Viele suchen Entschleunigung: Die Postkutschenlinie in Bad Kissingen ist die letzte ihrer Art.
Wie eine Reise in die Vergangenheit, so kann man das Erlebnis beschreiben, das Postkutscherin Yvonne Körner ihren Fahrgästen beschert. Durch die Fahrt mit der gelben Postkutsche, die Platz für neun Besucher bietet, erhalten sie eine Idee davon, wie es war, weitere Strecken in längst vergangenen Zeiten zurückzulegen. Während immer wieder Autos an der Kutsche vorbeifahren und sie überholen, trotten die vier Pferde gemächlich die Straßen entlang. Ein Gefühl der Entschleunigung macht sich breit, die Sitzpolster sind bequem, und die Fahrgäste können die Landschaft betrachten. Immer wieder stimmt die Postillionin auf der Trompete ein Lied an: "Hoch auf dem gelben Wagen", "Das Kreuzberglied" und "Die Gedanken sind frei" untermalen die Fahrt musikalisch.
"Wir fahren von Donnerstag bis Sonntag jeden Tag einmal, die Fahrt dauert insgesamt drei Stunden: eine hin, eine Stunde Pause und eine zurück. Von Donnerstag bis Samstag fahren wir von Bad Kissingen nach Aschach und sonntags nach Bad Bocklet", erklärt Yvonne Körner. Während des Aufenthalts in den beiden Orten besteht für die Gäste neben einem Café-Besuch die Möglichkeit einer Museumsbesichtigung im Schloss Aschach oder eines Spaziergangs durch den Kurpark in Bad Bocklet. "Wir sind eigentlich immer ausgebucht. Tickets werden beim Ticketservice der Stadt Bad Kissingen gekauft. Wir nehmen einfach immer die Leute mit, die dann dastehen und uns die Fahrkarten vorzeigen", sagt Körner. Thomas Beck, Kurdirektor in Bad Bocklet, schätzt: "Ich würde mal sagen 70 Prozent der Fahrgäste sind Touristen und Kurgäste, 30 Prozent Einheimische. Das ist nämlich ein wunderbares Geburtstagsgeschenk oder ein Geschenk zu einem Jubiläum in irgendeiner Form."
Die Postkutschenlinie in Bad Kissingen ist die letzte in Deutschland, da nirgendwo sonst noch zu festen Zeiten und regelmäßig Fahrten stattfinden. "Der Hauptgrund, warum diese noch weiterbetrieben wird, ist eigentlich das Alleinstellungsmerkmal, das diese für die Kurorte darstellt", sagt Beck.
Um den Erhalt der Fahrt zu garantieren, wurde 2005 der Verein "Freunde der Postkutsche Bad Kissingen - Bad Bocklet e.V." gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Deutsche Post allein dafür verantwortlich, die Linie zu finanzieren. Beck ist seit der Gründung des Vereins dabei und erklärt: "Die Deutsche Post hat sich natürlich im Rahmen ihrer eigenen Geschäftsfelder auch immer weiter von solchen Randbereichen entfernt, und man hatte die Sorge, dass durch den Komplettausstieg der Deutschen Post diese Linien einfach nicht mehr betrieben werden können. Aus dem Grund haben sich damals die regionalen Träger der beiden Orte dazu entschlossen, diesen Förderverein zu gründen." Während die Post anfangs weiter bei der Finanzierung beteiligt war, hat sie sich vor drei Jahren davon gelöst. Da die Eintrittsgelder nur einen geringen Teil des jährlichen Etats abdecken, liegt die Finanzierung hauptsächlich bei ebendiesen sechs regionalen Trägern, den Mitgliedern des Vereins: der Stadt, dem Landkreis und dem Staatsbad Bad Kissingen, dem Bezirk Unterfranken sowie dem Markt Bad Bocklet und dem Staatsbad Bad Bocklet. Mitunter erreichen den Verein Einzelspenden: "Da sind wir natürlich sehr dankbar dafür, aber den Großteil der Kosten müssen schon die Kommunen entsprechend tragen", sagt Beck.
