Frei in 1000 Meter Höhe

Ein Kletterer übt in der Ettringer Lay für Utah

In vielen der Touren erlebe ich eine Selbstvergessenheit. Das fühlt sich an, als ob man oben aus dem Raumschiff aussteigt und im Weltall steht, dann ist alles vergessen." Alexander Schmalz-Friedberger klettert nicht nur die 27 Meter hohen Wände in der Ettringer Lay in der Eifel, sondern auch weltweit, bevorzugt in den Vereinigten Staaten, ob im Zion Canyon, im West Desert oder im Yosemite Valley. Seine Begeisterung begann in einem Familienurlaub in den österreichischen Alpen mit einem Eiskletterkurs und prägenden Erlebnissen für ihn und seinen Bruder. Er übte neben dem Klettern Menschen im Ernstfall aus einer Eisspalte zu retten. Der Koblenzer erinnert sich genau: "Am letzten Tag war der Bergführer auf der Suche nach einer schönen Spalte. Als er nach 15 Minuten nicht wiederkam, machte ich mich ohne Seil auf den Weg, um nach ihm zu schauen." Auf der Suche fand er einen Eispickel im Schnee und 50 Zentimeter weiter ein kreisrundes Loch. "Da war klar, der Bergführer ist unangeseilt in eine verdeckte Spalte gestürzt! Wir konnten ihn bergen, letztendlich wurde er schwer verletzt mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen."

 

Nachdem der heute 56-Jährige sein Abitur bestanden hatte, fuhr er mit seinem guten Kumpel Andreas direkt nach der Abifeier mit dem Zug in die Alpen. "Wir haben eine Tour nach der anderen geklettert, das hat auch alles super geklappt, aber bei jeder Tour waren wir der Sache eigentlich nicht gewachsen und haben nur Glück gehabt", analysiert er rückblickend. Am Ende des Urlaubs bekam er ein mulmiges Gefühl und brach ab. Während sein Freund Andreas ihn auslachte, kletterte dieser mit einem anderen Kollegen weiter. "Mein Freund kam an diesem Tag in ein Höhengewitter und ist dort elendig erfroren. Alles endete mit seinem Tod." Als er davon in seinem damaligen Wohnort Friedberg in Hessen erfuhr, war das Klettern für ihn erst einmal für zwei Jahre gestrichen und für seinen Bruder komplett beendet. Er selbst wollte in Zukunft vorbereiteter, bewusster und sicherer klettern.

 

Neben diesen gefährlichen, fatalen Situationen, die eher am Beginn seiner Kletterkarriere stehen, erinnert er sich an manche Erlebnisse gerne. Dazu gehört eine Tour im Zion Canyon im amerikanischen Bundesstaat Utah, auf die er besonders stolz ist. "Bei einer On-Sight-Begehung kletterst du eine dir selbst unbekannte Route im ersten Versuch. Das heißt, ich steige unten ein und die 1000 Meter hohe Wand frei durch. Da muss jeder Zug aus dem Bauch raus sitzen", erklärt er selbstbewusst. Die Route heißt "sheer lunacy" und bedeutet übersetzt "totaler Wahnsinn". "Eine solche Begehung ist etwas Einzigartiges, bei der man mit der ganzen Konzentration zu 100 Prozent bei der Sache sein muss. Nicht nur man selbst, auch derjenige, der einen sichert, muss in dem Geschehen versunken sein. Bei jeder Tour gibst du dein ganzes Vertrauen und deine Verantwortung in die Hände eines anderen Menschen", sagt er nachdenklich. "Ein Vertrauen, das weit über das Normale hinausreicht und von dem dein eigenes Leben abhängt." Dabei kann es zu schwierigen Situationen kommen. "Einmal war ich mit einem zusammen, der sich ausbinden und die Flucht ergreifen wollte." In dieser Paniksituation musste Alexander Schmalz-Friedberger seinen Vertrauenspartner zunächst ohrfeigen und anschreien. Nachdem er beruhigend auf ihn eingeredet hatte, konnten beide schließlich zusammen absteigen.

 

Die Liebe zu den Bergen hat er zu seinem Beruf gemacht. Als selbständiger Ingenieurgeologe im Fachgebiet Grund-und Erdbau beschäftigt er sich im Alltag mit Gesteinen und kann erklären, wie das Ettringer Klettergebiet unweit der Kreisstadt Mayen in der Vordereifel entstanden ist. "Der Ettringer Bellerberg und der Kottenheimer Büden sind die Reste eines Schlackevulkans, der vor gut 200 000 Jahren ausgebrochen ist. Durch das Abkühlen der Basaltlava entstand die säulenartige Form." Der Stein wurde erstmals im Tagebau abgebaut und für Mühlsteine verwendet, bis er später als Schotter zum Straßen- und Eisenbahnbau und Hausbau eingesetzt wurde. "Mittlerweile ist es eines der bedeutendsten Rissklettergebiete europaweit, zu dem Kletterer aus der ganzen Welt anreisen, um sich auf ihre großen Touren vorzubereiten." Wer zuerst eine neue Route in der Lay klettert, darf diese benennen. Schmalz-Friedberger hat bereits mehreren der 1400 verschiedenen Routen einen Namen geben dürfen und bereitet sich hier auf seine großen Touren vor. "Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich, ohne weit zu reisen, hier in der Ettringer Lay ein wunderbares Klettergebiet direkt vor der Tür habe", bemerkt er dankbar.

 

Er möchte noch öfter in den Zion Canyon, wo ihn mehrere Touren reizen. Seine Tochter begleitet ihn ab und zu, seine Frau hat er durch das Klettern kennengelernt. "Meine Familie macht das Ganze ohne Sorge mit, weil sie mir vertrauen kann und weiß, dass ich der Erste bin, der die Segel streicht, wenn ich das Gefühl habe, dass nicht alles richtig verläuft", versicherte er. In einem Urlaub ist er aufgrund eines unguten Gefühls vor einer Eiswand umgedreht. Kurz darauf stürzte diese komplett in sich zusammen. Wäre er nicht umgekehrt, hätte er genau an diesem Wandfuß gestanden. Das hätte niemand überlebt. "Ich habe über die Jahre so etwas wie einen siebten Sinn entwickelt, bei dem ich auf mein inneres Gefühl höre."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2022, Nr. 140, S. 26 - Marie Schäfer, Megina-Gymnasium, Mayen

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