Der Bestatter aus Bimbach bringt die Verstorbenen in einen würdigen Zustand. Unsere Autorin durfte dabei sein.
Ich habe keine Angst vor dem Tod. So wie nach der Geburt das Leben kommt, kommt nach dem Tod auch etwas. Daran glaube ich, und mein Beruf hat mich in diesem Glauben noch weiter gefestigt", sagt Martin Weisbeck, der vor 29 Jahren die Schreinerei mit Bestattungsinstitut in Bimbach übernommen hat. Der Brillenträger ist dunkel gekleidet: schwarze Lederschuhe, schwarze Anzughose, weißes Hemd, schwarze Krawatte, mit einer Nadel in Form eines Kreuzes.
Schnellen Schrittes läuft er auf die gegenüberliegende Seite des kleinen, kalten, hell erleuchteten, steril wirkenden Raumes. In der hinteren Ecke steht die Kühlkammer, in der die Verstorbenen bei 2 bis 6 Grad Celsius bis zur Totenversorgung aufbewahrt werden. Ruckartig öffnet er die schwere, weiße Tür und schiebt vorsichtig eine Überführungstrage mit einem schwarzen Leichensack heraus. Sachte öffnet Weisbeck den Reißverschluss. Mithilfe eines Mitarbeiters aus der Schreinerei hebt er den leblosen Körper auf einen metallgrauen Obduktionstisch. Der Verstorbene trägt noch das weiß-blaue Patientenhemd aus dem Krankenhaus.
Wenn Menschen im Krankenhaus sterben, werden sie in dafür vorgesehenen Räumlichkeiten untergebracht, bis sie vom Bestatter abgeholt werden. In Pflegeheimen läuft es genauso ab. Wenn ein Mensch zu Hause stirbt, muss ein Arzt informiert werden, der kommt und den Totenschein ausstellt. In Hessen besagt das Bestattungsgesetz, dass die Angehörigen den Verstorbenen noch bis zu 36 Stunden nach Eintritt des Todes zu Hause behalten dürfen, um sich zu verabschieden. "Manche nutzen diese Zeit auch und möchten die verstorbene Person so lange noch dabehalten, und andere haben den Wunsch, dass nachdem der Arzt da gewesen ist, relativ zeitnah die Überführung stattfindet. Das ist eben davon abhängig, wie die Menschen mit dem Tod umgehen, da hat jeder seine eigene Einstellung zu, und das muss man auch akzeptieren", sagt der ehemalige Rettungssanitäter.
Durch seine ehrenamtliche Arbeit im Rettungsdienst hat er keine Berührungsängste mit dem Tod, den Verstorbenen oder den Hinterbliebenen und beschloss, in Düsseldorf die Ausbildung zum fachgeprüften Bestatter zu machen. Um den Beruf auszuüben, ist diese Ausbildung nicht zwingend notwendig. Rechtlich gesehen kann das jeder, der über einen Gewerbeschein verfügt. "Das bedeutet, wenn man volljährig ist und sich von heute auf morgen damit selbständig machen möchte, dann geht das sogar heute noch", erklärt der Vater von zwei Kindern.
"Im Kontakt mit den Hinterbliebenen muss ich derjenige sein, der einen kühlen Kopf bewahrt und die Angehörigen gut durch diese schwere Zeit führt. Das berührt einen schon. Manchmal nimmt man das auch mit nach Hause, obwohl ich versuche, das ab dem Moment, wenn ich zu Hause bin, zu vergessen. Aber das funktioniert nicht immer. Gerade, wenn man die Familie kennt, wenn auch nur oberflächlich." Im Gespräch mit den Hinterbliebenen werden deren Wünsche für die Bestattung besprochen. Sollte der Verstorbene bereits selbst Wünsche dazu geäußert haben, werden diese selbstverständlich in die Planung einbezogen. Für die Angehörigen ist es wichtig, die Trauer zuzulassen, denn am schlimmsten ist es, wenn man sie verdrängt oder überspielt. "Wie man mit Trauer umgeht, dafür gibt es kein Rezept, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Sie wird auch nie ganz weggehen, aber sie wird erträglicher."
