Anruf bei unbekannt

Projekt Schmidt trifft Schmidtchen: Eine junge Frau ruft eine alte Dame an. Und beide erfreuen sich an ihrer Telefonpatenschaft.

 

Mit roten Wangen und zittrigen Händen drücke ich auf das Kamerasymbol. Obwohl es nur ein Videotelefonat ist, bin ich unglaublich aufgeregt. Dabei bin ich gut vorbereitet. Ich habe ein Kommunikationscoaching hinter mir, und vor mir liegt ein Zettel, auf dem ich neben Fragen sogar eine Begrüßung formuliert habe. Gleich werde ich mit einer mir völlig unbekannten Frau telefonieren. Im Rahmen einer generationenübergreifenden Telefonpatenschaft treten wir in Kontakt. Ich kenne ihren Namen, Margrit Fuchs, und weiß, dass sie eine ältere Dame ist, dass zwei Generationen zwischen uns liegen. Ich weiß aber nicht, wie viele Jahre uns genau trennen und wer sie ist. Ich weiß nicht, was für eine Einstellung sie mir gegenüber hat und ob wir uns verstehen werden. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Noch bevor das dritte Signal ertönt, wird mein Videoanruf angenommen. Eine freundlich lächelnde Dame begrüßt mich. Ihre lila Bluse ist perfekt abgestimmt auf ihre lila Brille. Sie bilden einen Kontrast zu ihren grauen, kurz geschnittenen Haaren.

 

Als ich eine knappe halbe Stunde später wieder auflege, schmerzen meine Backen vom durchgängigen Lächeln. Das Glas Wasser steht immer noch randvoll neben mir. Ich bin erleichtert, dass ich ein angenehmes, offenes Gespräch hatte. Aber auch erleichtert, dass es wieder vorbei ist. Wie viele in meinem Alter tippe ich normalerweise lieber rasch eine Nachricht in mein Smartphone, als zum Hörer zu greifen. Ich drücke mich vor jedem Anruf beim Arzt, der Fahrschule oder dem Friseur. Und auch wenn es eine solch zwanglose Unterhaltung wie mit Frau Fuchs ist, fangen meine Hände jedes Mal an zu zittern. Doch genau diese "Telefonangst", so könnte man es nennen, war für mich ein Grund, die herzliche Rentnerin anzurufen und an dem Projekt "Schmidt trifft Schmidtchen" teilzunehmen. Bei diesem in Hamburg entstandenen Projekt geht es allerdings weniger um jugendliche Telefonangst als um einen Dialog zwischen den Generationen. Im Kern geht es um eine achtwöchige Telefonpatenschaft zwischen einem Jugendlichen und einem Senior oder einer Seniorin. "Wir wollen einen sicheren Rahmen schaffen, in dem sich Jung und Alt treffen können, mit einer sehr niedrigen Hemmschwelle", erklärt der 32-jährige Projektmanager Dominique Breuer.

 

Um diesen Rahmen zu gestalten, werden die jugendlichen Teilnehmer mit einem Coaching vorbereitet wie auch während der knapp zwei Monate begleitet. Das Coaching behandelt die Themen Kommunikation, Empathie und Verantwortung. Es soll den Jugendlichen eine gewisse Sicherheit im Austausch mit einer zunächst fremden Person geben. "Diese Situation ist für viele Senioren aufgrund ihrer Lebenserfahrung nichts Neues", erläutert der Koordinator. Deshalb wird für sie kein Coaching angeboten. Trotzdem gibt es eine Ansprechpartnerin, die den älteren Menschen während der gesamten Zeit bei Rückfragen und Redebedarf zur Verfügung steht.

 

Einmal wöchentlich telefonieren die Teilnehmer dann zwischen fünfzehn und sechzig Minuten miteinander. Üblicherweise über das klassische Telefon, die Kommunikation via Videotelefonie ist gerade im Entstehen. Hier sind Frau Fuchs und ich also Pionierinnen. In Zukunft kann jeder der älteren Menschen ein Senioren-Tablet mit vereinfachter Bedingung erhalten, um damit zu kommunizieren. "Starre Regeln für die Telefonate gibt es nicht", versichert der Projektkoordinator. Die Gespräche können frei und individuell gestaltet werden. Es darf um banale Themen wie den Wocheneinkauf oder den neuen Rasenmäher gehen, aber auch tiefgreifende Inhalte sind erwünscht. "Dabei kann Jung von Alt lernen, aber auch Alt von Jung", ist sich Breuer sicher. Auch der Austausch zwischen meiner Gesprächspartnerin und mir ist recht aufschlussreich. Schon nach der ersten halben Stunde weiß ich eine Menge über die mir eben noch fremde Margrit Fuchs, wie ich sie hier nenne. Da die 81-Jährige vorsichtig ist, wie sie sagt, möchte sie nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. In unserem Gespräch zeigt sie sich jedoch sehr aufgeschlossen. Sie erzählt mir von ihrer Kindheit und Jugend, ihrer beruflichen Laufbahn als Steuerbevollmächtigte mit eigenem Büro und über das Heiraten und Kinderkriegen. Sie ist stolze dreifache Mutter und Großmutter von sieben Enkeln.

