Der treuste Mitarbeiter ist ein Auslaufmodell

Therapiehunde können nicht nur jungen Seelen helfen, sondern auch dem internationalen Tierschutz

 

Ein gleichmäßiges Glockengeläut klingt durch das offen stehende Fenster des Behandlungszimmers. Ein neongrünes Spielzeugauto am Rand der linken Wand und eine rosa Märchenpuppe, deren Kopf aus einer kleinen Kiste ragt, springen ins Auge. Ein kurzer Moment der Stille. Dann ertönt ein lauter werdendes Schnarchen unter dem Schreibtisch. Ein deutliches "Ludwig!" folgt. Es dauert kaum eine Sekunde, da streckt ein hübscher, mittelgroßer Labrador Retriever mit hellem Fell seine Schnauze hervor und verlässt den Schlafplatz. Er hat ein rotes Tuch um den Hals gebunden.

 

Ein Mann im blauen Hemd mit kurzen, blonden Haaren lächelt dem schüchternen Mädchen, das ihm in der Mitte des Raumes gegenübersitzt, zu: "Nun kannst du es gerne selbst versuchen." Er drückt ihr eine kleine Federtasche in die Hand. Das Mädchen zögert kurz. Dann hebt sie den Zeigefinger. Sie ist erstaunt, als sich der Hund unmittelbar vor sie setzt. Sie greift in die Federtasche, holt eine braune, geriffelte Substanz heraus und legt sie dem Hund vor die Pfote. Ein Fingerzeichen später sind ein genussvolles Schmatzen und lautes Lachen zu hören.

 

Thomas Krömer kennt solche Szenen gut, denn schon seit vielen Jahren ist der Therapiehund Ludwig fester Bestandteil seiner Praxis. Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Alster in Hamburg sind sein Alltag. Zahlreiche Lockdowns mit Schulschließungen sorgten für Kontaktbeschränkungen, was das Sozialleben vieler Kinder und Jugendlicher erheblich einschränkte - die Folge: ein stetig wachsender Therapiebedarf. Therapiehunde werden für den Alltag der Therapeuten immer wichtiger.

 

Gerade verlässt die kleine Patientin das Zimmer, da tritt eine braunhaarige Frau in dem gleichen Hemd wie Krömer selbst ein. Es ist seine Frau Katrin Koops, gemeinsam arbeiten sie in der Praxis. Für die beiden spielt Ludwig nicht nur beruflich, sondern auch privat eine große Rolle. "Ludwig ist wie ein eigenes Kind für uns", scherzt Krömer mit einem breiten Lächeln. Der Retriever gibt ein fröhliches Kläffen von sich und blinzelt mit den kreisrunden, braunen Äuglein. Dann leckt er kurz an den Pfoten.

 

Die Idee, Ludwig als "Mitarbeiter" einzusetzen, sei zunächst aus dem Wunsch entstanden, den Hundebesitz mit dem eigenen Beruf zu verbinden. Doch gerade Katrin Koops hat sich aus therapeutischer Sicht viel von einem eigenen Therapiehund erhofft: "Ich habe vorher in einer Klinik gearbeitet, in der ein Therapiehund aktiv war. Dort konnte man bereits sehen, wie viele Charakterzüge des Patienten sich uns nur durch den Kontakt zum Hund offenbarten. Das wäre in einem klassischen Gespräch gar nicht möglich gewesen."

 

Ludwig ist seit seiner achten Lebenswoche täglich in der Praxis. Er ist für alle ein warmherziger, emotionaler Bezugspunkt. Von Beginn an übernahm das Ehepaar Ludwigs Training selbst. Erst für rund ein Jahr in der Hundeschule, dann in einer speziellen Ausbildung für Therapiehunde. Vor fünf Jahren absolvierte Ludwig einen Wesenstest des Deutschen Retriever Clubs e. V. und ist seit 2018 offiziell als Therapiehund zertifiziert. "Natürlich bringt das auch viel Arbeit mit sich. Ich trainiere mit ihm täglich mindestens 20 Minuten, und wir müssen ihn regelmäßig untersuchen lassen", erklärt Krömer. Zwischendurch entsteht immer wieder der Eindruck, als würde Ludwig mit angewinkelten Ohren stolz dem Gespräch über sich selbst lauschen.

 

Die Kinder in der Praxis kommen meist durch simple, wenn auch für sie überaus faszinierende Übungen mit Ludwig in Kontakt. Zunächst drückt Thomas Krömer ihnen die Federtasche mit Ludwigs Leibspeise, Hirschlungen-Snacks, in die Hand. Sofort blickt sie der Labrador erwartungsvoll an. Auf eine kurze Geste hin gehorcht er dann mit eleganten, nahezu lautlosen Bewegungen. "Für Kinder sind diese Übungen ziemlich überraschend. Denn viele sind es nicht gewohnt, so viel Einfluss in der Erwachsenenwelt zu haben. Da schafft ein Hund, der auf ihre Anweisungen hört, schnell Selbstvertrauen", lobt der Psychiater den Prozess mit Ludwig. Mal steht der Labrador, der bei allen Therapiesitzungen anwesend ist, in direktem Kontakt mit den Kindern, mal fällt er kaum auf und schläft nur.

