Ein Ring geht baden

Tiefer nach der Herkunft schürfen: Wie Ökogold Schmucktragen umweltverträglich machen soll. Im Atelier einer Goldschmiedin.

 

Eigentlich hat mich ein Kunde darauf gebracht", erklärt Brigit Aklin. Die 61-jährige Goldschmiedin feilt in ihrem Atelier in Zürich hochkonzentriert an einem Schmuckstück. Woher denn das Gold für die Eheringe komme, habe er wissen wollen. Und ob das Rohmaterial aus einer umweltverträglichen Produktion stamme. Dass die Herkunft der Edelmetalle respektive die Umstände der Schürfung nicht immer bis zum letzten Glied der Produktionskette nachverfolgbar sind, hatte Aklin schon länger beschäftigt. Und so hat sie recherchiert und stieß auf das Oekogold-Label. Als Goldschmiedin, die dieses Label trägt, verpflichtet sie sich, die Edelmetalle für ihre Arbeiten ausschließlich aus Quellen zu beziehen, die vom Responsible Jewellery Council (RJC) in London zertifiziert wurden. In ihrem Fall ist dies die Firma Gyr mit Sitz in Baar im Kanton Zug. Aklin kann so garantieren, dass die Materialien nicht aus einer Mine kommen, sondern ausschließlich durch Recycling gewonnen wurden. Dabei werden alter Schmuck oder auch Abfälle der Schmuckherstellung gesammelt und in einer sogenannten Scheideanstalt eingeschmolzen, getrennt und anschließend neu legiert wieder in den Kreislauf eingespeist.

 

Brigit Aklin hat die Feile zur Seite gelegt und nimmt einen Handbesen, mit dem sie die kleinen Goldpartikel, die beim Feilen angefallen sind, sorgfältig zusammenwischt und in einem Behälter sammelt. "Es spielt keine Rolle, ob ich Gelb- oder Roségold oder sonst ein Edelmetall verarbeite. Alle Abfälle landen im selben Behälter", erklärt sie. "Wenn sich eine gewisse Menge an Abfällen angesammelt hat, schicke ich diese ein und erhalte im Gegenzug rezyklierte Rohware - Bleche oder Vierkantdraht -, die ich dann wieder zu Schmuck verarbeiten kann." Es sei ein sinnlicher Beruf und nach wie vor von viel Handarbeit geprägt, sinniert Aklin. Zwar gebe es inzwischen moderne Techniken und verschiedene Hilfsmittel, aber letztlich entscheide doch fast immer das Augenmaß darüber, wo zum Beispiel der Stein in den Ring gesetzt werde. Sagt es und spannt die Ringschiene ein, um die Fassung zu löten.

 

Sie geht dabei immer wieder um den Ring herum, neigt den Kopf zur Seite, bis sie mit der Position zufrieden ist. "Ich gebe da ein wenig Flussmittel - das bildet eine Art Glasschicht auf dem Material - auf den Ring, damit die Lötstelle nicht oxidiert. Passiert das, hält die Fassung nicht. Löten ist immer ein wenig knifflig", meint sie, "aber gerade das mag ich sehr." Nachdem die Fassung gelötet ist, ist der Ring ganz schwarz. Das liege am Kupfer in der Legierung. Aklin legt den Ring in ein Säurebad, um die schwarzen Rückstände zu entfernen. Vor dem Verdünnen der gesättigten Säure habe sie nach wie vor großen Respekt. Ein falscher Arbeitsschritt und die Säure explodiere förmlich. "Mir ist das zum Glück noch nie passiert, und damit das auch so bleibt, halte ich mich strikt an die Weisheit 'Zuerst das Wasser, dann die Säure, sonst passiert das Ungeheure'. Das sage ich immer laut für mich auf", sagt sie lachend. Das mache sie, seit sie sich vor 38 Jahren als Goldschmiedin selbständig gemacht hat.

 

Das Atelier in der Innenstadt, zehn Gehminuten vom Opernhausplatz entfernt, ist von der Straße aus eher unauffällig, die zwei großen Schaufenster sind eher minimalistisch eingerichtet. Beim Eintreten wird man von der ersten Arbeitsstation begrüßt, die gleichzeitig auch als Rezeption dient. Auf dem Tisch liegen Goldschmiedewerkzeuge aller Art in verschiedenen Größen, kleine Zangen, winzige Schraubenzieher. Auf der rechten Seite dient ein kleiner Tisch als Beratungsstelle, auf der linken sind diverse Schmuckstücke aus verschiedenen Kollektionen ausgestellt. Der Eingangsbereich ist zwar klein, die hellen Wände lassen das Zimmer aber offen erscheinen. Durch eine Tür kommt man zu den Arbeitsplätzen, an denen Aklin und ihre Mitarbeiterin meistens arbeiten.

 

Der Ring glänzt inzwischen wieder golden und ist nun bereit für das abschließende Ultraschallbad, "Wellness" für den Goldschmuck quasi. Die Ultraschallwellen entfernen alle Schmutzpartikel und Fette, die noch am Ring hängen geblieben sind, und lassen ihn in seiner ganzen Pracht erstrahlen. Zum Schluss wird dieser gestempelt, gewogen und dem Edelsteinfasser zugeschickt, der den Stein in die Fassung klopft. Aklin erzählt von einem Kunden, bei dessen Wünschen sie Bedenken hatte. Eigentlich wolle sie ja die Ideen ihrer Kunden umsetzen, sagt sie, aber in diesem Fall wäre eine schöne Gravur auf dem Anhänger der neu hinzuzufügenden Fassung zum Opfer gefallen. Deswegen habe sie dem Klienten abgeraten, die Steine so einzusetzen, wie er sich das vorgestellt hatte. So etwas komme aber nur selten vor.

 

Dass Oekogold tatsächlich erheblich umweltfreundlicher ist als Minengold, zeigen die Resultate eines Forschungsprojekts, das zwischen 2016 und 2019 an der Universität Pforzheim durchgeführt wurde. Laut "NAGold - Nachhaltigkeitsaspekte der Goldgewinnung und des Goldrecyclings" verursacht Minengold 307-mal mehr CO2 als rezykliertes Gold. Es lohnt sich daher allemal, für die Schmuckproduktion auf rezykliertes Gold zurückzugreifen. Die Autoren kommen zum Schluss, dass sowohl Herkunft des Goldes als auch Qualität des Recyclingprozesses darüber entscheiden, wie umweltfreundlich letztlich die Produktion ist. Positiv beeinflussen könne man die Ökobilanz außerdem, wenn im Recyclingprozess vermehrt erneuerbare Energien genutzt würden.

 

"Der Goldpreis für Oekogold ist etwas höher als derjenige für Gold aus den Minen", sagt Brigit Aklin. Aber ihre Kunden seien absolut bereit, diese Mehrkosten zu tragen, wenn sie dafür einen Beitrag zu umweltverträglicherem Schmuck leisten können.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2022, Nr. 73, S. 26 - Jara Werder, Kantonschule Uetikon am See

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