 

Wir unterhalten uns auch über die Gegenwart. Mit wem und was wir unser Leben gerne verbringen. Dabei entdecken wir gemeinsame Interessen, Tanzen und Reisen. "Vor allem das Tanzen tut so gut", sagt die Seniorin. Sie habe immer gerne mit ihrem Mann getanzt. "Er ist nur etwas zu schnell und läuft der Musik davon", schmunzelt sie. "Mittlerweile machen die Beine nicht mehr so mit", fügt sie seufzend hinzu. Aber sie hält sich auch im Alter fit. Heute Morgen, erzählt sie mir, habe sie mit ihrem Mann im Wohnzimmer Gymnastikübungen gemacht. "Das sieht witzig aus, wie wir uns da einen abbiegen - aber es macht Spaß." Meine Gesprächspartnerin scheint mir eine waschechte Oma zu sein. Sie unternimmt viel mit ihren Enkeln, liebt klassische Musik und besucht jeden Sonntag den evangelischen Gottesdienst. Aber vor allem scheint sie eins: zufrieden zu sein. Sie redet viel von ihrem Mann, ihren Kindern und Enkeln. "Ich sage immer, wir haben in den Glückstopf gegriffen", lächelt Margrit Fuchs.

 

Solche Geschichten zu hören könne Mut stiften, meint Breuer. "Wir wollen Begegnungen schaffen, die etwas verändern können. Und diese jedem ermöglichen." Er berichtet von einem Projektdurchlauf in Hamburg-Harburg, einem Stadtteil, "wo vor allem auf der Seite der Jugendlichen nicht jeder Vorbilder im Alltag um sich hat". Durch die Lebensgeschichten der Senioren könnten diesen Jugendlichen neue Wege aufgezeigt werden. Außerdem, erzählt der Projektkoordinator, bestehe auch bei den älteren Menschen eine Neugier auf die Jugend von heute. "Was geht in den Köpfen der Jugendlichen vor?", diese Frage höre er häufig. "Wir sehen auf beiden Seiten einen Schatz, der nicht gehoben wird, wenn da kein Austausch stattfindet. Dem wollen wir entgegenwirken", unterstreicht er.

 

Fünf Durchgänge des seit Mai 2020 bestehenden Projekts gab es schon, vier davon in Hamburg, der aktuelle in Stuttgart. Das Projekt scheint Anklang zu finden. Bei den Rückmeldungen der insgesamt mehr als 120 Teilnehmer werden unter anderem eine für die andere Generation entstandene Empathie, ein Perspektivwechsel und der kommunikationsfördernde Aspekt positiv hervorgehoben. Natürlich kommt es auch vor, dass sich zwei nicht so gut verstehen. "Es muss nicht immer fruchten, da muss keine Freundschaft fürs Leben entstehen. Aber ein völliger Abbruch kommt überaus selten vor", sagt Breuer. Mehr als sechzig Prozent der Teilnehmer seien noch Monate nach "Schmidt trifft Schmidtchen" in Kontakt.

 

Worauf es zwischen mir und Margrit Fuchs hinauslaufen wird, da sind wir uns wohl beide noch nicht sicher. Vielleicht werden wir sogar Freundinnen. Vielleicht auch nicht. Diese Offenheit ist etwas, das uns reizt. Wir werden unsere Gespräche über den Sinn des Lebens und die morgendliche Gymnastik weiterführen. Auch nächste Woche werde ich meine Aufregung überwinden. Wer weiß, vielleicht ist sie dann schon kleiner. Ein wenig freue ich mich schon darauf, dass mir, wenn ich auf das Kamerasymbol drücke, die freundliche Dame mit der lila Brille entgegenlächelt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2022, Nr. 55, S. 30 - Matilda Rohr. Evangelisches Heidehofgymnasium, Stuttgart

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