 

Laut Krömer reagiere jeder unterschiedlich auf Ludwig: "Welche Wirkung er entfaltet, ist, glaube ich, sehr individuell. Einige Kinder wollen nur kommen, wenn er da ist. Andere beachten ihn kaum. Ludwig ist hier der Unvoreingenommenste in der Praxis. Nicht ohne Grund hat er daher eine beruhigende Wirkung auf viele Patientinnen und Patienten, was bei der Psychotherapie viel hilft." Manche Kinder knuddeln mit ihm, einige überwinden durch ihn die Angst vor Hunden. Doch dabei bleibt es nicht. "Auch sein teils strenger Geruch eröffnet neue Möglichkeiten", lacht Koops, "denn dieser gibt Anlass, gerade in Gruppengesprächen auch mal über etwas unangenehmere Themen zu sprechen und sich den anderen zu öffnen." Das rote Tuch um Ludwigs Hals signalisiert ihm, dass er sich in therapeutischer Umgebung befindet. Doch er agiert natürlich nicht immer gleich. Ob er seine Fähigkeiten abrufen könne, sei laut dem Paar nämlich situations- und ortsabhängig. Mal klappt es draußen auf der Parkwiese, mal drinnen im Behandlungsraum - oder auch nicht. Das Wichtigste bleibt die Anwesenheit des mittlerweile sechs Jahre alten Labrador Retrievers.

 

Nicht nur bei den Kindern an der Alster in Hamburg sind Therapiehunde beliebt. Auch international hat diese Form von Therapie an Bedeutung gewonnen. Die Stiftung für Tierschutz "Vier Pfoten" ist hierfür mitverantwortlich. In Rumänien, Bulgarien und der Ukraine sind Straßenhunde ein echtes Problem. Problematisch ist in diesen Ländern die hohe Anzahl an streunenden Hunden. Sie vermehren sich unkontrolliert, und es gibt zu wenige Tierheime, geschweige denn staatliche Kontrolle. James Pirnay arbeitet bei "Vier Pfoten" in Brüssel. Als internationaler Leiter des gesellschaftlichen Engagements betont er die Notwendigkeit des seit 2004 etablierten Programms: "Streunende Hunde leiden nicht nur selbst unter inakzeptablen Lebensbedingungen, sondern bringen auch gesellschaftliche Probleme mit sich, wie beispielsweise das Übertragen von Krankheiten." Die Organisation möchte die Tiere aus Hundeheimen holen und ihnen eine neue Perspektive bieten. Die Hunde werden für Therapiezwecke ausgewählt und zwölf Monate lang ausgebildet. Danach wird in einem Zertifizierungsprozess überprüft, ob der Hund geeignet ist.

 

Die Tiere leben mit ihren eigenen Hundeführern, die an dem Programm teilnehmen. Eine psychotherapeutische Sitzung besteht aus dem Patienten, Arzt und Hundeführer mit dem eigenen Therapiehund. "Es ist wichtig, dass der Hund nicht an die Organisation, sondern an den eigenen Besitzer gebunden ist. Denn nur dieser kann ihn wirklich verstehen. Hunde sind schließlich keine Menschen, auch wenn sie uns allen schnell ans Herz wachsen", stellt James Pirnay klar.

 

Dass dieses Projekt eine wirkliche Herzensangelegenheit ist, beweist der Einsatz, den alle Beteiligten in der Ukraine zeigen. Pirnay zeigt sich hiervon fasziniert: "Mithilfe eines unserer Therapiehunde wurde ein ukrainischer Soldat nach wochenlangem Schweigen zum ersten Mal wieder zum Reden gebracht." Es scheint also kein Einzelfall zu sein, dass sich Patienten durch das neu gewonnene Vertrauen zum Hund öffnen und so von der Anwesenheit des Tiers profitieren.

 

Krömer und Koops sagen, dass es in Zukunft für sie keinen zweiten Therapiehund geben wird: "Ludwig soll etwas Einzigartiges bleiben - nicht nur für uns, sondern auch für die Kinder in der Praxis." Krömer nimmt Ludwig das Tuch vom Hals: "Jetzt darf er auch mal Hund sein." Es ist Zeit für die Mittagspause. Ludwig spielt im Lohmühlenpark in St. Georg mit seinen vierbeinigen Freunden. Man hört sein Bellen.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2023, Nr. 7, S. 26 - Konstantin Matsui, Gymnasium Eppendorf, Hamburg

zurück