Alles war gleich gestrickt

Über das Leben in der Sowjetunion vor über 30 Jahren

 

Vom Leben eines Bauern im Jahr 1986 in der damaligen UdSSR erzählt Nina Traut aus Taunusstein. Sie lebte vor über 30 Jahren im heutigen Kasachstan und war dort mit ihrer Familie Selbstversorgerin und unterrichtete als Deutschlehrerin an einer Gesamtschule. Im Dorf Plodowojagodn hatte die Familie einen Bauernhof, wie es zu dieser Zeit bei den meisten Menschen üblich war, um sich zu ernähren. Lebensmittel waren ein kostbares Gut, das in den Läden nur beschränkt vorhanden war. Deshalb baute man Obst und Gemüse an und hielt Nutztiere. Über die Jahre schaffte das Ehepaar immer mehr Tiere für den Hof an, die entweder von der Nachbarschaft geschenkt wurden, wie die ersten Hühner oder zwei Hasen, oder von anderen Dörfern wurden Schweine, Kühe, Ochsen, Pferde, aber auch Schafe und Ziegen zugekauft.

 

Die Hofarbeit war anstrengend und mühsam für die damals 35-Jährige und ihren Mann. Auch die älteste Tochter, die gerade einmal zehn Jahre alt war, musste mit anpacken, wenn sie von der Schule kam. Das Mädchen musste die Wäsche im Dorfbrunnen waschen, kochen lernen und fleißig das Haus aufräumen. Auch die Fütterung der Tiere stand vor und nach der Schule auf ihrem Plan. Auf die Frage, was ihr am kasachischen Dorf am schönsten in Erinnerung geblieben ist, antwortet die heute 70-Jährige: "Die schönste Erinnerung, welche ich noch aus der Zeit habe, sind die freundlichen Menschen und die herzensgute Nachbarschaft. Die Menschen besaßen nicht viel, aber man hat alles miteinander geteilt und zusammen gelacht. Wenn jemand aus unserem Dorf beispielsweise ein finanzielles Problem hatte, dann hat das ganze Dorf sich versammelt und für diese Person Geld in einen Topf geworfen, bis sein Finanzproblem gelöst worden war."

 

Natürlich gab es Schattenseiten. So gab es kaum abwechslungsreiche Mode. Alles war gleich gestrickt und in denselben langweiligen Farben. Zwar habe das Essen damals deutlich natürlicher geschmeckt, weil es direkt vom Tier oder von der Ernte kam, jedoch war man limitierter und deutlich eingeschränkter als heute. "Man hatte immer wieder dieselben Gerichte, die zwar geschmeckt haben, allerdings haben wir das gegessen, was auf den Teller kam. Verschwendung von Lebensmitteln gab es bei uns nicht, auch wenn man mal auf etwas weniger Lust hatte oder wenn es nicht geschmeckt hat." Für das wenige Geld, das man hatte, wurde hart gearbeitet. Um etwas dazuzuverdienen, hat man selbst angebaute Lebensmittel im Dorf verkauft. Das reichte aber nicht aus, um Kosten wie Steuerabgaben, Strom oder Wasser zu decken. So entschloss sich Nina Traut 1973, Lehrerin an einer Gesamtschule zu werden, während ihr Mann schon nebenbei als Schweißer gearbeitet hat. Entschieden für den Beruf hat sie sich, weil sie den sozialen Kontakt mit den Kindern schon im Dorf lieben lernte und ihre Vorfahren aus Deutschland kamen und sie Deutsch von klein auf spricht. "Das Schulsystem war damals viel strenger, als es heutzutage der Fall ist. Auf das Verhalten wurde großen Wert gelegt. Beispielsweise haben viele Lehrer den ungehorsamen Schülern als Strafe damals noch mit dem Lineal auf die Finger gehauen. Ich fand diese Strafmethode schon immer schlimm und habe es deshalb auch nie getan."

 

Bei den Jungs galt, dass sie immer in Hosen, Hemd und Jacke in die Schule kommen mussten, während die Mädchen im Kleid kamen. Wer keine Schuluniform trug, der wurde nach Hause geschickt und bekam einen Vermerk ins Klassenbuch. Damals gab es dreimonatige Sommerferien und eine Woche Winterferien und samstags Unterricht. Im Russischunterricht wurde viel Wert auf nationale Dichter und Denker gelegt, weshalb oft Gedichte von Alexander Sergejewitsch Puschkin gelesen und auswendig gelernt worden sind. Als Fremdsprache konnte man sich zwischen Englisch und Deutsch entscheiden, aber nicht jede Schule verfügte über genügend fähige Deutschlehrer. Nach der Auflösung der UdSSR 1991 beschlossen die Trauts, nach Deutschland auszuwandern. Nina Traut arbeitete 28 Jahre lang als Erzieherin im Evangelischen Kindergarten in Groß-Karben, ihr Mann Andre als Schreiner bei der Firma König + Neurath in Karben. Ihr Leben hat sich komplett verändert von der gut bezahlten Arbeit bis zum ausgereiften Gesundheitssystem. "Alles in einem war Deutschland wie eine neue Welt für mich und meine Familie, aber unser Leben verlief von dort an größtenteils nur noch positiv, und die Kinder haben sich auch vergleichsweise schnell an das neue Leben gewöhnt, auch wenn sie die Tiere und die Nachbarschaft vermisst haben."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2023, Nr. 31, S. 26 - Julian Adam, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

zurück