Taugt das Hobby zum Beruf oder ist das keine gute Idee - Vier Erfahrungen
Das Zimmer eines Jugendlichen in Stuttgart. E-Gitarre und Verstärker dominieren den Raum, die Wände schmücken Rockposter. Moritz lebt in Stuttgart, trägt längere, blonde Haare und eine schwarze Lederjacke. Seit sieben Jahren spielt er Gitarre, das nimmt seine Freizeit in Anspruch. Der 18-Jährige steht kurz vor dem Abitur. Außer in Musik sind seine Leistungen befriedigend. Er überlegt, seiner Leidenschaft für Musik nachzugehen. Die Eltern raten ab. "Such dir lieber einen richtigen Beruf", rät sein Vater. "Wir können dir mit unseren Gehältern nicht bis an dein Lebensende zur Seite stehen", sagt die Mutter.
Johannes Meuer, Anfang 40, sitzt in Jeans und weißem Hemd im Videogespräch. Er trägt die Haare kurz und eine Brille. Seit zehn Jahren arbeitet er als Dozent für Technologie und Ökonomie an der ETH Zürich. Seit er 14 ist, spielt er klassische Konzertgitarre. Nach einem Auslandsjahr in den Vereinigten Staaten begann er in Ensembles und Orchestern zu spielen. "Wir haben auch viele Konzerte gespielt", sagt er. Kurz vor dem Abitur nahm er am Salzburger Konservatorium an einem Intensivkurs teil. Dort lernt er viele studierte Musiker kennen. Diese ließen ihn an seinem Plan zweifeln, Musik als Beruf auszuführen. "Es waren zwei ausschlaggebende Punkte. Zum einen haben alle als Lehrer gearbeitet, und man hat viel für sich allein geübt, was viel Disziplin gefordert hat. Ich habe nach dem Abi diese Disziplin verloren." Die Zeit in Salzburg ist für ihn ein einschneidendes Erlebnis, sich gegen eine Musikerkarriere zu entscheiden. Während des Zivildiensts verlagern sich die Prioritäten. Auf die Frage, ob er es bereut, sich gegen eine musikalische Laufbahn entschieden zu haben, antwortet er: "Ich finde es schon schade, so wenig mit der Musik zu machen, aber bereuen tue ich es nicht."
Anders als Meuer entschied sich Ralph Küker. Die prägende Jugendzeit waren für beide die 90er Jahre. Äußerlich unterscheiden sich die beiden kaum. Küker, Ende dreißig, braune, kurze Haare, pflegt einen lässigen Kleidungsstil. Er begann, klassische Gitarre zu spielen, entdeckt aber schnell die Rockmusik für sich. "Schon mit 16 war es mehr als nur ein Hobby. Mich hat wenig anderes mehr interessiert." Während der Oberstufe unterstützte er in einer Musik-Tanz-Theater-AG die musikalische Begleitung. "Nach der zwölften Klasse war für mich klar, ich mach das als Job!"
Seine Eltern sind zunächst nicht begeistert von seinem Berufswunsch, aber als sie merken, wie ernst ihm die Musik ist, unterstützen sie ihn voll und ganz. "Es ging mir nicht nur um die Gitarre, es ging mir einfach darum, mich mit der Musik zu beschäftigen." Heute arbeitet er als Gitarrenlehrer in Freiburg und spielt in einer Band, er bereut diese Entscheidung nicht. Küker berichtet, dass das Schönste in seinem Beruf die Vielseitigkeit ist. Er kann auf der Bühne stehen, Schüler unterrichten, und das alles wird durch die Musik verbunden. Das unregelmäßige Gehalt stört ihn nicht. "Es gab für mich zwei Bedingungen. Erstens möchte ich von meiner Musik leben können und zweitens meine eigene Musik machen. Beides ist erfüllt." Nicht nur junge Musiker stecken in diesem Dilemma. Das Thema gibt es auch im Sport. So wie Küker hat sich Heinrich Herrmann für das Hobby als Beruf entschieden. Der sportlich-leger gekleidete 30-Jährige ist Tanzlehrer, unterrichtet Hip-Hop und tanzt in mehreren Formationen. In der achten Klasse begann er mit der klassischen Tanzstunde, fängt kurz darauf mit Hip-Hop an, nimmt an Wettkämpfen teil. Mit der Zeit darf er in der Tanzschule unterrichten, geht mit Formationen auf Wettkämpfe. "Für mich war es keine Option, einen Beruf zu machen, für den ich mich jeden Morgen aufraffen muss, um mein Geld zu machen. Man sollte schon etwas finden, was einem Spaß macht." Heinrich begann eine Ausbildung in der Tanzschule, unterrichtete auch Standardlatein, ging dann nach Schweden. "In Schweden hatten wir jeden Tag super anstrengendes Training mit vielen Coaches." Zurück in Freiburg, arbeitete er wieder als Tanzlehrer. Für seine Eltern war es anfangs schwierig, da es kein "typischer" Beruf ist, doch wie bei Ralph Küker ändert sich das, als sie erkennen, wie er in diesem Beruf aufgeht. Für ihn ist es ein tolles Gefühl, Teil der Jugend eines Kindes zu sein und es auf diesem Weg zu begleiten. Die intensive Beschäftigung mit seinem Hobby wird vielleicht auch Moritz dazu bringen, sich zu verbessern oder an Grenzen zu stoßen.