Wochen ohne Supermarkt, das Handy ist ausgeschaltet. Staunende Touristen und gastfreundliche Einheimische: Cornelia Rieck und Frank Fritsche, die an der Deutschen Schule zu Porto unterrichten, wandern in den Ferien mit ihren zwei Töchtern, ihren zwei Hunden und ihren zwei Eseln durch die Berge Europas. Wo die Luft dünner, das Wasser kälter, der Schlafplatz unbequemer und der Kopf freier ist, verbringen sie ihre Urlaube. Die Idee sei schon alt, erzählen sie. Damals, noch ohne Kinder, die mittlerweile 7 und 11 Jahre alt sind, aber mit Hund, seien sie bereits gewandert, doch auf Dauer wurde das Hundefutter zu schwer. Als sie eine sechswöchige Tour in den Pyrenäen planten, wollten sie zunächst einen Esel mieten, doch gab niemand seine Tiere her. "Mein Mann wollte ein Lama, das war mir aber zu exotisch, deswegen haben wir einen Esel gekauft", sagt Cornelia Rieck.
Ihre Touren unterscheiden sich von denen mit gemieteten Eseln, denn diese kennen ihre Routen und laufen meist nur von einer Unterkunft zur nächsten. "Die schönsten Touren waren bis jetzt immer die, bei denen wir nach zwei, drei Tagen komplett anders gelaufen sind als geplant", erzählt die Chemielehrerin. Zu Beginn dachten sie noch, sie müssten ihren vierbeinigen Begleitern sagen, wo es langgeht. "Aber ein Esel ist uns an Intelligenz und Instinkt in den Bergen, in seinem Gebiet, deutlich überlegen."
Die Familie wohnt den Tieren zuliebe in einem Dorf 30 Kilometer außerhalb Portos, wo die Esel Micoud und Balou eine große Koppel für sich haben. Eselhaltung erfordert viel Arbeit. Zum Füttern, Putzen, Striegeln und Stallausmisten kommt das Entwurmen der Tiere mittels einer Paste alle zwei Monate hinzu; zum Hufschmied müssen sie alle vier Monate, einmal jährlich werden sie mit einer Mehrfachimpfung gegen die Pferdegrippe und Tetanus geimpft. Die Lebenserwartung eines Esels liegt etwa bei 30 Jahren. Wenn man ein solches Tier kauft, müsse man wissen, dass es keine Entscheidung für eine Woche sei, sondern für ein Leben, betont Frank Fritsche.
Mittlerweile haben sie neun Touren gemacht, die zwischen einer und sechs Wochen dauerten, in Andorra, den französischen und spanischen Pyrenäen, den Picos de Europa in Nordspanien und den Alpen. "Die ersten zwei, drei Tage sind für alle richtig hart, da hat noch niemand die Ausdauer und die Kraft", erklärt Rieck - nur ihr Mann, der durchtrainierte Trailläufer sieht das anders. Zu Beginn ihrer Wanderungen laufen sie zehn Kilometer und 300 bis 400 Höhenmeter täglich, an den letzten Tagen sind es 10 bis 25 Kilometer mit 1000 Meter Aufstieg. Ihre Etappen dauern zwischen einer und acht Stunden. Routine ist ihnen auf ihren Touren wichtig. Jeden Morgen wenn die Sonne am Horizont über dem Zelt ist, stehen sie auf und frühstücken ausgiebig. Anschließend rollen sie ihre Isomatten auf und falten ihre Zelte zusammen, was durchaus zwei Stunden dauern kann. Bevor es losgeht, müssen die Esel kontrolliert und muss das Gepäck im Gleichgewicht aufgesattelt werden. Abends läuft es genau umgekehrt: die Esel werden abgesattelt, die Zelte werden so aufgebaut, dass sie auch bei Wetterumschwung stehen bleiben. Bevor es nach dem Abendessen ins Zelt geht, muss gebadet werden. "Im Zelt übernachten darf nur, wer gebadet hat." Sie baden in eiskalten Bächen, in Seen oder unter der mitgenommenen Solardusche. "Da weint man, da heult man, denn das tut richtig weh", sagt Cornelia Rieck. "Wer wochenlang in Gebirgsquellen duscht, weiß, wie schön eine warme Dusche ist."
