Ausgewandert von Bad Pyrmont in Niedersachsen nach Pyrmont in Down Under.
Riesige Wolkenkratzer prägen die Skyline. In der untergehenden Abendsonne werden die gläsernen Gebäude sowie das Hafenbecken in ein sanftes Orange gefärbt. Eine Brücke legt sich vom Hafen aus über das Wasser in Richtung Skyline. Auf ihrer linken und rechten Seite wehen bunte Flaggen. Hunderte Leute überqueren die Brücke. Ein Kakadu setzt sich kurz auf das Geländer und fliegt in die untergehende Sonne, bald werden die Nacht hereinbrechen und das Wasser durch die Spiegelung der bunten Werbetafeln erleuchtet sein. Aus Lautsprechern wird Musik gespielt, man hört Stadtverkehr und unterschiedlichste Sprachen.
Fast zwei Tage zuvor, rund 16 000 Kilometer entfernt, eine Zeitverschiebung von acht bis zu zehn Stunden: Die Sonne ist vor ein paar Stunden über einem von grünen Wäldern umgebenen Talkessel aufgegangen. Zwischen zwei parallel liegenden Straßen plätschert ein kleiner Wasserlauf. Folgt man diesem, gelangt man zu einer Baumallee, die im Dunkeln mit vielen Lichterketten geschmückt ist. Ganz in der Nähe ist ein Kurpark, der mehrfach als einer der schönsten Gärten Europas ausgezeichnet wurde. Überall findet man gemütliche Cafés und kleine Läden, vor denen Leute sitzen. Eine fünfköpfige Familie ist auf dem Weg zum städtischen Bahnhof, um eine Weltreise zu ihrer Tante anzutreten und letztendlich doch wieder genau dort anzukommen, wo sie gestartet ist. Wie ist das möglich? Verschiedener könnten zwei Orte auf den ersten Blick doch gar nicht sein! Und dennoch haben sie eine Gemeinsamkeit: den Namen. In der fünf Millionen Einwohner großen australischen Metropole Sydney liegt der Stadtteil "Pyrmont", rund 2,5 Kilometer vom Opernhaus entfernt. Er war im 19. Jahrhundert berühmt für seine Sandsteinindustrie. Benannt wurde er augenscheinlich nach der niedersächsischen Kurstadt im Weserbergland "Bad Pyrmont", die rund 21 000 Einwohner hat. Sie ist wegen ihrer Quellen und Heilbäder ein beliebter Kurort. "Bad Pyrmont kam zu seinem Namen im Jahr 1720. Es wurde zu einem systematischen Kurort angelegt", sagt der Pyrmonter Stadtarchivar Dieter Alfter. "Die Menschen besuchten Bad Pyrmont vor allem wegen seines heilenden Wassers - zum Trinken und Baden." Weil Jahr für Jahr viele reiche und adelige Gäste den Kurort besuchten, sei es für sie immer eine hervorragende Möglichkeit gewesen, Kontakte zu knüpfen. Im Stadtarchiv lassen sich Zeitungsartikel bis hin zum Jahr 1929 finden, die bereits über die überraschende Entdeckung berichteten, dass ein "zweites Pyrmont" gesichtet worden wäre. So wuchs schon damals das Interesse, den Grund für diese Namensgebung herauszufinden. Ein heutiger Ansatz der Geschichtsforschung, der besonders vertreten wird: 1806 erhielten recht hochrangige Personen Sydneys Besuch aus Übersee und machten zusammen eine Bootstour. Während einer Pause mit Picknick tranken die Besucher aus einer Quelle, die, wie sie bekundeten, genauso gut wie eine Quelle aus Bad Pyrmont geschmeckt haben soll. Daraufhin hätten sie vorgeschlagen, diesen Ort nach Bad Pyrmont zu benennen. Auch die Landschaft habe an den Kurort in Deutschland erinnert.
