Hornussen ist ein rasanter Schweizer Traditionssport
Man will den Hornuss immer weiter schlagen, immer ein bisschen weiter und noch ein bisschen weiter." Für Davide Rizza, den Präsidenten der Hornussergesellschaft Gossau ZH im Zürcher Oberland macht dies schon seit zwanzig Jahren den Anreiz des Hornussens aus. Dazu gefunden hat er durch seinen von Bern immigrierten Nachbarn, der ihn eines Tages motivierte, diesen urschweizerischen Sport doch einmal auszuprobieren. In der Umgebung von Bern liegt der Ursprung dieses Volkssportes, dort befinden sich auch die meisten Gesellschaften. Hornussen ist schon zu Zeiten von Jeremias Gotthelf in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gespielt worden und im Kreise der Bauernschaft entstanden, deshalb auch der Name "Buure-Tennis". Es treten zwei Mannschaften mit je mindestens 16 Spielern gegeneinander an. Gespielt werden zwei Umgänge, bei denen die beiden Mannschaften je einmal "abtun" und einmal schlagen. Unter Schlagen versteht man das Wegschlagen des Hornusses, des schwarzen, ovalen Flugobjekts aus Kunststoff, hinaus ins Ries. Das Ries ist ein abgestecktes, trapezförmiges Spielfeld, das 100 Meter nach dem Bock, der Abschlagvorrichtung, beginnt und 200 Meter lang ist. Alle zehn Meter sind seitlich Markierungen gesetzt, die das Spielfeld in zwanzig Abschnitte einteilen. Der Hornuss kann bis zu 330 Meter weit fliegen und hat eine maximale Abschlaggeschwindigkeit von 360 Stundenkilometern. Geschlagen wird er mit einem zwei bis drei Meter langen flexiblen Stecken, an dessen Ende das Träf, ein Klotz aus Hartholz, befestigt ist.
Das Schlagen braucht viel Konzentration, jedes Teammitglied agiert für sich selbst, das Publikum wird stumm. Dass man sowohl als Einzelspieler wie auch als Mannschaft Auszeichnungen holen kann, macht diesen Sport einzigartig. Im Ries ist es die Aufgabe der Abtuer, mit ihren Schindeln aus Holzbrettern oder Kunststoff, den Hornuss zu stoppen. Dies erfordert viel Aufmerksamkeit und ein schnelles Reaktionsvermögen. In der Spielbewertung wird dann zuerst nach der Anzahl nicht gestoppter Hornusse im Ries, genannt Nummern oder Nummero, rangiert. In zweiter Instanz ent-scheiden die von allen Schlägern einer Mannschaft erzielten Distanzpunkte, die zu einem Gesamtresultat summiert werden.
Ein Spiel kann mehrere Stunden dauern. Früher ist es eine Sonntagnachmittagsbeschäftigung gewesen, wie der etwa sechzig Jahre in diesem Sport aktiv gewesene und 85-jährige Gottfried Lehmann erzählt. Er und sein 81-jähriger Bruder Hansueli Lehmann sind, wie es auch heute noch der Fall ist, von ihrem Vater das erste Mal auf den Hornusserplatz mitgenommen worden. "Häufig haben wir als Buben getappert, also die Hornusse von der 100-Meter-Marke, dem Anfang des Rieses, in Etappen zum Bock zurückgebracht", berichtet Lehmann. Nach den Spielen seien häufig Hüte umhergereicht worden und die Zuschauer hätten Münzen hineingeworfen. Sein Bruder Gottfried fügt hinzu: "Da haben wir am Sonntag manchmal 50 Rappen bekommen, das war viel Geld." So sind sie in das Hornussen hineingewachsen, als sie alt genug waren, hat man sie ins Team integriert. Für die Jungen selbst gab es keine eigenen Mannschaften. Heute gibt es eine Nachwuchsliga. Es liegt aber laut Rizza nicht wie im Eishockey oder Fußball ein riesiges Interesse vor, weshalb die Jungen häufig rekrutiert werden müssen. Der Mitgliederbeitrag ist mit 50 Franken im Jahr für den Nachwuchs niedrig, das Material wird vom Verein finanziert. Die Erwachsenen zahlen 200 Franken im Jahr, dazu kommen etwa 300 Franken für den Stecken, der einmal im Jahr ersetzt werden muss. Ein weiteres Ausrüstungsteil ist der Helm, eine Tragpflicht gilt jedoch nur für jüngere Hornusser. Die häufigsten schwerwiegenden Verletzungen passieren im Gesicht. Das musste auch Gottfried Lehmann einmal miterleben, als einer seiner Mitspieler neben ihm von einem Hornuss ins Auge getroffen worden ist. Er erschaudert bei der Erinnerung daran. Das Geräusch beim Aufprall werde er nie vergessen. Nach diesem Vorfall brauchte die Hornussergesellschaft Gossau ZH etwa drei Jahre, um wieder gute Ergebnisse heimzubringen, die Mannschaft war wie gelähmt. Obschon früher die Bekleidung weniger technisch war, ist sie in den Grundzügen immer noch gleich. "Früher haben sie in den Bergschuhen gehornusst, im normalen Alltagsgewand, meistens noch einen Stumpen im Mund, eine Bierflasche am Boden und einen Hut auf dem Kopf", sagt Hansueli Lehmann. Heute gibt es einheitliche Tenues, Trikots.
Während der Saison bestreitet Davide Rizza zwischen 20 und 25 Spiele, darunter Meisterschaftsspiele, zwei Hornusserfeste, das sind ein- oder zweitägige Turniere, Kleinanlässe sowie Vorbereitungsspiele. Die Saison beginnt im März und endet im September oder Oktober. Früher war das nicht viel anders. "Sobald der Schnee weg war, hat man begonnen und, wenn möglich, bis spät in den Herbst hinein gespielt", sagt Hansueli Lehmann. Einen strukturierten Spielplan oder eine Meisterschaft gab es nicht. "Es wurde meist Dorf gegen Dorf gespielt, und häufig endete es in einer Schlägerei", sagt Gottfried Lehmann amüsiert. Trainiert haben sie grundsätzlich nicht. Im Gegensatz dazu trainiert Rizza zwei- bis dreimal in der Woche im Feld, und einmal wöchentlich findet ein Krafttraining statt. Das im Unterschied zu den Plausch-Ligen, bei denen es hauptsächlich um den Spaß am Spiel geht und weniger um den Konkurrenzkampf.
Am Schluss der Spiele musste der Verlierer früher häufig das Zvieri, eine Vesper, spendieren. Manchmal gab es auch kleine Ehrenzeichen. "Da haben ein paar Mannschaften gegeneinander gespielt, und diejenigen, die gewonnen haben, erhielten einen geschnitzten Holzbären", erzählt Gottfried Lehmann. An den Eidgenössischen Hornusserfesten gibt es Kränze zu gewinnen. Das Gewinnen eines dieser Kränze bleibt für Hansueli Lehmann das eindrücklichste Erlebnis seiner Hornusserkarriere.