Das Wandern mit Eseln bringt Herausforderungen mit sich. Zu hoch kann man mit ihnen nicht steigen, da dort kein Gras mehr wächst, was sie fressen können. Häufig müssen Routen umgeplant werden, denn sobald der Mensch seine Hände braucht, kommt der Esel nicht weiter. Frank Fritsche erzählt von einer Wanderung, bei der sie einen immer schmaleren Weg hochstiegen. "Links von mir war der Berg, und rechts von mir ging es steil runter. Ich bin vorgelaufen, und der Pfad wurde immer schmaler, bis der Esel nicht mehr weiterkam. Und dann standen wir da, kamen nicht vor und nicht zurück. Der Esel kann nur ein bisschen rückwärtsgehen, und das auch nicht sicher, weil er nichts sieht. Und der Wendekreis mit Gepäck ist so groß." Er breitet seine Arme aus. Um aus der Situation herauszukommen, musste seine Frau sich unter den Esel legen und das Gepäck abnehmen, damit er umdrehen konnte. Das müsse ruhig gehen, aber schnell, sonst komme der Esel aus dem Gleichgewicht, sagt die Oberbayerin. Auch in gefährlichen Situationen bleiben ihre Esel ruhig und lassen sich helfen. "Sie kämpfen mit uns. Sie würden uns auch nicht hängen lassen." Nachts liegen die Tiere wie große Hunde vor ihren Zelten. 2020, genau in dem Jahr, in dem sie aufgrund von Corona auf keine Hilfe von außen angewiesen sein wollten und durften, widerfuhr ihnen das bisher schlimmste Ereignis. Sie waren an der französisch-spanischen Grenze, als die Esel während des Frühstücks unbemerkt verschwanden. Die Familie suchte zwei Tage und Nächte vergeblich. Der Rettungsdienst rückt nicht für Tiere aus, also mussten sie in den nächsten Ort und mit einem privaten Hubschrauber 90 Minuten die Gegend abfliegen, für satte 27 Euro je Minute. Ohne Erfolg. "Das Schlimmste war, den Kindern sagen zu müssen, dass die Esel nicht da sind. Sie sind in Tränen ausgebrochen, und unsere jüngere Tochter hat gesagt, sie will nie wieder in die Berge. Das tat weh", berichtet der Familienvater. Als die Esel am nächsten Morgen überraschend von selbst wiederkamen, war das Familienglück wieder vollkommen.
Zu Beginn parken sie ihr Auto mit dem Anhänger für die Tiere und wandern los. Bei acht von neun Touren musste einer den Weg zurück zum Parkplatz per Anhalter fahren und den Rest der Familie anschließend mit dem Auto und Anhänger abholen, da sie aufgrund von starken Wetterumschwüngen oder einem kranken Esel nicht weiterkonnten. Jüngst haben sie es zum ersten Mal geschafft, aus eigener Kraft zurückzukehren. Das sei ein toller und stolzer Moment gewesen.
In ihren Urlauben leben sie nur mit der Sonne und dem Licht, Datum und Uhrzeit sind egal. Die schönsten Momente sind die Sonnenauf- und -untergänge, wenn es menschenleer ist und die Tagestouristen ins Tal zurückgekehrt sind. "Man hat mehr Respekt vor der Natur. Wir wissen, wie schön und harmlos die Natur sein kann, aber auch, wie sie in fünf Minuten zur großen Gefahr werden kann", sagt Cornelia Rieck. Ihr Mann, Mathe- und Physiklehrer, fügt hinzu: "Sonst sind wir den ganzen Tag in der Schule und arbeiten auch am Wochenende. In dem Moment oben in den Bergen, wo du nichts hast, nur die Familie, die Tiere, kannst du vollkommen abschalten. Man lebt ganz im Augenblick." Auf ihren Touren haben sie gelernt, verzichten zu können und zu wollen, ohne dass es ihnen schlecht geht: "Es lehrt einen, wirklich dankbar zu sein für das, was man hat, und vor allem nicht verschwenderisch damit umzugehen." Eine Traumroute, die sie noch erwandern möchten, haben sie nicht. Das Wichtigste ist ihnen, die ganze Familie dabeizuhaben; die Töchter, die Hunde und die Esel: "Die Esel sind Familienmitglieder - wir lassen ja auch keines der Kinder weg", scherzen sie, doch ernsthaft fahren sie fort: "Es kommt gar nicht drauf an, wo du bist, sondern wie du dich da fühlst, das ist entscheidend."