Ansporn durch Vertrauen

Die Inhaberin einer Reiseagentur hat sich mit Freude und Disziplin ein Unternehmen aufgebaut

 

Zusammengepfercht und eingekeilt zwischen meinen drei Brüdern und diversen Gepäckstücken auf dem Rücksitz unseres Kombis, fuhr jeweils die ganze Familie für zwei Wochen in den Süden von Italien an den Strand. Meine ersten Reiseerfahrungen waren also alles andere als komfortabel, dafür die Tage am grünblauen Meer dann jeweils umso herrlicher", erzählt Erica Dillier heiter. Entspannt sitzt die Inhaberin in ihrem modernen Büro in ihrer Firma "Finass Reisen" in Wetzikon. Die Bilder, Skulpturen aus diversen Ländern und Designermöbel lassen auf eine viel gereiste, weltoffene Chefin schließen. "Nie hätte ich mir damals auf dem engen Rücksitz erträumt, dass meine persönliche Begeisterung fürs Reisen mir einmal eine berufliche und finanziell unabhängige Existenz ermöglichen würde", sagt die 64-Jährige abgeklärt. Sie ist kurz vor ihrer Pensionierung und der Übergabe der Geschäftsleitung an ihre Nachfolgerin. "Die Finass ist wie mein mittlerweile erwachsenes Kind, welches ich nun loslassen muss." Ihre Ausbildung machte Erica Dillier bei der Filiale des "Touringclubs Schweiz" in Rapperswil. Ihr Ausbilder hatte viel Vertrauen in sie. "Ich werde nie vergessen, wie mein Lehrmeister am Ende meiner Ausbildung zu mir sagte: 'Ich traue dir eine große Karriere zu.'" Dieses Schlüsselereignis war fortan Ansporn, sich weiterzuentwickeln und unternehmerisch zu denken. Sie bereiste beinahe die ganze Welt, wobei es ihr der Mittlere Osten am meisten antat. "Ich bin in die Branche hineingewachsen und habe mich nicht bewusst dafür entschieden." 1977 trat sie ihre erste Arbeitsstelle bei der Reisevermittlung "Rewi Reisen" in Wetzikon an. Dort war Erica Dillier für den Auf- und Ausbau des Filialnetzes, die Rekrutierung sowie die Aus- und Weiterausbildung der Mitarbeitenden zuständig. Nach dem Verkauf von "Rewi Reisen" an Kuoni 1994 und um dem Filialprinzip, das sie nur zu einem gesichtslosen Ableger der großen Marke gemacht hätte, zu entkommen, gründete sie mit ihrem Geschäftspartner, Götz Mundhenke, dem ehemaligen Chef ihrer ersten Arbeitsstelle, die "Finass Reisen". Sie waren davon überzeugt, mit optimierten Arbeitsprozessen effizienter und kundenfreundlicher zu wirtschaften. 1998 wechselten 15 weitere Mitarbeiter von "Rewi Reisen" zur Finass. Der Kundenstamm konnte nochmals vergrößert werden. Erica Dillier bildete sich weiter, besuchte etwa die Verkaufsleiterschule an der Hochschule St. Gallen.

 

Sie fühlte sich in ihrer beruflichen Laufbahn nie benachteiligt oder aufgrund ihres Geschlechtes herabgesetzt. "Ich persönlich habe nie Erfahrungen mit solchen Vorurteilen gemacht. Ich arbeitete überdies vorwiegend mit Frauen zusammen. Es gab auch kein Problem mit Lohnungleichheit wie heutzutage, es war sogar eher umgekehrt." Das Geschlecht spielt bei der Einstellung neuer Mitarbeitender keine Rolle. "Es wird jene Person eingestellt, die über den besseren Leistungsausweis verfügt, egal ob Mann oder Frau." Bei gleichem Leistungsausweis achtet Dillier meist jedoch darauf, dass die Frau die Stelle bekommt.

 

Einzig gewisse Schwierigkeiten, sich als selbständig Erwerbende mit Familienzuwachs zu organisieren, habe sie durchlebt. "Als ich meinen Sohn bekam, war es für mich und meinen Mann, der für eine internationale Gemäldeagentur tätig war, schwierig, Familie, Kind und Geschäft unter einen Hut zu bringen." Heute wäre es mit den Kitas und schulergänzenden Betreuungsangeboten einfacher; diese Möglichkeiten standen ihr noch nicht zur Verfügung. "Mein Sohn besuchte damals in Zürich eine Tagesschule, was mir erlaubte, die nötige Zeit für das Geschäft aufzubringen." Die Ferien waren der Familie gewidmet.

 

Erica Dillier ist es gelungen, ihre Leidenschaft für das Reisen auf ihre Kundschaft zu übertragen. Nur deshalb ist es ihr möglich, neben Internetplattformen zu bestehen. Der Fokus liegt auf Geschäfts- und exklusiven Privatreisen. Durch Corona waren diese Bereiche stark beeinträchtigt. "Mittlerweile läuft der Geschäftsreisebereich wieder gut." Der Erfolg sei ihr nicht zugeflogen. "Ich musste hart und viel arbeiten." Hinzu kam eine Portion Glück. Wichtig seien ein offenes Ohr und Empathie für die Mitarbeitenden, die Tätigkeit, die man ausübt, mit Freude auszuüben und eine hohe Selbstdisziplin. Auf die Frage, was ihr Geld bedeute, sagt sie: "Geld bietet eine gewisse Unabhängigkeit und verleiht mir Sicherheit." Nun müsse sie ihre Firma loslassen, nicht aber ihre Passion fürs Reisen. "Reisen ist eine Sehnsucht, die nie aufhört."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2022, Nr. 43, S. 26 - Elias Dillier, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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