Biene und Günther sind Herdenschutzhunde und schützen Moorschnucken auf Eifelwiesen. Wölfe lassen sich nicht auf einen Kampf mit den flauschigen Leibwächtern ein.
Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul! - Dass ich dich besser fressen kann." Wer kennt sie nicht, die Frage Rotkäppchens und die Antwort des bösen Wolfs aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. Ein Märchen aus alten Zeiten? Angst vor dem Wolf im Jahr 2022 in unseren Breiten? Ist das noch aktuell?
Zwar wurden Wölfe vor etwa 170 Jahren in Deutschland ausgerottet, aber inzwischen haben sich hierzulande wieder zahlreiche Rudel der scheuen Raubtiere angesiedelt. "In der Eifel sind sie zwar noch nicht wieder heimisch, aber als Weidetierhalter und Bewohner eines artenreichen Habitats ist uns bewusst, dass es auch in unserer Region früher oder später wieder Wölfe geben wird", prognostiziert Heike Dahm-Rulf, Schäferin im Nebenerwerb. Im benachbarten Westerwald ist das bereits so, dort sind aktuell sieben Wölfe bekannt, die im vergangenen Jahr mehrere Schafe gerissen haben. Während sich Naturschützer über die Rückkehr des Wolfes und die damit einhergehende größere Artenvielfalt freuen, machen sich Weidetierhalter Sorgen um ihre Herden - wie aber kann man das eine tun, ohne das andere zu lassen, Biodiversität und Artenschutz fördern, ohne gleichzeitig das Wohl von Weidetieren zu gefährden?
Die Schäfer Heike Dahm-Rulf und ihr Ehemann Matthias Dahm aus Kirchwald, einem kleinen, im Kreis Mayen-Koblenz gelegenen Ort, kamen 2019 auf die Idee, eine uralte Tradition wieder aufzugreifen und Herdenschutzhunde einzusetzen. "Da aber noch kein Betrieb in Rheinland-Pfalz mit Herdenschutzhunden arbeitete, verwarfen wir unseren Plan zunächst wieder - zu groß war der Respekt", verrät die studierte Agrarwissenschaftlerin mit Studienschwerpunkt Tierzucht und -haltung. Als dann vor zwei Jahren ein Wolf in Mainz-Finthen überfahren wurde, war das für die beiden engagierten Schafzüchter ein Schlüsselerlebnis. Bei Schäfern in Brandenburg, wo es seit über 20 Jahren wieder Wölfe gibt und man die nötige Erfahrung mit Herdenschutzhunden hat, fanden Heike Dahm-Rulf und Matthias Dahm Biene und Günther, zwei Pyrenäen-Berghunde, die sie als flauschige Leibwächter für ihre Herde mit in die Eifel nahmen. "Eigentlich wollten wir nur Biene kaufen, aber als wir aus dem Auto stiegen, stand da ein Hund: strahlend weiß, wunderschön - eine richtige Persönlichkeit. Wir waren uns schnell einig, Günther als perfekten Partner für Biene mitzunehmen", schmunzelt Dahm-Rulf. "So fuhren wir dann nachts 700 Kilometer mit unserem Kombi von Brandenburg zurück in die Eifel, zwei riesige Hunde im Kofferraum, das Gepäck auf dem Beifahrersitz, unsere einjährige Tochter hinten bei mir auf der Rückbank mit den hechelnden Hunden im Nacken." Damit waren die beiden Vierbeiner die ersten Herdenschutzhunde in Rheinland-Pfalz.
Nach nunmehr zwei Jahren sind die zwei Hunde mit den Moorschnucken und Burenziegen des Ehepaars Dahm-Rulf eins geworden. "Ein Herdenschutzhund lernt, dass Schafe und Ziegen seine Familie sind, er wächst mit den Weidetieren auf und wird auf sie geprägt. Für Herdenschutzhunde sind die Schafe der wichtigste Ansprechpartner, nicht der Mensch", erklärt Hundehalterin Dahm-Rulf. "Biene und Günther sind fast den ganzen Tag über alleine mit unserer Herde, daher ist es wichtig, dass wir ihnen zu 100 Prozent vertrauen können."
Herdenschutzhunde entscheiden selbstständig und aus Erfahrung, wann es lohnt anzuschlagen, ohne dass dazu der Befehl eines Menschen notwendig wäre. Wölfe lassen sich in der Regel nicht auf einen Kampf mit ihnen ein. "Wir haben uns für Pyrenäen-Berghunde entschieden, da der Erfahrungsschatz im Herdenschutz mit dieser Rasse in Deutschland am größten ist", sagt Heike Dahm-Rulf.
Bis aus einem Berghund ein zuverlässiger Herdenschutzhund wird, dauert es etwa zwei Jahre - doch der Aufwand zahlt sich aus. "Daher verwöhnen wir unsere Hunde auch ausgiebig und gerne. Bedenkt man, was sie für uns leisten, sollte das auch selbstverständlich sein", stellen die beiden klar. "Während der eine lieber Nassfutter mag, frisst der andere mit großer Begeisterung Trockenfutter."
Die Liebe zu Tieren haben Dahm-Rulf und der gelernte Forstwirt Dahm als Kinder entwickelt. "Matthias ist seit frühester Kindheit mit Schafen aufgewachsen und hat regelmäßig bei der Schäferei in seinem Heimatdorf Kirchwald geholfen. Dabei hat er unter anderem das Schafscheren gelernt. Ich habe über mein ehemaliges Hobby, das Reiten, die Liebe zur Landwirtschaft entdeckt", schwelgt die Kirchwalderin in Erinnerungen.
"Wer Bienen hat und Schafe, verdient das Geld im Schlafe", hieß es früher. Heute ist es eher so, dass sich Schäfereien kaum noch lohnen. Im Hauptberuf ist Matthias Dahm Forstwirt, und seine Frau arbeitet als Produktmanagerin im Agrarsektor. Für das Ehepaar ist die Schäferei eine Leidenschaft und die Zucht der vom Aussterben bedrohten Moorschnucken zusammen mit den Burenziegen eine Herzensangelegenheit. Die Schafe leisten einen nützlichen Beitrag zum Erhalt der heimischen Natur und beweiden Wiesen rund um die Regenrückhaltebecken der Verbandsgemeinde Vordereifel.
Die Herdenschutzhunde in Kirchwald geben ein Beispiel für neue Wege der Koexistenz von Menschen, Nutztieren und Wölfen. "Schafe, Hunde und auch wir Menschen müssen uns an das Zusammenspiel gewöhnen, um ein richtiges Team zu sein", sagt die naturverbundene Hundehalterin Heike Dahm-Rulf. "Die zunächst vorhandene Skepsis der Dorfbewohner gegenüber den vermeintlich gefährlichen Herdenschutzhunden ist inzwischen verflogen und ins Gegenteil umgeschlagen: Die beiden sind ein richtiger Publikumsmagnet geworden", berichten die Tierliebhaber freudig.