Vom Aufstieg der Snowboard-Brüder Schoch
Wir wollten immer die Besten sein, weshalb wir auch einen enormen Trainingsaufwand auf uns nahmen." Das antworten Simon und Philipp Schoch, Weltmeister und Olympiasieger im Snowboard-Parallelslalom, auf die Frage nach dem Geheimnis ihres Erfolgs. Mittlerweile sind die beiden über 40-jährigen Snowboard-Pioniere vom Profisport zurückgetreten und leben mit Familie und Kindern in ihrem Heimatdorf Fischenthal im Zürcher Oberland. "Am Ende ist es bei den Wurzeln eben doch am schönsten."
Ihre Erfolgsgeschichte begann damit, dass Walter Schoch, der Vater des ungleichen Brüderpaars, sich verpflichtet sah, den für das kleine Dorf wichtigen Skilift vor dem Konkurs zu retten. Die vorherigen Besitzer waren aus finanziellen Gründen gezwungen, den Betrieb einzustellen, was für den Skiclub Fischenthal und damit eine ganze Generation skibegeisterter Familien einer kleinen Katastrophe gleichgekommen wäre. Um den Verein und damit auch das Dorfleben zu erhalten, entschied sich Schoch für diesen risikobehafteten Kauf. Mit dieser uneigennützigen Geste ebnete der Vater nicht nur den Weg zur Karriere seiner beiden Söhne, die Übernahme des defizitären Skilifts im schneeunsicheren Zürcher Oberland hatte ideellen Charakter und sicherte Einheimischen günstiges Skifahren und dem lokalen Skiklub letztlich die Existenz. "Ohne den Skilift hätte es keinen Skiclub Fischenthal mehr gegeben, aber es war ein teures Hobby unseres Vaters."
Wie die meisten Schweizer Kinder begannen auch die beiden Brüder mit dem Skifahren. In den 1990er Jahren wurde das Snowboardfahren mehr und mehr zum Trend. Auch die Brüder begannen damit. Die notwendige Ausrüstung erhielten sie von einem kleinen Sportwarenhandel in ihrem Heimatdorf. Alsbald nahmen sie an ersten regionalen Cups teil. Sie stellten fest, dass sie nicht nur mithalten konnten, sondern sogar zu den Schnellsten zählten. Im Vordergrund stand jedoch stets die Freude am Boarden. Die Dimension ihrer künftigen Erfolge konnten sie sich noch in keiner Weise vorstellen. "Wir verbrachten eine fantastische Zeit mit anderen Jugendlichen, und es ging uns primär immer um den Spaß." Es dauerte nicht lange, da wurden die beiden das erste Mal Schweizer Meister. Dieser Erfolg ermöglichte ihnen die Teilnahme an den Junioren-Weltmeisterschaften. Ein Meilenstein ihrer noch jungen Karriere. So flogen sie zum ersten Mal in ihrem Leben ins Ausland, wo es ihnen auf Anhieb gelang, die Gold- und die Silbermedaille zu gewinnen.
Es gab auch Rückschläge in ihrer Karriere als Profisportler. So erlitt Philipp eine schlimme Rückenverletzung, die ihn aus der Bahn warf. "Ich konnte nie wieder an meine ehemaligen Leistungen anknüpfen." Ebenfalls hat er durch eine Verletzung bis heute noch andauernde Lähmungserscheinungen in seinem vorderen Bein. Simon hatte bis auf eine größere Verletzung an der Schulter nur kleinere Blessuren, von denen er sich stets gut erholen konnte.
"Der Aufbau der Verbände und Rennen ist heutzutage keineswegs vergleichbar mit früher." Heute ist laut den Gebrüdern Schoch die Organisation schlanker, aber strukturierter und viel professioneller. Sie waren viel stärker auf sich selbst gestellt, als dies Sportler ihres Formates heute sind. Ihnen wurde kein Trainer zur Verfügung gestellt, sie mussten ihn selbst engagieren. "Uns wurde lediglich mitgeteilt, wo das Rennen stattfindet. Für die Reise und die Kosten waren stets wir allein zuständig." Diese Pflicht zur Eigenverantwortung prägte sie stark und lehrte sie, Höchstleistungen im richtigen Moment abzurufen. "Schnell haben wir gemerkt, dass es nichts bringt, neidisch aufeinander zu sein, sondern, dass wir miteinander viel mehr erreichen können." Sie traten als Einheit auf und gönnten sich gegenseitig ihre Erfolge. Insgesamt waren beide in etwa auch gleich erfolgreich. Beide gewannen zahlreiche Weltcups. Philipp ist Doppel-Olympiasieger, Simon hingegen heimste nebst der Olympischen Silbermedaille den Weltmeistertitel ein. "Wir halfen uns gegenseitig und coachten uns." So motivierten sich beide gegenseitig, und sie funktionierten als Team und nicht als Einzelplayer.
Trotz der eindrücklichen Reisen rund um die Welt, liegen die Wurzeln der Gebrüder in dem beschaulichen, ländlichen Fischenthal, und es hat sie dorthin zurückgezogen. "Es ist dennoch immer noch der schönste Fleck." Das mit rund 2500 Einwohnern kleine, naturnahe Fischenthal ist für sie Heimat, und sie verbinden viele positive Erinnerungen damit. Die Natur und das Leben unter Gleichgesinnten mit langjährigen Freunden gefällt ihnen. "Unseren ganzen Erfolg haben uns unsere Herkunft und das Dorf ermöglicht." Sie sind beide keine Großstadtmenschen. "Wir hatten eine wunderbare Zeit und haben alles erreicht, was wir in diesem Sport hätten erreichen können." Irgendwann war bei beiden der Punkt gekommen, an dem die Bereitschaft, sich konstant so intensiv für diesen Sport zu engagieren, nicht mehr da war. Beide spürten zudem finanziellen Druck, da sie durch den Sport allein zu wenig Geld verdienten, um ihre Familien zu ernähren. "In den freien Wochen, in denen andere sich entspannten, gingen wir arbeiten." Heute arbeiten die beiden im Tiefbauunternehmen ihres Vaters "Schoch und Hirzel". Der körperlich kräftigere Philipp arbeitet auf dem Bau, sein filigranerer Bruder Simon ist als Bauleiter tätig.
"Wenn unser Vater den Skilift nicht gekauft hätte, wäre ich wahrscheinlich beim Schwingen geblieben, und Simon wäre weiterhin Bike gefahren." Die Brüder erzählen in einer nostalgisch gefärbten Tonalität über den immensen Anteil, den der Kauf an ihrer Karriere hatte. Der Skilift Fischenthal hat ihnen alle Türen geöffnet. Dafür sind sie dankbar. Diese Dankbarkeit ist in keiner Weise einseitig. Auch ihr Heimatort hat an Popularität gewonnen und viele Jugendliche zu eigenen Höchstleistungen animiert.