Von Mönchengladbach ins Mittelalter: Autorin Rebecca Gablé.
Viele von uns hatten ihn schon einmal: den Traum vom eigenen Buch. Rebecca Gablé lebt diesen Traum. Die 56-jährige freie Autorin mit dem braunen Pixie-Haarschnitt erlangte durch die Waringham-Saga, die im englischen Mittelalter spielt, internationale Bekanntheit. Auch für Rebecca Gablé sollte der Beruf vorerst ein Traum bleiben. Sie machte ihr Abitur in ihrem Geburtsort Mönchengladbach, wo sie heute noch neben Mallorca einen Wohnsitz hat. Danach arbeitete sie als Bankkauffrau, bis sie ein Literaturstudium in Düsseldorf begann, wo sie sich zunehmend dem englischen Mittelalter zuwandte. 1990 verfasste sie ihren ersten Roman, einen Krimi.
Die Verlagssuche beschäftigt viele Erstautoren jahrelang, so auch Gablé. "Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber man hört immer wieder, dass bei den großen Verlagshäusern bis zu 100 unverlangt eingesandte Manuskripte am Tag eingehen", schreibt sie in einem E-Mail-Interview, "also Bücher von unbekannten Autoren, die auf Verlagssuche sind. Das ist das erste große Problem: Die Lektorinnen und Lektoren in den Verlagen haben einfach nicht die Zeit, jedem dieser Manuskripte die nötige Zeit zu widmen, um es zu beurteilen. Darum werden die meisten abgelehnt, ohne dass jemand einen Blick hineingeworfen hat." Und selbst wenn das Manuskript überhaupt gelesen wird, bedeutet das nicht zwingend Erfolg. Denn einem bisher unbekannten Autor einen Vertrag anzubieten bedeutet für Verlage ein großes Risiko. Daher müssen aufstrebende Schriftsteller oft länger als ein Jahr auf eine Antwort warten. "Das ist die zweite große Hürde", sagt die Frau mit dem Künstlernamen.
Eine Hürde, die einen Einstieg in dieses Berufsfeld oftmals aussichtslos erscheinen lässt. Dennoch darf man die Hoffnung nicht aufgeben. "Gleichzeitig sind aber alle Verlage ständig auf der Suche nach dem Bestseller von morgen. Darum lohnt es sich für unbekannte Autorinnen und Autoren, es weiter zu probieren. Man braucht aber einen sehr langen Atem und ein Quäntchen Glück." Sie blieb beharrlich und konnte "Jagdfieber" 1995 veröffentlichen. Ein Jahr später schloss sie ihr Studium ab und begann als freie Schriftstellerin zu arbeiten. Ihr neuer Schwerpunkt: historische Romane. Bevor ein Roman in den Druck geht, muss noch viel geändert werden. "Mein erster historischer Roman 'Das Lächeln der Fortuna' war viel zu lang geraten, weil ich einfach noch keine Erfahrung hatte, darum habe ich ihn auf Anregung und mithilfe meiner Lektorin um circa 300 Seiten gekürzt. Den Schluss fand sie auch nicht so gelungen, also habe ich ihn umgeschrieben." Der Roman war ihr Durchbruch als Autorin. "Das war vor mehr als fünfundzwanzig Jahren und tatsächlich das einzige Mal, dass mein Verlag Änderungswünsche geäußert hat." Das heißt nicht, dass man einen Roman innerhalb von ein paar Wochen herunterschreibt und die erste Version dann sofort so übernommen wird. Nach der Erstfassung kommen die Testleser ins Spiel. "Das sind Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, die mein Manuskript mit unterschiedlichen Schwerpunkten lesen." Beispielsweise prüft eine Ärztin Gablés Darstellung von Schwert- und Pfeilwunden sowie mittelalterlichen, heute oft schon ausgestorbenen Krankheiten.
Ein Historiker ist nicht unter Gablés Testlesern: Die Vergangenheit korrekt abzubilden fällt allein in ihre Verantwortung. Nachdem sie das Feedback umgesetzt hat, liest ihre Lektorin den Text nach Rechtschreibfehlern. Dann wir er gesetzt, das heißt in fertige Buchform gebracht. Korrekturfahne wird der Ausdruck dieses Textes genannt, der von Gablé und zwei Korrektoren auf Tippfehler abgesucht wird. "Sie finden auch immer noch etliche", gesteht die Autorin ein.
Währenddessen werden Stammbäume, Landkarten, Innenillustrationen und Coverentwürfe von Grafikern erstellt. Welches Cover letztendlich genutzt wird und welchen Titel der Roman tragen soll, entscheiden Autorin und Verlag gemeinsam. "Es ist meistens eine sehr konstruktive Zusammenarbeit auf Augenhöhe." Nach "Das Lächeln der Fortuna" hat Gablé etwa alle zwei Jahre einen Mittelalterroman veröffentlicht. Worüber sie schreiben soll, stellt der Verlag ihr frei. "Das funktioniert auch gar nicht anders, denn zu einem vorgegebenen Thema würde mir nichts einfallen. Inspiration lässt sich ja nicht auf Knopfdruck einschalten und ist auch unter den günstigsten Umständen immer ein sensibles Pflänzchen." Eine tägliche Routine gibt es dabei nicht. "Meine Arbeitstage sind sehr unterschiedlich. Zu Beginn eines neuen Projekts steht die Recherche im Vordergrund. Das heißt, ich lese Fachliteratur, mache mir Notizen dazu und schreibe die ersten Ideen für die Romanhandlung auf, die mir dabei einfallen. In der zweiten Phase plane ich die Handlung und lege die Figuren an. Zu allen wichtigen Personen im Roman - den erfundenen ebenso wie den historischen - schreibe ich ausführliche Dossiers mit Kurzbiographie, Charakterisierung, äußerer Erscheinung und so weiter." Dies nimmt drei bis sechs Monate in Anspruch, danach verfasst sie etwa zwei Jahre lang den Roman. Ihre Recherchen gehen während der Schreibphase weiter. "Und wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht, mache ich während der Entstehungsphase mindestens eine Recherchereise zu den Schauplätzen meines Romans. Das sind besonders schöne Arbeitstage."
Abgesehen von den fehlenden Touren durch England, hat die Pandemie die Schriftstellerin kaum beeinflusst, sie arbeitet schon immer von zu Hause aus. "Ich mache auch seit Jahren keine Autorenlesungen mehr, deren Wegfall für mich somit auch nicht so einschneidend ist wie für so viele meiner Kolleginnen und Kollegen." Was ihr besonders gefehlt hat, sind Buchmessen und Literaturveranstaltungen, die das Treffen mit anderen "Büchermenschen" ermöglichen. "Und das kann auch keine Videoschalte ersetzen."
Der siebte Teil der Waringham-Reihe ist erschienen. In dieser wird die Geschichte der Familie Waringham erzählt, eines fiktiven Adelsgeschlechts in Kent, und deren Bindung zum englischen Königshaus. Der Roman spielt im 13. Jahrhundert. Die Kultur und vor allem Sprache des Landes interessierten Gablé schon immer. Früher arbeitete sie als Übersetzerin. "Ich habe das Übersetzen sehr geliebt, aber vor mehr als zehn Jahren aufgegeben, um mich ganz auf meine eigenen Romane konzentrieren zu können." Sie hat sich ihren Traum erfüllt.