Eine Goldschmiedin in Winterthur schafft Edles
Beim Betreten des kleinen Raums wird man von wohliger Wärme umhüllt. Es riecht angenehm nach dem im schönen Jugendstilofen verbrannten Holz. Ein Bücherregal steht an der alten Steinwand, davor der halbkreisförmige, massive Arbeitstisch aus dunklem Nussbaumholz. In einer Ecke befindet sich eine weitere Arbeitsnische, die mit Treibwerkzeugen gefüllt ist. Gegenüber steht eine Vitrine mit Ringen, Broschen, Anhängern und Ohrschmuck. Abgeschlossen wird der Raum mit einer stilvollen Kirschbaumküche vor einem azurblauen Fresko und dem siebeneckigen Kundentisch. Alles wird von kleinen, hellen Lampen gut beleuchtet. Ein Blick durch die weiß gerahmten Fenster, deren Gläser noch handgezogen sind, offenbart einen gepflasterten Hof mit einer Linde und einem Ziehbrunnen. Wir befinden uns in der Altstadt Winterthurs, der zweitgrößten Stadt des Kantons Zürich, die nach dem lauten Getümmel der restlichen Stadt plötzlich ganz still erscheint. Hier, in einem Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert, hat Corretta Hoppe ihr Atelier. Es fallen sofort ihre schwarzen Haare und der Silberring mit einem roten Turmalin an der linken Hand ins Auge. Auf den rund 30 Quadratmetern treibt die 59-Jährige Objekte aus Gold und Silber: "Vor über 30 Jahren waren ich und mein damaliger Arbeitspartner lange auf der Suche nach einem Atelier in der Stadt, bis uns ein Maler von diesem Raum hier erzählte. Seither bin ich hier."
Zurzeit arbeitet die gelernte Goldschmiedin an mehreren goldenen Ringen. Die Arbeit beginnt mit einem dünnen, etwa 1,5 Zentimeter breiten Goldstreifen, den sie zuvor aus einem Goldklötzchen geschmiedet und durch eine Walze gelassen hat. Jetzt treibt sie das Band in eine Rundung, dann lötet sie die Enden zusammen. Sie füllt dieses Grundkonstrukt innen mit Kitt, einer schwarzen, zugleich elastischen als auch harten Masse, die für einen Widerstand sorgt und ein wichtiges Hilfsmittel ist. "Der Kitt sollte das Objekt, an dem gearbeitet wird, stützen, damit es sich beim Bearbeiten von außen nicht verbiegt. Er sollte aber genug Formbarkeit aufweisen, damit das Metall überhaupt nach innen getrieben werden kann." Nun beginnt die eigentliche Arbeit: Mit der Flamme, einem feinen, am Tisch befestigten Bunsenbrenner, wird das Metall durchgeglüht. Um die Temperatur zu erhöhen, bläst Hoppe mit dem Mund Sauerstoff hinzu. So wird das Metall für eine längere Zeit gut bearbeitbar. Die Ringe, die bereits fertig sind, weisen eine Welle auf. Diese arbeitet Corretta Hoppe nun mit Punzen und Ziselierhammer ausdauernd in den noch flachen Ring hinein. Punzen sind längliche Stücke Werkzeugstahls in verschiedenen Profilen und Größen. Weil für unterschiedliche Arbeitsschritte jeweils andere Punzenformen nötig sind, werden oft Dutzende verschiedene verwendet, die Hoppe teilweise selbst herstellt.
Für den Beginn nimmt sie einen großen Punzen und formt von außen die Vertiefung in der Mitte. Danach nimmt sie den Kitt heraus und arbeitet von der Innenseite an den Rändern eine Vertiefung ein, die von außen dann als Wölbung wahrgenommen wird. Dieses Vorgehen nennt sich Treiben: "Dabei wird das Metall beidseitig bewegt und gedehnt, wodurch ständig zwischen Positiv und Negativ gewechselt wird." Im Gegensatz zu gegossenen Arbeiten werde durch das stundenlange Treiben eine Verformung des Metalls erreicht, die fließend ist: "Die einzelnen Kristallstrukturen des Metalls, die sich beim Erhitzen aufgestellt haben, werden beim Treiben ineinander verflochten; ein In-Fluss-Bringen von an sich starrem Material. Dadurch kommt diese lebendige, ineinander verfließende Optik mit weichen Übergängen zustande." Gegossene Arbeiten wirken hingegen oft wie starre Massen. Das Treiben erfordere viel Geduld und Leidenschaft; es dauere lange, bis ein Objekt fertig sei.
Mit dem Treiben führt Corretta Hoppe eine uralte Arbeitsweise weiter: "Ich fühle mich sehr mit der traditionsreichen Geschichte des Goldschmiedens verbunden. Dieselben Treibwerkzeuge, die schon vor Jahrhunderten benutzt wurden, benutze ich heute in gleicher Weise." So erschafft sie Kleinodien. Deren Auftraggebende werden stark in die Gestaltung miteinbezogen: "Bevor ich für Kunden ein Objekt herstelle, führe ich mit ihnen immer ein tiefes Gespräch. Dabei kann ich genauer herausfinden, was die Kunden sich wünschen und was zu der Person selbst passt."
Dass dieses Gespräch teilweise auch Verborgenes zutage legt, zeigt folgende Anekdote: "Einmal kam ein Paar zu mir, um ihre lang ersehnten Eheringe zu machen. Nach vertiefter Diskussion aber, bei der sie jeweils Unterschiedliches in ihren Eheringen wollten und die auch zu Hause weiterging, kam heraus, dass sie gar nicht zusammenpassten. Nach einigen Wochen haben sie sich dann getrennt." Es gehe nie nur um das Schmuckstück selbst, sondern um den Träger als Ganzes. Ihre Kunden trügen die Schmuckstücke jahrzehntelang und fühlten sich ohne sie unvollständig. "Die Schmuckstücke sollen eine Ergänzung zur Person sein", sagt Corretta Hoppe und legt die letzten Holzscheite in die Glut des Ofens.