"Vielleicht hätte man es Bad Pyrmont nicht nennen können, da 'bad' im Englischen ja 'schlecht' heißt. So hat man es nur Pyrmont genannt", überlegt eine Frau, die sowohl den Stadtteil Sydneys als auch das Pyrmont der "Alten Welt" gut kennt. Es ist die Tante der Familie. Als junge Frau wanderte Inge Zoellner 1960 auf den Rat eines Freundes mit ihrem Mann, einem gebürtigen Bad Pyrmonter, sowie ihrem gemeinsamen Sohn nach Australien aus. Sie hofften, dort sowohl bessere Wohnverhältnisse, als auch mit dem Meisterbrief des Mannes eine selbständige Beschäftigung erlangen zu können. Nach einer sechswöchigen Überfahrt mit dem Schiff kamen sie in Australien an. "Die Überraschung war natürlich groß, als wir erfahren haben, dass es auch hier ein Pyrmont gibt", sagt die Auswanderin. "Dort haben wir nach unserer Ankunft bei einem Fleischer auch das erste landestypische Essen eingekauft."
Von großer persönlicher Bedeutung sind für Inge Zoellner die Abende am Nationalfeiertag "Australia Day": "Jedes Mal am 26. Januar kommen Segelschiffe in die Pyrmonter Bucht herein, abschließend gibt es ein riesiges Feuerwerk." Früher stand das Paar dann auf der Pyrmont Bridge, die den Stadtteil mit dem "Central Business District" Sydneys verbindet, und betrachtete das Feuerwerk. "Auch, wenn wir durch Pyrmont durchgefahren sind, haben wir oft gesagt: Wie schön wäre es, wenn vor diesem Pyrmont jetzt noch ein 'Bad' stünde." Gerade um Weihnachten herum komme ab und zu das Heimweh nach Deutschland auf. Das hat unter anderem den Grund, dass zu dieser Zeit in Australien mit mehr als 40 Grad Celsius Hochsommer herrscht. "Das haut mit Weihnachten irgendwie nicht hin. Dann schickt man sich bei der Hitze Postkarten mit Schneemännern drauf", sagt Inge Zoellner. Natürlich gab es schon mal Missverständnisse durch die gleichen Namen. Als sie mit ihrem Mann ein Päckchen zu der Familie nach Deutschland schicken wollte, gab sie bei der Postzentrale am Schalter an, es per "Air-Mail" verschicken zu wollen. "Da sagten die Mitarbeiter zu uns: 'Dafür brauchen Sie doch kein Flugzeug. Das geht doch nach Pyrmont!'" Darauf mussten die beiden erst einmal erklären, dass das Päckchen nach Bad Pyrmont gehen soll. Viele Australier würden zudem auch nicht wissen, dass zwischen Pyrmont und Bad Pyrmont eine mögliche Verbindung existiert. In Sydney gibt es eine "Pyrmont History Group", die sich speziell mit der Geschichte, Entwicklung und Industrie dieses Stadtteils beschäftigt. Auf der Internetseite dieser Gruppe ist sogar ein Bild des alten Bad Pyrmonts zu finden. Außerdem schildern Bücher, geschrieben von australischen Historikern, den Zusammenhang zwischen Bad Pyrmont und Pyrmont.
Eine Besonderheit ist zudem, dass Inge Zoellner und ihre Familie ausgerechnet im Stadtteil Pyrmont mit ihrer Auswanderung verewigt sind. Vor der Brücke steht die "Welcome Wall" - eine Wand aus 84 Bronzetafeln, auf der die Namen von mehr als 30 000 Einwanderern stehen, die gegen eine Spende auch noch heute eingraviert werden können. Die Besucher aus Niedersachsen stellen sich vor das Schild "Pyrmont Bay", das an der Bucht vor der Brücke steht. Die Kinder grinsen in die Handykamera, um ihren Freunden aus Bad Pyrmont ein Bild von der "lustigen Parallele" zu schicken. "Wie cool ist das denn?", kommt da gleich eine Nachricht zurück.