Ein Schweizer Getreidebauer über Kreislaufwirtschaft
Etwas außerhalb des Dorfes Wald im Kanton Zürich steht ein alter Bauernhof. Der Weg zum Biohof, der von Flurin Keller und seiner Familie betrieben wird, führt durch eine Allee von Nussbäumen. Gegenüber findet sich ein Feld, das etwas am Hang liegt. Auf diesem hat es zuunterst eine Kunstwiese, also eine vom Bauern künstlich angesäte Wiese, hangaufwärts einen Acker, auf dem Urdinkel wächst. Er ist im Drei-Blatt-Stadium, in dem der Keimling drei Blätter besitzt, was typisch für ein Wintergetreide ist. Denn so hoch über Meer, wie die Felder liegen, hat es im Frühling noch zu lange Schnee, als dass man Sommergetreide pflanzen könnte. Das Wintergetreide wird im Sommer geerntet und schon im Herbst ausgesät. Es wächst so bis zum Drei-Blatt-Stadium, bevor der Schnee kommt. Die Aussaat im Herbst hat bei Biobauern noch eine weitere Bedeutung. Das Getreide erhält nur dann das Biolabel, wenn die Äcker bis auf kurze Zeitspannen zwischen Säen und Keimen mit Getreide oder Wiese bewachsen und bedeckt sein müssen. Bei Flurin Keller ist dies zusätzlich wichtig, um sein Land vor der Erosion zu schützen, die sonst die Erde wegen der Neigung bei Regen wegschwemmen würde.
Inmitten des Urdinkelfelds ist eine Stelle mit Stäben abgesteckt. "Hier läuft ein Versuch, Emmer zu pflanzen. Ein altes Getreide, doch das Züchten dauert sehr lange. Bis wir erste Brote aus Emmer herstellen könnten, werden noch etwa 15 Jahre vergehen", sagt der 31-Jährige. Um eine optimale Qualität zu erhalten, sortiert er die besten Pflanzen aus und streut dann deren Samen neu aus. "Emmer war früher eines der wichtigsten Getreide Mitteleuropas. Doch im 19. und 20. Jahrhundert ist es in Vergessenheit geraten. Mittlerweile besteht wieder eine Nachfrage, da es für verschiedenste Produkte genutzt werden kann", erklärt der in Gummistiefel und Holzer-Hose gekleidete Landwirt. Keller pflanzt auch Futtermais und Weizen an: Bei Biobauern gibt es einen Kreislauf. Von Wiese über Futtermais und Weizen zu Urdinkel, dann fängt der Zyklus wieder von vorne an.
Um eine möglichst hohe Anzahl an Pflanzen und einen hohen Ertrag zu erhalten, wird das Getreide im Frühling, wenn der Schnee geschmolzen ist, gewalzt und gestriegelt. "So wird der Pflanze der Reiz gegeben, möglichst viele Stängel zu machen, da dann die Überlebenschance größer ist, im besten Fall bis zu vier Pflanzen aus einem einzigen Samen." Beim Walzen fährt man mit einer großen Walze über das Getreide, beim Striegeln wird ein Anhänger mit vielen Drahtzangen benutzt. Das Walzen wird mit demselben Gerät gemacht wie das Säen. Die Sämaschine drückt die Getreidesamen einzeln in die Erde und bedeckt diese dann mit Erde, die Samen müssen vollständig begraben sein, um keimen zu können. "Es hat aber auch den Vorteil, dass Vögel sie schlechter wegpicken können und sie vom Regen nicht weggespült werden." Auch zu starker Wind könnte Keller um die Ernte bringen. Stürmt es kräftig, kann der Wind das Getreide knicken. Das fängt dann an zu faulen, was ein großes Problem ist, wenn es nicht kurz vor der Ernte passiert. Selbst dann ist es aber schwer, jeden umgeknickten Getreidehalm zu ernten.
Kellers Feld ist von Wald oder Hecken umgeben, was den Wind abbremst. Das Striegeln hat noch einen anderen Vorteil. Beim diesem Vorgang wird Unkraut ausgerissen, dem Getreide geschieht nichts. "Die Wurzeln des Getreides sind länger und haften deshalb besser im Boden als die kurzen des Unkrautes. Doch nicht jedes Unkraut kann so einfach besiegt werden, ein besonders hartnäckiges ist der Ampfer." Der wächst überall. Bis zu 40 000 Samen macht jede Pflanze, welche mehrere Jahrzehnte im Boden stecken können, ehe sie keimen. Wird gemäht, werden sie zerstreut. Von Hand einfach ausreißen geht nicht, da die Pfahlwurzel tief im Boden steckt. "Wenn ich einen Ampfer sehe, so schneide ich einfach den Fruchtkorb ab, und die Pflanze kann sich nicht versamen. Es geht somit auch keine Gefahr mehr von ihr aus."
Der Hof von Flurin Keller wurde 1780 gebaut. Im Fachwerkwohnhaus, mit rotem Ziegeldach, lebt er mit seiner Frau, seiner Tochter, vier Katzen und dem Entlebucher Sennenhund Dawongo. Daneben hat es einen Stall für die Kühe. Auf dem Hof leben 30 Milchkühe mit ihren 15 verspielten Rindern und fünf Kälbern. Im Schuppen stehen die zwei Traktoren, mit denen Keller seine Felder pflegt, Holz transportiert und alle Geräte zieht, die es braucht. Dazu gehören die Saatmaschine, der Pflug, die Striegelmaschine und ein Güllewagen. Auch die Biobauern brauchen Dünger, dieser ist die Gülle seiner Tiere. Der Dünger darf keinesfalls künstlich hergestellt sein. Er darf nicht zu viel Gülle spritzen, sonst könnte das Getreide zu hoch wachsen und leicht umfallen, da der schwerste Teil oben beim Korn ist. Einzig der Mähdrescher fehlt. "Wenn die Erntezeit gekommen ist, mieten wir einen." Es gibt eine Werkstatt und ein Fahrsilo, wo das Futter unter einer Plane gelagert wird. Darin wird das Winterfutter gelagert. "Wir haben sogar eine eigene Kläranlage hinter dem Haus, denn wir sind nicht an den Wasserkreislauf von Wald angeschlossen", erklärt Keller. Das Trinkwasser für den Hof wird in einem Wasserreservoir gesammelt. Ein Tag als Biobauer ist lang und anstrengend. Keller wäre in seiner Jugend eigentlich lieber Fußballer geworden, nun spielt er nur noch in seiner knappen Freizeit Fußball. Trotzdem genießt er sein Leben.