Harald Krüger ist Produktionsfahrer und holt die Schauspieler ab
Kein Arbeitstag gleicht dem anderen. Mal ist er lang, mal kurz. Mal ist man hier und mal dort. Routine gibt es nicht, ebenso wenig wie einen festen Arbeitsvertrag. Dafür aber Verantwortung und Pünktlichkeit. Geduldig muss man sein und höflich, egal wer vor einem steht. Die Dispo muss eingehalten werden, wo befindet sich wer und wo muss man hin. Das ist der Weg, das die Postleitzahl, ohne die läuft gar nichts, und hier ist das Hotel. Jetzt aber fix, in 30 Minuten muss der Schauspieler oder die Schauspielerin bei der Basis sein, dem Ort für Maske und Kostüme. Kein Stau. Ebenso kein Gespräch heute. Keine nervigen Autofahrer, und da ist schon die "rote Pylone", die einem den Weg zur Basis weist. Alles richtig. Geschafft! Jetzt nur noch Getränke und belegte Brote von hier nach dort bringen, "ohne Mampf kein Kampf". Alles möglichst geräuschlos und diskret. Wartend, aber immer bereit und aufmerksam, man will ja "nicht der Grund sein, warum sich Leute ärgern".
Harald Krüger ist seit vier Jahren Produktionsfahrer. Der 53-Jährige ist der Mann, mit dem der Tag für die Schauspieler beginnt. Er holt sie entweder im Hotel oder zu Hause ab. Er muss über den Zeitplan der zu Fahrenden Bescheid wissen oder ihn zumindest parat haben, als eine Art Service. Krüger muss wissen, wann und wann nicht ein Gespräch angebracht ist. Manche sind richtige "Quasseltaschen", sagt er schmunzelnd, "andere hingegen sagen nichts". Genauso variabel wie seine Fahrgäste sind seine Arbeitszeiten. Er ist selbständig, hat wechselnde Arbeitgeber, das heißt, er ist von Projekt zu Projekt angestellt und richtet sich immer wieder neu nach den Bedürfnissen der verschiedenen Filmsets. Alles variiert. Die Orte, die Zeiten, die Menschen. Seine Tage sind meist zehn, zwölf Stunden lang, das macht ihm aber nichts aus. Er arbeite gerne und gerne auch lang, die Bezahlung stimme.
Krügers Leben begann in Magdeburg, in der damaligen DDR, als Jüngster von dreien. Hineingewachsen in eine "Zeit voller Umbrüche", wie er sie nennt, mit mehr Freiheiten als die Geschwister. Dann der Mauerfall und Berlin als neue Perspektive, um sich in ein neues Leben zu stürzen. Dort angekommen, machte er sich selbständig und arbeitete 20 Jahre in der Gastronomie. Er beschreibt die Zeit als "hart und schwer" und suchte schließlich nach etwas Neuem. So kam er zum Berliner Ensemble und fand dort eine Stelle in der Theaterkantine. Auch wenn es nur übergangsweise geplant war, blieb er für sechs Spielzeiten. Für ihn war es ein Privileg, "alleine an diesem Platz, an diesem Ort stehen zu dürfen" und mit den verschiedenen Menschen sprechen zu können. Die Kantine sei wie das Wohnzimmer des Theater-Ensembles, wobei auch viele von außerhalb dort aßen. Freudig erzählt er von seinem Treffen mit Herbert Grönemeyer: "Die Leute sind gezwungen, mit mir zu reden, an mir kommt man nicht vorbei."
So sei es leichter gewesen, mal in ein kurzes Gespräch überzugehen. 2017 kam es zu zwei Intendantenwechseln. Der Ort veränderte sich. Mit Harald Krüger war zwar noch eine zweite Spielzeit geplant, er aber fühlte sich "wie vom Hof gejagt" und fragte bei Freunden nach, ob die für ihn etwas anderes hätten. Ein Sprung ins kalte Wasser, und der neue Produktionsfahrer war geboren. Am Anfang war eine gewisse Unsicherheit da, aber sie verflog schnell. Er wird immer wieder angefragt. Auch während Corona. Bis auf einen kleinen Anfangs-Lockdown hat er durchgearbeitet. Natürlich gab es ein Hygienekonzept, an das er sich hielt.
Vor allem schätzt Krüger die Abwechslung in seinem Job. Natürlich gibt es Tage, an denen er nicht so viel Freude empfinde, etwa wenn es kalt ist oder regnet. Ebenso mag er nicht das oberflächliche Denken mancher Menschen, die der Meinung sind, er fahre und warte ja nur die meiste Zeit, jeder könne das. "Aber wenn's jeder könnte, würden es auch mehr machen."
Die vielen kleinen Dinge machen den Job für ihn interessant. Vergangenes Jahr ist er mit einem Set nach Poel zum Salzhaff gefahren. Dort drehten sie für ein paar Wochen, sagt er in Erinnerung schwelgend an die schönen Winterlandschaften, den Nebel und die Sonne über der Ostsee. Auch die Freundschaft mit Schauspielern und beeindruckende Fotomotive machten seine Tage besonders. Manchmal verschwinden Personen, auch Komparsen hätten "das Talent, weg zu sein", berichtet er schmunzelnd, "dann beginnt die große Sucherei oder Schreierei". Grund dafür sei zum einen Langeweile durch längeres Warten oder einfach die schiere Neugier. "Ich will den Job so lange machen, wie nur geht."