Der 52-Jährige teilt sich mit einem Kollegen die Geschäftsführung des Vereins. Als Geschäftsführer fallen ihm die Aufgaben zu, einen Wirtschaftsplan, also eine Art Haushaltsplan, zu erstellen und die anfallenden Rechnungen abzuwickeln. Vorsitzender des Vereins ist Thomas Leiner, der Dritte Bürgermeister Bad Kissingens. Zu Beginn und zum Ende der Saison, die von Mai bis Oktober geht, gibt es je ein Treffen des Vereins sowie eine Jahreshauptversammlung.
Die Postkutsche, die als eine der letzten 1967 in Bamberg gebaut wurde, gehört dem Verein, befindet sich aber im Stall von Familie Körner, in deren Besitz auch die Pferde sind. Mittlerweile dauert es nur noch zehn Minuten, bis die Pferde eingespannt und fahrbereit sind. Während der Fahrt tragen die Tiere gelbschwarze Ohrenhauben, auf denen ein Posthorn abgebildet ist. Außerdem sind sie mit Scheuklappen ausgerüstet.
"Meine Eltern hatten zwar keine Pferde, ich selbst war aber schon von Kind an pferdebegeistert. Meinen Mann habe ich auch über dieses Hobby kennengelernt. Heute haben wir drei Kinder und führen ein Reitsportgeschäft", erzählt Yvonne Körner, die für die Kutschfahrt Uniform trägt. Die 47-Jährige hat schulterlange, dunkelbraune Haare, die von einer Schildmütze bedeckt sind. Sie und die Postillionin tragen kniehohe Reiterstiefel und Uniform bestehend aus weißer Hose, roter Weste und blauer Jacke. Seit 35 Jahren ziehen Körners Pferde die Kutsche. Als Kutscherin löste Yvonne Körner ihren Mann ab, den sie zunächst bei den Fahrten begleitete. Für ihre Tätigkeit ist ein Gespannführerschein notwendig. Da vier Pferde den Wagen ziehen, musste Körner drei Prüfungen, zwischen denen jeweils ein Jahr Pause liegt, zum Vierspänner absolvieren.
An heißen Tagen bedauern einige Besucher die Pferde, wenn sie die Kutsche ziehen. Körner hält dem bestimmt entgegen: "Das sind keine Höhlenmenschen wie wir, das sind Steppentiere. Deswegen ist da auch kein Mitleid nötig." Bewegung sei gut für die Pferde. Ganz anders sieht es bei manch anderen Pferden aus, die den ganzen Tag in der Box stehen müssen. Auf Körners Koppel können sich die Tiere nach der Fahrt weiter draußen aufhalten. Insgesamt gibt es acht Pferde, die sich täglich abwechseln. "Zu den Tieren muss das auch passen. Ich hatte schon Pferde, die ich verkauft habe, weils einfach nichts für sie war. Das älteste der Pferde ist 17, das jüngste sechs Jahre alt, die können das also auch noch länger machen. Falls mal Not am Mann sein sollte, gibt es auch noch zwei ältere zu Hause auf der Koppel, aber eigentlich fahren die jetzt nicht mehr mit. Manche kenne ich von klein auf, andere sind gekauft." Laut Körner hat jedes der Tiere seinen eigenen Charakter, weswegen auch jedem seine ganz eigene, feste Position zusteht. Tatsächlich könnte der Wagen auch um einiges schneller fahren, für die Pferde wäre das auf jeden Fall möglich. Teilweise muss die Postkutscherin sogar bremsen, um das gemächliche Tempo, das den Gästen gefällt, beizubehalten.
Körner erzählt davon, dass sie bereits einige Bischöfe und Politiker kutschiert hat, unter anderem den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann. Dafür musste einiges an Vorkehrungen getroffen werden: "Vorher wurde die Kutsche von unten mit Spiegeln kontrolliert. Es waren Bodyguards da, und vor und hinter uns sind zwei Audis gefahren und zwischendrin war noch Polizei." Auch andere Fahrten sind ihr im Gedächtnis geblieben: Einmal war zum Beispiel ein Chor, der einen Ausflug machte, zu Gast. Der Gesang der Fahrgäste war durch die geöffneten Fenster und das geöffnete Dach zu hören. "Ganz Bad Kissingen hat sich nach uns umgedreht. Da haben der Postillion und ich dann geklatscht und nicht umgekehrt", erzählt sie lachend.