Mittlerweile hat Martin Weisbeck den Verstorbenen vollständig entkleidet. Die Haut des toten Mannes hat sich gelblich verfärbt. Sein Kopf wird zur Seite gedreht. Das linke Ohr ist blau und lila, teilweise rot. Diese auffällige Verfärbung der Haut bezeichnet man als Toten- oder Leichenfleck. Er ist ein äußeres Anzeichen für den Beginn des Zersetzungsprozesses. Wenn jemand stirbt, setzen kurz nach dem Tod die Stoffwechselfunktionen aus. Die Augen sind geschlossen, der Mund ebenfalls. Am Hals ist ein Pflaster, das entfernt wird. Sollte der Tote Wunden haben, werden sie zugenäht. Nicht alles lässt sich wiederherstellen, aber der Verstorbene soll in einen ästhetischen und würdigen Zustand gebracht werden, um den Angehörigen die Verabschiedung zu ermöglichen.
"Wenn die Leute fragen, was sie zum Ankleiden raussuchen sollen, sage ich immer, etwas, das die Person gern getragen hat oder das Sie gern an ihr gesehen haben. Das ist nicht mehr so streng wie früher, als die Frau im schwarzen Kleid und der Mann im schwarzen Anzug beerdigt werden musste, heute ist man da viel offener", erläutert der Bestatter und beginnt den Verstorbenen anzukleiden. Schwarze Unterwäsche. Schwarze Socken. Geschickt krempelt er das linke Hosenbein hoch, sein Mitarbeiter das rechte. Gemeinsam ziehen sie die schwarze, offensichtlich oft getragene Jeans bis hoch zum Bauch. Um den Hosenbund auch über das Gesäß zu ziehen, wird der Verstorbene erst behutsam auf die linke, dann auf die rechte Seite gelagert. So wird es auch in der Pflege mit Patienten gehandhabt. Die langen Ärmel des weißen Hemdes werden übergestreift. Dann heben die beiden den Oberkörper leicht an den Armen hoch, damit das Hemd in die richtige Position gebracht werden kann. Schuhe werden keine angezogen.
"Ich biete den Hinterbliebenen gern an, bei der Versorgung und beim Ankleiden dabei zu sein, wenn sie das möchten und können, weil das nichts Schlimmes ist, was wir hier machen", sagt Weisbeck, der seine Eltern und Schwiegereltern selbst versorgt, angekleidet und bestattet hat. "Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen." Er öffnet einen Wandschrank, zum Vorschein kommt eine Hebehilfe, womit die Verstorbenen langsam und kontrolliert in den Sarg gebettet werden können. Über die Schiene an der Decke positioniert der Bestatter den metallgrauen Kasten, an dem unten ein robustes Seil angebracht ist, mittig über dem Obduktionstisch. Unter dem Rücken und unter den Oberschenkeln des Verstorbenen werden zwei Hebeseile platziert, die in die Hebehilfe eingehakt werden. Schritt für Schritt wird der leblose, nur auf den beiden Seilen liegende Körper erst ein kleines Stück hoch, langsam nach links und genau in den bereitstehenden Holzsarg befördert. Der Kopf wird auf ein weiches, weißes Kissen gebettet und eine weiße Decke über seine Beine gelegt. Es sieht aus, als wäre er friedlich eingeschlafen. Zum Schluss werden seine Hände ineinander gefaltet.
So werden ihn seine Angehörigen ein letztes Mal sehen können. "Der Abschied ist für die Hinterbliebenen wichtig, und auch wenn Kinder das Bedürfnis haben, sich zu verabschieden, empfehle ich den Eltern, das zuzulassen. Ich persönlich finde es am schlimmsten, wenn man die Kinder davon abhält, weil man der Meinung ist, sie sollten das nicht mitbekommen. Der Tod gehört zum Leben dazu. Man muss lernen, damit umzugehen."