Balkonista aus Basel

Ein Start-up will mit Saatgutboxen für Nachhaltigkeit begeistern.

Nachhaltigkeit ist der Gründerin von Urbanroots ein großes Anliegen. Im "Jane", dem Gartenshop und Arbeitsort von Scarlet Allenspach in der Basler Innenstadt, herrscht am Nachmittag reger Betrieb. Die 34-jährige Unternehmerin sitzt an ihrem Schreibtisch. Der Raum ist mit großblättrigen Pflanzen bestückt und mit einer Theke und Regalen möbliert. Das Modell des Saatgutabonnements ihres Unternehmens "Urbanroots" kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, wo es bislang als Bildungstool im Bereich Pflanzen und ihre Jahreszeiten benutzt wurde. "Beim Saatgutabo zahlen die Leute im Voraus für ein Jahr, und das hat mir am Anfang geholfen, um dieses Angebot ohne Startkapital anzufangen. Mit dem Geld der ersten 100 Abonnenten konnte ich in das Material der Saatgutboxen investieren." Die Boxen beinhalten, je nach Jahreszeit, Samen für essbare Pflanzen. Jeden Monat gibt es eine neue Box. Kunden findet das Start-up-Unternehmen über soziale Medien.

 

Nach einem weiteren Jahr merkt die Gründerin, dass ihr die Arbeit zu viel wird. "Über Instagram habe ich einen Aufruf gestartet, um Mitarbeiter zu finden." Nach und nach kommt ein Team aus Freelancern zusammen, die ihr bei der Bepflanzung, der Administration, den Blogs und den Workshops tatkräftig zur Seite stehen. Als "Balkonista" sieht sich die Baslerin selbst: "Für mich bedeutet das, dass man den Balkon als Lebensraum neu entdeckt und möglichst viel ausnutzt für essbare Bepflanzung." Sie ist in der Stadt ohne Garten aufgewachsen. Während ihrer Schulzeit hat sie im Schülergarten gearbeitet und ihre Begeisterung für den Gemüseanbau entdeckt. "Aber ich konnte das nicht weiterverfolgen, weil wir keinen Balkon hatten." In ihrem Industriedesign-Studium spürt die Schweizerin eine gewisse Verantwortung für die ökologische Produktion und Herkunft ihrer designten Halsketten und Armreifen. Auch wenn Allenspach es schön findet, dass sich immer mehr Leute damit auseinandersetzen, warnt sie vor Firmen, die Greenwashing betreiben. Sie behaupten, dass sie zur Nachhaltigkeit beitragen, aber ihre Vorgehensweisen sind nicht gut durchdacht.

 

Die gebürtige Zürcherin sagt: "Ich habe das Gefühl, dass ich meine Zeit sinnvoll verbringe." Sie verdient weniger Geld als in einem konventionellen Beruf. Davon lässt sich die Do-it-yourself-Enthusiastin nicht abbringen: "Man sollte lieber Ziele verfolgen, die einem am Herzen liegen, als die Zeit aufzuhalten oder zu verschwenden mit Sachen, die uns nichts bedeuten. Wenn ich diesen Planeten verlasse, möchte ich mehr Positives als Negatives hinterlassen."

 

Dem Team liegt es am Herzen, dass alle Produkte aus der Region stammen und kompostierbar sind. Bei jedem neuen Saatgut, das dem Kunden zugeschickt wird, ist eine ausführliche Erklärung dabei, auf Instagram gibt es zusätzliche Fotos und Rezepte. Ziel ist es, viele Leute zu begeistern, mit dem Balkongärtnern anzufangen und das Wissen im Bereich essbarer Bepflanzung zu vertiefen. Woher die Nahrungsmittel kommen, wie sie wachsen und wie man einen blühenden Balkon haben kann. Für Allenspach ist es elementar, zu wissen, woher das Essen kommt. Die Produkte aus dem Eigenanbau schmecken frischer, bereichern die Küche und sind gesünder. "Mit Pflanzen um uns herum und ihnen beim Wachsen zuzuschauen, das macht uns glücklich." Neben dieser Arbeit ist Scarlet Allenspach als Freelancerin im Bereich Webdesign tätig, das ist eine finanzielle Stütze. "Ich hatte nie Zweifel, dass Urbanroots funktionieren würde. Möglichkeiten bestehen immer, eine Geschäftsidee weiterzuführen."

 

Neueinsteiger ermutigt sie: "Einfach anfangen, ausprobieren und neugierig sein. Es ist nicht schlimm, etwas falsch zu machen." Eigeninitiative ist auf jeden Fall vonnöten, aber die Designerin ist sich sicher, dass das Interesse und Wissen an biologischem Anbau weiter ansteigen wird. Workshops über Wildkräuter oder die Balkonbepflanzung sind für die Freelancerin die schönsten Erlebnisse. "Wenn man sieht, wie Leute, die sich noch nie vorher überlegt haben, wie aus einem Samen eine Pflanze wird, mit staunenden Gesichtern und Freude mitmachen wollen, macht mich das glücklich. Dann merke ich, dass ich einem Menschen etwas beigebracht habe, was in seinem Leben etwas Positives bewirken wird." Die Pandemie hat neben einem großen Aufschwung eine weitere Geschäftsleiterin mit sich gebracht. Scarlet Allenspach arbeitet nebenher an einem Projekt in Mallorca, wo sie eine eigene Permakultur anbauen möchte.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2022, Nr. 212, S. 26 - Maren Friederichs, Kantonsschule Kreuzlingen

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