Defensivspiel ist nicht sein Ding

Der Franke Kilian Ort ist Tischtennisprofi und trainiert bei Borussia Düsseldorf. Wie viele träumt der Jugendeuropameister von Olympia.

 

Nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" stellt sich Kilian Ort seinem Gegenüber entgegen. Der Sportsoldat beschreibt sein Spielverhalten als aggressiv. "Ich habe leider kein gut ausgeprägtes Passivspiel, deswegen bin ich jemand, der gerne angreift. Es gibt

noch Defensivspezialisten, allerdings ist kaum jemand in der Weltspitze, der sich ganz darauf fokussiert." Ort ist aus dem unterfränkischen Bad Königshofen. Um ihn als Lokalmatador ist eine Mannschaft entstanden, die in der höchsten deutschen Liga mitspielt. Er ist Jugendeuropameister im gemischten Doppel und gehört aktuell zu den acht Spielern, die im deutschen Perspektivkader sind. Für den Olympiakader, dessen drei Plätze mit Timo Boll, Patrick Franziska und Dimitri Ovtcharov belegt sind, reicht es noch nicht. Der 25- Jährige sieht Boll als großes Vorbild, wie die meisten angehenden Profispieler ist es sein Traum, einmal bei Olympia dabei zu sein. Vom Olympiafieber ist der Tischtennisspieler schon ergriffen worden, als er bei der "Miniolympiade" für unter 18-Jährige in China teilgenommen hat.

 

Bisher hat der Nationalspieler ein Länderspiel erfolgreich gemeistert: "Das war in der Schweiz, und es ist dann schon ein besonderes Gefühl, wenn für dich die Nationalhymne gespielt wird. Ich bin wahrscheinlich auch einer von wenigen, die schon Länderspiele gespielt haben und noch nie verloren haben", lacht Kilian Ort: "Die Konkurrenz ist vor allem in Deutschland ziemlich groß, da wir die stärkste Tischtennisnation in Europa sind."

 

Angefangen hat er, sobald er über die Tischkante schauen konnte: "Ich bin quasi in der Halle aufgewachsen." Trainiert wurde er zuerst von seinem Vater. Mit elf Jahren war er bereits einer der Besten in Bayern und spielte schon mit 17 Jahren in der Zweiten Bundesliga mit. Mit 21 Jahren ist er in die Erste Bundesliga eingestiegen. Seinem Team TSV Bad Königshofen ist er treu geblieben. "Ich hatte das Glück, dass mir der Verein sozusagen immer die richtige Liga angeboten hat und ich somit die passenden Gegner hatte. Man darf nämlich nicht überfordert, aber genauso wenig unterfordert sein. Dabei hat der Verein die richtige Balance gefunden, da er sich auch darum kümmert, dass die Mitspieler stärker werden, damit man eben wieder aufsteigen kann." Als Kind hat Kilian Ort nebenbei mit Fußball angefangen: "Mir hat das auch viel Spaß gemacht. Es gibt sehr viele Sportarten, die mich begeistern, aber ich bin eben beim Tischtennis hängen geblieben, weil ich da am besten war." Später wurde ihm von seinen Trainern nahegelegt, ganz in das Deutsche Tischtenniszentrum in Düsseldorf zu wechseln, um sich völlig auf das Training konzentrieren zu können. Nach einem Probetag und einem kleinen Kulturschock, bedingt durch die ganz andere Atmosphäre an Schulen einer Großstadt, ist Kilian Ort, wie er scherzend feststellt, Pendler und als Spieler doch lieber in Bad Königshofen geblieben.

Sein erster Wohnsitz ist aber in Düsseldorf, wo er permanent bei der Borussia mittrainiert.

Unterbrochen werden diese Zeiten nur durch vereinzelte Bundeswehrlehrgänge, internationale und nationale Turniere, Urlaub, Krankheit und Bundesligaspiele. Er ist nur an den Wochenenden zu den Spielen in seinem Heimatort.

