Landwirte vermieten Flächen an Privatleute
Wenn man im Frankfurter Norden an den Feldern entlangspaziert, merkt man auch ohne Expertenblick, dass eines von ihnen auffällt. Während die meisten Äcker im Herbst relativ trist sind, wachsen in Nieder-Erlenbach auf einem Feld Karotte, Kürbis und Co. bunt gemischt zusammen. In der diesigen Ferne sieht man dort eine Person mit Spaten und Forke gärtnern. Es handelt sich um die Fläche des Projekts "meine ernte", das Menschen ermöglichen will, sich in einem gewissen Umfang selbst zu versorgen.
Man kann sich als Privatperson anmelden und für ein Jahr ein Stück Acker mieten. Der Preis variiert je nach Größe und beinhaltet, dass der Boden pflanzbereit ist und schon mit mehr als 20 Gemüsesorten besät wurde. Das übernehmen lokale Landwirte, die eine Partnerschaft mit "meine ernte" haben. In Frankfurt ist Sven Kötter, ein Landwirt aus dem Stadtteil, für den Rundumservice verantwortlich. Er bereitet die Flächen vor, stellt Gartengeräte und Gießwasser bereit und unterstützt die Teilnehmerinnen während der Saison etwa in Form einer wöchentlichen Sprechstunde. "Ich wollte den Städtern das Gärtnern und auch die Zusammenhänge von Landwirtschaft näherbringen", sagt der 51-Jährige und erklärt, dass er neben der klassischen Landwirtschaft etwas dazuverdienen kann. "Wie viel verrate ich natürlich nicht."
2009 wurde das Projekt "meine ernte" gegründet. "Der Frankfurter Standort war von Anfang an mit dabei", berichtet Kötter stolz. Mittlerweile hat das Projekt deutschlandweit in der Nähe von Großstädten 26 Partnerschaften geschlossen. Eine von den "Städtern" ist Anne Chwalek, die zum ersten Mal mitmacht. In Frankfurt-Preungesheim sesshaft, radelt sie gerne etwas weiter raus, um ihren Minigarten zu pflegen. "Einerseits wollte ich wirklich eigenes Gemüse ernten, und andererseits habe ich gedacht, ein bisschen Arbeiten an der frischen Luft tut mir auch gut." Im netten Austausch mit anderen "Neulingen im Gartenbau" war die 58-Jährige etwa zweimal in der Woche auf dem Acker, um zu pflanzen, Unkraut zu zupfen und zu ernten. Der viele Regen hat ihr Gießarbeit erspart. Nach ihrem ersten Jahr meint sie zufrieden: "Für mich war das richtig gut, und ich habe da echt viel rausgeholt." Man überschätze sich aber schnell mit der Größe des Gartens und dem Aufwand. Einige Felder sind im Laufe der Saison verwahrlost. Riesige Zucchinis und Kürbisse wurden nicht geerntet. "Ich finde das schon auch bitter, weil es Leute gibt, die das unheimlich gerne nehmen würden." Eine bessere Kommunikation könnte das vielleicht verhindern.
Lohnt es sich mitzumachen? Ein kleiner Gemüsegarten mit 45 Quadratmetern kostet im Jahr 229 Euro. Bei einem Preis von 3 Euro für ein Kilogramm Zucchini müsste man 76 Kilogramm ernten, um zumindest auf seine Kosten zu kommen. Dabei ist noch nicht miteinberechnet, dass ohne Pestizide gearbeitet wird. Dieses Kalkulieren ist nicht das, was die Gärtnerinnen antreibt. Anne Chwalek erzählt: "Ich buddele ein bisschen in der Erde, hole dann mein Gemüse raus und habe direkt etwas zum Kochen. Das ist unheimlich befriedigend und ein einzigartiger Glücksmoment." Man kann dem Gemüse vom Saatkorn bis zur fertigen Nahrung beim Wachsen zuschauen und das Bewusstsein schärfen, wie viel Arbeit in Lebensmitteln steckt. So verspüre man viel mehr Wertschätzung für das Essen. "Kraut-und-Rüben-Arena" oder "Busy Bees" heißen übrigens die Ackerstücke.