Skicross-Athlet Marc Bischofberger brettert was das Zeug hält – vom Appenzellerland bis nach Olympia.
Die Leidenschaft zum Beruf machen - davon träumen die meisten. Einer, der es geschafft hat, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen, ist Marc Bischofberger. Der Schweizer Athlet hat sich binnen zehn Jahren hochgearbeitet, sodass er heute zu den besten Skicrossfahrern der Welt gehört. Jeden Tag trainiert er hart für seinen Traum: Er möchte zum zweiten Mal den Gesamtweltcup gewinnen und für ein Jahr der beste Skicross-Athlet der Welt sein. Beim Skicross fahren vier Teilnehmer gleichzeitig ein Rennen auf Skiern, welches Sprünge, Wellen und Kurven beinhaltet. Diese Freestyle-Disziplin fordert vielseitige Fähigkeiten von den Sportlern. Die schnellsten beiden Fahrer des Rennens kommen jeweils in die nächste Runde.
Mit zwei Jahren stand er das erste Mal auf Skiern. "Damals rutschte ich nur ein wenig im Garten herum", antwortet der große Sportler auf die Frage, wie er seine Leidenschaft zum Skisport entdeckte. In seinem Heimatort Oberegg im Appenzellerland steht ein kleiner Skilift, an dem er seine Kindheit verbrachte. Mit sieben Jahren trat er dem hiesigen Skiclub bei und fuhr Kinderskirennen. Als er mit zwölf Jahren in den Ostschweizer Kader aufgenommen wurde, wechselte er auf eine professionelle Ebene. Mit 16 Jahren durfte er an seinem ersten Rennen der Fédération Internationale de Ski teilnehmen, bei dem man gegen internationale Konkurrenz fährt. Bischofberger fuhr von 2006 bis 2010 Alpinrennen. Nach einer Verletzung bei einem der Rennen beschloss er, nicht mehr alpin zu fahren. Durch Zufall stieß er auf die Disziplin Skicross, die ein Freund und er aus Spaß versuchen wollten. Der Wechsel vom Alpin hin zum Skicross ist keineswegs selten, erzählt der fröhliche Athlet mit den kurzrasierten Haaren. "Wenn man, wie ich, im Alpin-Sport seine Kindheit verbracht hat, ist man auf dem richtigen Weg zum Skicross." Damals hätte der 32-jährige Sportfanatiker nicht damit gerechnet, dass er in dieser Disziplin so weit kommen würde.
Mit den ersten Podestplatzierungen kamen die Angebote von Sponsorenverträgen und die finanzielle Unterstützung durch die Schweizer Armee. Dank seiner erfolgreichen Saison 2015, in der er seinen ersten Weltcupsieg hatte, fährt Bischofberger bis heute in der Nationalmannschaft. Seit 2017 übt er Skicross als Vollzeitberuf aus. Die Saison 2018/19 war seine bisher erfolgreichste. Er konnte bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang die Silbermedaille erringen. Dieses Ereignis war überwältigend für den ehrgeizigen Sportler. Vier Jahre hat er auf den einen Tag der Olympiade hin trainiert, an dem alles stimmen musste. "Der Tag flog nur so an mir vorbei." Erst als er die Silbermedaille in den Händen hielt, konnte er realisieren, was gerade geschah. Mindestens genauso sprachlos war er am Tag seines ersten Weltcupsieges. Zuvor war sein bestes Ergebnis der siebte Platz gewesen, weshalb die Freude umso größer war, als er überraschenderweise auf dem Podest stehen durfte. "Olympia war sehr groß. Das ist das, wovon jeder Sportler im Leben träumt. Doch der erste Sieg bringt ein noch einmaligeres Gefühl mit sich."
Zum Sport gehören auch Rückschläge. Während eines Weltcup-Rennens kam es zu einem Kreuzband-Riss, und 2020 verletze er sich an der Schulter. Er bezeichnet Verletzungen als extrem frustrierend, denn es braucht viel Zeit und Kraft, um wieder in Form zu kommen. Das Schlimmste aber ist es, die Teilnahme an Rennen zurückziehen zu müssen. So fehlte der Sportler aufgrund seiner Schulterverletzung bei den ersten beiden Weltcuprennen zum Saisonstart 2021 in Arosa. Der ganze Trainingsaufbau war damals umsonst. Seine Motivation nach Rückschlägen ist das Gefühl vom Gewinnen, das er so schnell wie möglich wieder spüren will. "Jammern nützt nichts. Damit kann man sich nichts kaufen, das weiß man doch", sagt der willensstarke Mann lachend. Es gilt, sofort eine neue Seite aufzuschlagen und mit dem Geschehenen abzuschließen. Was ihm hilft, sich nach einem Rückfall wieder zu beruhigen, ist Ablenkung. "Das Gemeine ist nur, dass ich gerne Sport mache, um mich abzulenken." Natürlich bedeuten Verletzungen einen immensen Druck. Man soll möglichst schnell wieder gesund und einsatzfähig werden. Und doch besteht immer das Risiko einer erneuten Verletzung. Am belastendsten empfindet er jedoch den Druck der Medien und das Vergleichen mit Konkurrenten. Der Druck ist natürlich auch von der Veranstaltungsart abhängig. Die Erwartungen an die Schweizer Sportler sind sowieso hoch, da die Schweiz als Skination und Skisport als Nationalsportart gilt.
Auf ihn selbst hat Druck jedoch eine eher positive Auswirkung, er empfindet ihn mehr als Ansporn. "Der Druck ist einfach da. Die Frage ist, wie man als Sportler damit umgehen kann." Er berichtet, dass vielen der Druck zu viel werde und sie dann nicht mehr in der Lage seien, die gewohnte Leistung abzurufen. Kleine Fehler führen zu schlechten Resultaten und diese wiederum zum Rausschmiss aus dem Team. Im Team unterstützt man sich, doch im Endeffekt ist es ein Einzelsport. "Man fährt zu fünft auf der Bahn, doch man kämpft und gewinnt alleine."
Druck kann auch bedeuten, das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen - das verspürte er in seiner Jugendzeit oft. Seine Freunde gingen feiern, er musste sich an seinen Trainingsplan halten: "Im Winter bin ich nie zuhause, sondern bei Rennen. Feiern an Karneval ist für mich beispielsweise ein Fremdwort." Zukunftsangst hat er nicht, er hat eine Ausbildung zum Polymechaniker abgeschlossen. "Solange ich gesund bin, Spaß am Sport habe und Erfolge erziele, was Hand in Hand geht, will ich unbedingt weitermachen."