Daheim inmitten der Steinriesen

Der Polizist Kilian Schnyder war Bergführer im schweizerischen Wallis

Die Berge sind nicht ungefährlich. Das ist aber kein Grund, nicht in die Berge zu gehen, aber vorsichtig zu gehen", sagt der ehemalige Bergführer Kilian Schnyder. Er lebt schon sein ganzes Leben in Naters im schweizerischen Wallis. Seine Haut ist von der starken Sonne gebräunt, er hat graues, volles Haar und ein paar Falten im Gesicht. Aus seiner Zeit als Bergsteiger und Polizist hat der 74-Jährige viel zu erzählen. Er ist jemand, der immer etwas zu tun haben muss, und sucht auch noch heute Abenteuer.

 

Die Berge haben ihn früh fasziniert. Sie sind sein Zuhause, inmitten der großen Steinriesen fühlt er sich am wohlsten. Mit 18 Jahren unternahm er seine erste richtige Bergbesteigung, und seither konnte er es nicht lassen, immer wieder andere Bergtouren zu machen und weitere Routen zu besteigen. Als sich beim Militär die Möglichkeit anbot, in den Gebirgszug eingeteilt zu werden, ergriff er diese natürlich sofort. Den Test im Gelände bestand er ohne große Schwierigkeiten. Dort sammelte er viel Erfahrung. Auch nach dem Militär wollte er in den Bergen bleiben, also entschied er sich, sich zum Bergsteiger ausbilden zu lassen. Bei dieser Ausbildung wurde er als Erstes zu einem sogenannten Bergführer-Aspiranten. Das wird man, nachdem man eine schriftliche Prüfung bestanden hat. Danach folgt die Praxiserfahrung. Während eines Jahres musste er 30 Pflichttouren in Begleitung eines erfahrenen Bergführers und zehn private Touren unternehmen. Nach diesem Jahr muss man noch einige Kurse besuchen, um auch die Abschlussprüfung bestehen zu können. Kilian Schnyder machte seinen Abschluss im Jahr 1974 mit 27 Jahren.

 

Nachdem er viel mit Bergsteigerschulen und deren Gästen unterwegs war, entschied sich Schnyder eher aus einer Laune heraus, Polizist zu werden. Da kam ihm die erste Ausbildung recht, da er viele Einsätze in den Bergen hatte. Bei solchen Einsätzen muss immer jemand mit Bergsteigerfahrung dabei sein. Bei Unfallmeldungen in den Bergen muss die Polizei immer vor Ort sein, um zu kontrollieren, ob es auch wirklich ein Unfall war. Meistens ist es klar ein Missgeschick, aber eben nicht immer. Kilian Schnyder selbst hatte dreimal mit solchen Fällen zu tun. Der Fall, an den er sich am besten erinnert, war ein Mordfall. Ein Mann hatte seine Ehefrau eine Klippe hinabgestoßen, da sie zerstritten waren. Danach hatte er es als Unfall gemeldet. Die anderen Fälle liefen ähnlich ab. Nach einigen Investigationen und Befragungen kam zum Glück die Wahrheit ans Licht.

 

In den Bergen kann das Wetter schnell umschlagen. Deshalb kann eine einfache Tour plötzlich gefährlich werden. Viele Gäste, die sich nicht gut in den Bergen auskennen, tun deshalb gut daran, einen Bergführer dabeizuhaben. Als Bergführer hat man dann die Pflicht, alle wieder gesund und munter nach Hause zu bringen. Es ist nicht immer einfach, die Verantwortung für zwanzig Personen zu haben, die man nicht kennt. Bei einem Schlechtwetterumsturz muss der Bergführer die Entscheidung treffen, ob man eine Tour abbricht oder nicht. "Schaffen es die Gäste, weiterzugehen, sind sie gut unterwegs?", solche Fragen musste sich Kilian Schnyder stellen. "Es hängt oftmals von den Gästen ab, ob man weitergeht oder umkehrt."

 

Eine Gletschertour über den Aletschgletscher ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Um an den Gletscher zu kommen, muss man erst einen Aufstieg von zwei bis drei Stunden zurücklegen. In der Gruppe, die er anführte, befand sich ein sportlich gebauter Junge, der gut unterwegs war. Als sie beinahe schon beim Gletscher angekommen waren, sagte der Junge auf einmal, sein Schuh sei kaputt. Und tatsächlich war die Sohle des rechten Schuhs fast komplett abgefallen. "Dabei musste ich vor der Tour die Schuhe kontrollieren, weil man nur mit Steigeisen auf den Gletscher durfte, und seine Schuhe waren relativ neu und schienen von guter Qualität zu sein." Mit dem kaputten Schuh konnte der Junge natürlich nicht auf den Gletscher, aber den Weg allein zurückschicken wollte er ihn auch nicht. Da rief Schnyder einen Helikopter, der fünf Minuten später kam und mit dem Jungen über den Gletscher flog. Als Schnyder ihn später anrief, teilte ihm der Junge fröhlich mit, dass er sich neue Schuhe gekauft habe.

 

Kilian Schnyder hat aber auch ganz andere Geschichten zu erzählen, die nicht so fröhlich enden. Vor allem bei Rettungsaktionen geht es nicht immer glimpflich aus. "Wenn man zu einer Rettungsaktion gerufen wird, geht man in der Hoffnung, dass man helfen kann." Aber auch auf Touren, die er geleitet hat, kamen nicht immer alle unverletzt zurück. Ein Unfall passierte in der Massaschlucht. Dort gibt es eine Stelle, bei der man von einem Felsen einige Meter ins Wasser springen muss. Er war mit einer eher kleinen Gruppe unterwegs, und ein junger Mann aus dieser Gruppe ist falsch abgesprungen. "Nach dem Absprung kann man dann nur noch zusehen und hoffen, dass der Aufprall ins Wasser gut kommt." Leider kam es nicht so gut wie erhofft, und er brach sich ein Bein. Zum Glück waren die Rettungssanitäter schnell zur Stelle.

 

Vor zwei Jahren führte er seine letzte Bergtour durch, dann entschied er sich aufzuhören. Er sorgt auch im Alter dafür, dass sein Leben nicht langweilig ist. Zum Beispiel ist er schon seit vielen Jahren Weinproduzent. Schon sein Vater hatte Weinreben, er selbst hat die Reben von seinem Schwiegervater übernommen. Wie viele Weinbauern im Wallis baut er die Rebsorte Johanniter an und hält Tiere. "Dank der Hühner haben wir jeden Morgen frische Eier." Die meiste Arbeit macht ihm aber sein neuster Zuwachs, ein kleiner Hund namens Crispy.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2022, Nr. 140, S. 26 - Lisa Cavelti, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück