Vier Stockwerke voller Schätze in Portos Antiquariat "Chaminé da Mota"
Die geschäftige Rua das Flores geht jeder Tourist hinunter, wenn er an den Douro will. Die verkehrsberuhigte Straße im Herzen von Porto ist oft auch Ort von kleinen Konzertdarbietungen universitärer Musikgruppen, der Tunas. Hier hat Pedro Chaminé da Mota, ein ehemaliger Büromaterialverkäufer für Pelikan, 1981 sein Antiquariat "Livraria Chaminé da Mota" gegründet. Zuvor hat er aus Liebe zu Büchern mit fünf Gleichgesinnten die "Feira da Vandoma" ins Leben gerufen, eine Art Flohmarkt, die jedes Wochenende Leute aus der Gegend ab vier Uhr morgens im Stadtzentrum zum Tausch unterschiedlichster Produkte zusammengeführt hat. Einige Jahre später, als der Straßenverkauf an Attraktivität verlor, traute sich der damals 50-Jährige, sich seinen lebenslangen Traum zu erfüllen. Das Antiquariat hat im Laufe der Jahre die Hausnummer in der Rua das Flores gewechselt. Im Jahr 2000 war die bisher gemietete Fläche für die Büchermenge so klein, dass sich der Holzboden nach unten drückte. Dieser Schreck führte dazu, dass das aktuelle Gebäude gekauft wurde und man umgezogen ist in die Nummer 28.
Heute versammelt dieses Gebäude rund eine Million gesammelter, geschenkter und gekaufter Bücher. Diese sind auf vier Stockwerken in sorgfältig durchnummerierten Regalen gelagert. Nach dem Erwerb bleiben die antiquarischen Exemplare zum Lüften im zweiten Stock. Um das Verkleben der Bücher zu verhindern, werden zumindest die im ersten Stock angebotenen Bände immer mal wieder durchgeblättert. Einmal im Jahr werden die Bücher durchgesehen, und Spenden werden aussortiert. Den Kundenbereich im ersten Stock beherrschen zwei Regale an den Wänden, wo vorstehende Zettel die Bücherstapel nach Genres und Themen unterscheiden, etwa Kinderbücher, deutsche Literatur und portugiesische Kolonialgeschichte, dazu gibt es verstaubte Schriften zur Literaturtheorie oder zu Werken Mozarts oder Schumanns.
Alles steht zum Verkauf, von den etwa 3000 Euro kostenden Erstausgaben von Werken des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa bis zu raren Haushaltswaren wie einer selbst gemachten Fliegenklatsche. Nur die Brustbilder portugiesischer Schriftsteller und gestapelte Hüte dienen lediglich der Dekoration. Auffällig sind die 200 Jahre alten Musikautomaten, frühe Vorläufer einer Jukebox. Vertikal angeordnete Nadeln und millimetergroße Bohrlöcher in einer eingelegten Metallplatte erzeugen hüpfende Melodien. Alle Musikautomaten im Laden gehörten einem Stammkunden, dem es in seiner Lebenszeit nicht vergönnt war, sich seinen Wunsch, ein eigenes Museum für mechanische Musik einzurichten, zu erfüllen.
Im obersten Stock wurde ein Museum aus Erinnerungsstücken der Gründungsfamilie und anderer errichtet. Sportauszeichnungen, Gruppenbilder und altmodische Schreib- und Nähmaschinen tragen die Namen verstorbener Stammkunden. Im zweiten Stock begegnet man zwischen Musikplatten und Archivordnern mehreren Ausgaben der schweizerischen Zeitschrift "Du", wo Werbung die "neuesten Bücher" von Thomas Mann und Georg Christoph Lichtenberg auflistet. Keller und zweiter Stock sind so dicht bestückt, dass bei jeder Buchentnahme danebenstehende Bücher auf den Boden fallen.
"Neben dem Kaufen und Verkaufen sollte man auch wissen, wie man Gefühle aufbewahrt", behauptet der aktuelle Geschäftsführer, der gleichnamige Neffe von Pedro Chaminé da Mota. Als er vor der Erkrankung des Gründers angefangen hat, in dem Antiquariat zu helfen, hinterfragte er den Wert mancher billiger Bücher. Heute weiß Pedro, dass der Verkauf in Wellen kommt und dass alle Bücher sich eventuell einmal als nützlich erweisen. Aktuell sind Übersetzungen und Fachbücher für Naturheilkunde gefragt. Im Sommer läuft das Geschäft dank des Tourismus am besten, obwohl einige das Antiquariat mit Portos weltbekannter "Livraria Lello" verwechseln und nach dem Feststellen des Fehlens der ikonischen Treppe wieder gehen.
Das teuerste Handelsobjekt war bis jetzt ein handgemalter Atlas aus dem Jahr 1515, von dem man glaubte, das einzig übrig gebliebene Exemplar in einem historischen Museum zu finden. Die Übergabe des auf 75 000 Euro festgesetzten Atlas war geregelt und musste für eine gewisse Zeit im Besitz eines Portugiesen und in Portugal bleiben. Zu den renommierten Angeboten gehören die "Bula Pontífica do Papa Gregório II", die Ethik Aristoteles und die erste Ausgabe von "Tesouro de Prudentes" aus dem Jahre 1700. Pedro berichtet von berührenden Interaktionen mit den Kunden. Er erzählt von einem Brasilianer, der nach seinem ehemaligen Schulbuch fragte. Der Kunde habe das Buch in Brasilien und Portugal mühsam, jedoch erfolglos, gesucht. Als der Verkäufer ihm das Buch übergab, war der Mann zu Tränen gerührt. Ein anderes Mal hat eine 25-Jährige nach drei Büchern der Romanserie "Die blaue Sammlung" gefragt. Sie erzählte von ihrer bettlägerigen Mutter, die die Bände verliehen und nie zurückbekommen hatte. Es war gerade viel los, der Angestellte verwies aufs "blaue" Regal, die Frau suchte mit dem Versprechen eines Rabatts die Bücher allein. Nach einer Zeit kam sie schluchzend zurück. "Ich war besorgt. Es konnte ein Möbelstück auf sie gefallen sein, so etwas passiert manchmal", berichtet Pedro. Das sei nicht der Fall gewesen. Das Mädchen hielt gerührt das von ihrer Mutter mit Namen gezeichnete Buch hoch.