Die portugiesische Übersetzerin Helena Topa findet kurze Texte besonders schwierig
Von Büchern umgeben, vor dem Laptop sitzend, mit einer Tasse Tee und in der Gesellschaft ihrer Katzen, so arbeitet Helena Topa rund acht Stunden am Tag zu Hause in Porto und schafft in dieser Zeit Weltliteratur, indem sie etwa fünf Seiten deutscher Romane ins Portugiesische übersetzt. "Die deutsche Sprache liegt in mir", sagt die dunkelhaarige Brillenträgerin mit dem Pixie-Cut und begründet ihre Faszination mit der Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit des Deutschen, die man so in anderen Sprachen nicht finde. "Das Wort Schlafanzug sagt mir viel mehr als Pijama." Nach dem Abitur an der Deutschen Schule zu Porto hat sie Germanistik und Literatur in Porto studiert, lehrte an der Universität in Lissabon und promovierte über Elias Canettis Aphorismen, wofür sie auch in München studiert hat. Ferner schloss sie 2009 ihr Studium in Psychologie ab.
Bisher hat die 57-Jährige Aphorismen, Romane, Gedichte und Theaterstücke von rund 40 Autoren, unter ihnen Günter Grass, Elfriede Jelinek, Herta Müller und Franz Kafka, übersetzt. Erst 2006 begann ihre Karriere als Übersetzerin mit dem Werk "Beim Häuten der Zwiebel" von Günter Grass. Dabei war die autobiographische Aufzeichnung, die Erzählung in der ersten Person, wohl die erste und größte Herausforderung beim Lesen, Deuten und damit Übersetzen dieses Textes. Die Gelegenheit mit Günter Grass persönlich zu reden war ihr hierfür eine große Hilfe.
"Schafft Literatur", forderte der Nobelpreisträger 2006 bei einem Treffen in Lübeck von den 20 Übersetzern verschiedener Sprachen, von Portugiesisch bis zu Mandarin. Eine Woche lang wurde die Autobiographie mit der Lupe durchgeblättert, Seite für Seite, Zweifel für Zweifel, ein erneutes Häuten der Zwiebel. Der Autor las Passagen "großartig" laut vor und erinnerte an die Bedeutung des Vorlesens, des Klangs, des Tons, der "Sprachmelodie" für das Übersetzen. Helena Topa gibt ihren Neid auf die Kollegen aus Dänemark und den Niederlanden offen zu, die in Sprachen und Realitäten übersetzen, die dem Original nahekommen. Bei ihr blieb besonders Grass' sowohl fordernde wie großzügige Haltung in Erinnerung. "Lassen Sie sich was einfallen! Dichtet, seid kreativ", riet er. Wenn er mit Syntax und Vokabular spielt, tut der Übersetzer dasselbe. Wenn der Autor es mit seiner Sprache macht, erwartet er nichts weniger von denen, die ihn übersetzen. Die Ratschläge von Grass übernahm sie, sodass sie ihre fertigen Werke immer mindestens einmal im Ganzen laut vorliest. Außerdem helfen "Live-Übersetzungen". Da lehrt Topa Studenten oder andere Interessierte, wie sie ein Werk durcharbeitet und übersetzt. Der Originaltext wird links von der Übersetzung in eine Leinwand projiziert, sie liest beide Fassungen vor und erklärt die Wahl bestimmter Wörter, Ausdrücke und Satzbauen. Trotzdem fallen ihr manchmal die "richtigen Worte" erst zwei Tage oder zwei Wochen später ein.
Ihr zweites Werk war eine der größten Herausforderungen ihrer Karriere. João Barrento, ein Preisträger für Übersetzungen, Aufsätze und Chroniken, "schenkte" ihr aus Zeitmangel seinen Auftrag, Günter Grass' "Die Blechtrommel" zu übersetzen. Diese Veröffentlichung sollte den 50. Jahrestag der ersten portugiesischen Übersetzung des Werks feiern. In den 18 Monaten Arbeit hat sie die deutsche und die erste portugiesische Fassung mehrmals gelesen, und ihr fiel etwas auf, was noch keiner angesprochen hatte. Bei der Beschreibung einer Statue einer Kirche stand in einem Kapitel, dass Jesus auf dem rechten Bein von Maria lag, und einige Kapitel später sollte er auf dem linken Bein liegen. Als sie Grass fragte, ob es ein Fehler oder ein Spiel beabsichtigt sei, habe er gesagt: "Das sollen Sie selbst lösen."
Man könnte glauben, die größte Schwierigkeit läge bei seltsamen Wörtern und langen zusammengesetzten Wortgebilden, aber Topa sagt, das Gegenteil sei der Fall. Oft fielen ihr die Partikel wie "wohl, mal", die Jugendsprache und Fachvokabular, wie zum Beispiel die quantenphysikalischen Begriffe, die sie beim Briefwechsel Einsteins und Marx Borns übersetzen musste, am schwersten. "Kurze Texte wie Aphorismen und Gedichte sind besonders schwierig, weil da viel um das Wort herumgearbeitet wird." Es sei auch kompliziert, die von den Lebenserfahrungen des Autors geprägten Charakterzüge der Figuren zu erhalten. Besonders die umstrittenen Werke von Grass verlangten Sensibilität.
Topas Motivation liegt bestimmt nicht am Honorar. Für eine der fünf täglichen Normseiten mit 1800 Zeichen bekommt sie zehn Euro. Helena Topa liebt Literatur und weiß, wie wichtig ihre Arbeit für die Welt ist. "Der Autor schafft mit seiner Sprache Nationalliteratur, die Übersetzer schaffen Weltliteratur", schreibt der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago.