Vor fast 30 Jahren verließ Bajram Maliqi unter gefährlichen Umständen das Kosovo
Wir sehen es heute an den Ukrainern. Sie flüchten aus ihrer Heimat und lassen alles stehen und liegen, um ein Leben in Sicherheit zu führen. Dasselbe Ziel verfolgte der heute 63-jährige Bajram Maliqi, der vor fast 30 Jahren nach Deutschland flüchtete. Es war der 22. März 1993, als sich Maliqi aufgrund der angespannten Politik im Kosovo entschieden hat, seine Heimat zu verlassen. Da das Kosovo unter serbischer Kontrolle stand, wollte er seinen Beruf als Matheprofessor an der Universität von Pristina nicht weiter ausüben.
Es seien Gesetze gewesen, die die Kosovo-Albaner entehrt hätten. So durfte in der Schule die Heimatsprache Albanisch nicht gelehrt werden und wurde durch die serbische Sprache ersetzt. Maliqi entschied sich, Privatunterricht für die kosovo-albanische Bevölkerung anzubieten, und lernte mit Schülern in Kellern. Er hoffte, dass sich die Situation beruhigen würde, aber das war nicht der Fall. Der größte Grund zu fliehen war für ihn die kriminelle Polizei, die unter serbischer Führung stand. So wurden Bürger beim Verlassen des Hauses abgefangen und befragt, wo sie hingehen. Wenn sie aus Sicht des Polizisten keinen passenden Grund hatten, wurden sie mit Schlagstöcken zusammengeschlagen. Die Männer versuchten, ihre Frauen einkaufen zu schicken, da Männer von Polizisten beziehungsweise serbischen Anhängern umgebracht wurden. Bajram Maliqi ließ seine schwangere Frau im Kosovo zurück, weil die Reise mit ihr gemeinsam zu gefährlich gewesen wäre.
Er startete in Mazedonien, wobei er den Grenzübergang zu Fuß überquerte. Wenige Kilometer von der Grenze entfernt war ein Bus organisiert. "Es waren die längsten, stressigsten und anstrengendsten drei Tage meines Lebens", sagt er über die Busfahrt. Nach drei Tagen wurden sie in der kurz zuvor aufgelösten Tschechoslowakei herausgelassen und mussten sich von dort aus neu orientieren. Sein Ziel war Deutschland, wo sein Bruder seit mehreren Jahren lebte. Er fand durch die Fahrt Freunde, mit denen er sich zusammentat. Als sie in Prag waren, haben sie sich in ein Café gesetzt, um die weitere Flucht zu planen.
Dabei trafen sie zufällig zwei Männer, die den Weg nach Berlin kannten. Sie warteten bis zur Dämmerung, liefen schwarz bekleidet durch die Wälder und bildeten eine Reihe, um niemanden in der Dunkelheit zu verlieren. Es durften keine Taschenlampen eingeschaltet werden, um dem Risiko einer Festnahme zu entgehen. Dabei bekam Maliqi ein Gespräch zwischen den Männern mit, die ihnen den Weg zeigten. Sie wollten die Gruppe teilen. Der eine Mann wollte die beiden Frauen in seiner Gruppe entführen und sich an diesen vergreifen. Der andere Mann sollte seine Truppe ans Ziel führen, damit niemand Verdacht schöpfte. Als Maliqi dies mitbekam, erzählte er seinen Freunden davon. Sie packten die beiden Männer an ihren Hälsen und zwangen sie, die gesamte Truppe ans Ziel zu bringen, da sie sonst nicht lebend aus dem Wald kämen. Ein anderes Mal saßen sie zwei Stunden in einem Graben, um nicht entdeckt zu werden. Aufgrund eines Gewitters konnten die Spürhunde sie nicht aufspüren. Trotz der klatschnassen Kleidung war er glücklich. Nach neunstündigem Marsch gelangten sie an einen Bahnhof und fuhren mit dem Zug nach Berlin. Dort trennten sich ihre Wege. Maliqi wurde von seinem Bruder erwartet. "Ich kann es nicht in Worte beschreiben. Man verspürt über den gesamten Körper Gänsehaut und möchte seinen Bruder nicht mehr aus den Armen lassen, weil man sich über so eine Reise, trotz des Kontaktes mit anderen Menschen, allein fühlt und Angst um sein Leben hat. Es ist ein Moment, in dem man alle Sorgen vergisst und sein Glück nicht fassen kann."
Maliqi lebt heute glücklich und in Sicherheit zusammen mit seiner Frau in Hessen. Seine beiden Kinder sind erwachsen und wohnen in der Nähe. Der Garten- und Landschaftsbauer freut sich, in zwei Jahren in Rente zu gehen, um ein wenig durch die Welt zu reisen.