 

Eine Trainingswoche mit Bundesligaspiel am Sonntag läuft in Düsseldorf so ab: Montag und Dienstag wird mehr Wert auf Ballkontrolle gelegt und darauf geachtet, dass die Technik stimmt. Später werden die Ballwechsel und Aufschlag- und Rückschlagspiel geübt. Trainiert wird zweimal am Tag mit jeweils drei Stunden. Dazu gehört eine halbe Stunde Aufschlagtraining am Morgen. Die Nachmittagseinheit ist an zwei Tagen der Woche kürzer,

und es gibt eine Stunde Krafttraining. Zu der Trainingsgruppe gehören unter anderem die deutschen Nationalspieler und Spieler von Borussia Düsseldorf. Dadurch wechseln die Gegner immer wieder, und man hat die Chance, sich auf unterschiedliche Spieltechniken vorzubereiten. Jedes Spiel wird per Video aufgenommen für die Eigen- und Gegneranalyse. Spielzusammenfassungen gibt es auf Youtube, allerdings werden hauptsächlich Highlights gezeigt.

 

"Dort ist auch der unnachahmliche Aufbau der Halle, der Shakehands-Arena, in Bad Königshofen vor einem Bundesligaspiel zu sehen. Am Anfang hat das Ganze vier Stunden gedauert, mittlerweile sind es nur noch 2,5. Daran sind dann maximal 40 bis 60 Personen beteiligt. Zum Personal gehören die Leute von der Tageskasse, von den Verkaufsständen, vom VIP-Bereich, Hygienebeauftragte, Personal für Desinfektionsmaßnahmen, Platzeinweiser für die Halle, Technik- und Livestreamingpersonal ebenso wie die Physios und Trainer", sagt Udo Braungart. Er ist zusammen mit Andi Albert Geschäftsführer der Tischtennis GmbH in Bad Königshofen, der pensionierte Bundespolizist fährt an drei Tagen in der Woche in die Geschäftsstelle. "Meine Aufgaben sind unter anderem administrative und organisatorische Angelegenheiten, die Fahrten zu koordinieren, Hotels zu buchen, mich um die Sponsorenrechnungen zu kümmern, anfallende Rechnungen zu bezahlen und die Buchführung am Laufen zu halten." Kilian Ort hat er als "Strich in der Landschaft" kennengelernt, "damals war er vier oder fünf Jahre alt und ist mit halblangen Haaren durch die Halle gerannt", erinnert er sich. Die Einnahmen aus den Heimspielen machten vor Corona ungefähr zehn Prozent des Gesamtetats aus. Es gibt 35 Sponsoren. Durch Corona wird die Vorbereitung der Spiele erschwert. Helfer fallen aus, ein Sicherheitskonzept mit sich ändernden Vorgaben musste her. "In der Halle selbst gibt es Zonenbereiche für Zuschauer, aktive und passive Mitarbeiter, Schiedsrichter und Spieler, damit sich deren Wege nicht kreuzen und Infektionen verhindert werden können", erklärt Braungart. Im Privatleben der Spieler gibt es keine speziellen Schutzmaßnahmen: "Wir sitzen am Wochenende zusammen am Esstisch, und es ist auch gut so, dass wir nicht getrennt sind, da sonst der Teamgeist verloren gehen würde. Wenn's einer hat, dann haben's halt alle", meint Ort.

 

Typische Verletzungen in diesem Sport rühren vor allem von Muskeldysbalancen her, also von Verkürzungen der Muskeln, was dann leicht zu Muskelfaserrissen führen kann.

Dagegen helfen zum Beispiel Dehn- oder Kraftübungen. Oft haben die Spieler auch Knieprobleme, die durch die tiefe Kniestellung und durch schnelle Bewegungen nach rechts und links entstehen. Zum Alltag eines Profis gehört zum Beispiel auch, sich um seinen Schläger zu kümmern: den alten Belag abziehen, eine Klebeschicht, eine Holzschicht, dann der neue Belag. Kilian Ort wechselt das Holz zwei- bis dreimal im Jahr, den Belag vor jedem Spiel. Es gibt zum Beispiel langsame und schnelle, aber auch spezielle Angriffshölzer. Die Materialien bekommt der Spieler von seinem Ausrüster gesponsert.

 

Wegen Lehrgängen und Jugendturnieren, die Ort schon früh gespielt hat, war er ungefähr ein Drittel der Schulzeit abwesend. Dafür hat er viel Spielerfahrung. "Das kann viel

wettmachen, weil es einfach auch ein strategisches Spiel ist. Manchmal reicht es, den Ball einfach im Spiel zu halten, manchmal nicht, und man greift selbst an. Kurz gesagt: Man muss nicht immer am Limit spielen, nur besser als der Gegner."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2022, Nr. 152, S. 30 - Amelie Bretscher, Münnerstadt, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium

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