. Da es in Deutschland nur noch wenige Kiesbänke gibt, hat es der 18 bis 21 Zentimeter große Vogel ohnehin schon schwer. Doch eignen sich Kiesbänke auch ideal für versteckte Grillpartys. Erst kürzlich hat Pruy wieder eine Grillparty in einem Naturschutzgebiet am Rheinufer entdeckt, die er beim Naturschutzbund gemeldet hat. Viele Leute saßen munter grillend mit lauter Musik beisammen. "An sich ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn die Leute Zerstreuung in der Natur suchen und zusammen Spaß haben. Das Problem ist nur, dass ein so scheuer Vogel wie der Flussuferläufer sich bedroht fühlt, wenn Menschen so nah an seinem Nest sind, und wegfliegt. Die Eier im Nest können dann auskühlen, zu heiß werden, oder jemand tritt drauf."
Auch für das Rotkehlchen ist die Suche nach einem Brutplatz manchmal schwierig, da natürliche Spalten und Ritzen in bewirtschafteten Wäldern fehlen, zudem braucht es Sträucher zum Brüten. Dennoch hat sich das Rotkehlchen besser an die Menschen angepasst als der Flussuferläufer, deshalb ist es nicht so bedroht und kann auch in Städten überleben. Dieser Vogel, der 12,5 bis 14 Zentimeter groß ist, hat eine markant rot gefärbte Brust und Kehle. Mittlerweile lebt er nicht nur in Wäldern, sondern auch in Parks und Gärten. Er ernährt sich von Insekten, Spinnen und Würmern sowie von weichen Beeren und Früchten. Anders als der Flussuferläufer ist das Rotkehlchen eher zutraulich und ist deshalb beliebt. Jüngst wurde es zum Vogel des Jahres 2021 gewählt. Dennoch wird es ebenso beim Brüten gestört, wenn Wanderer scharenweise in die Wälder strömen. Der Wald, den die Menschen zur Ruhe aufsuchen, benötigt auch selbst Ruhe, um gesund zu bleiben. "Das heißt keineswegs, dass Menschen nicht in den Wald gehen sollen." Christian Pruy findet es sogar wichtig, dass die Menschen in den Wald gehen. Schließlich vermittelt er selbst nichts lieber als die Faszination für die heimische Natur. "Nur muss man darauf achten, wo man hingeht und welche Tiere man durch sein Verhalten stören könnte. Durch die Corona-Pandemie gehen momentan sehr viele Menschen in den Wald, weil sie nicht in den Urlaub fliegen können. So kommt leider auch mehr Müll in den Wald, und die Tiere haben keine Ruhe. Noch gibt es einige Tiere, nur nimmt deren Bestand drastisch ab, sodass viele Arten vom Aussterben bedroht sind. Auch ohne Pandemie. Deshalb müssen wir auf die Natur achtgeben, damit sich die Bestände wieder erholen können."
Das Ökosystem ist empfindlich und wird durch den Menschen gestört. Da auch der Mensch ein Teil dieses Systems ist, bringt er sich letzten Endes auch selbst in Gefahr. Christian Pruy sagt: "Jeder muss sich seine Taten bewusst machen und sich über die Konsequenzen, die diesen Handlungen folgen, im Klaren sein."<
Eine Grillparty am Flussufer mitten in der Brutzeit im Naturschutzgebiet stört viele Tiere. "Und auch der Waldspaziergang sollte nicht auf Kosten der Tiere und vor allem der brütenden Vögel gehen. Corona hin oder her." Christian Pruy wird auch morgen wieder früh aufstehen, um Rotkehlchen und Co zu beobachten und sich zu freuen, wenn ihm doch einer der scheuen Flussuferläufer über den Weg huscht.