Britta Jürgs verlegt ausschließlich Werke von Autorinnen und wehrt sich gegen deren konsequente Abwertung.
Britta Jürgs sitzt an einem großen Holztisch in ihrem Wohnzimmer. Um sie herum thronen Hunderte von literarischen Werken auf Regalen, die sich bis zur hohen Decke der Berliner Altbauwohnung erstrecken. Einige Titel hat sie als Verlegerin selbst ins Leben gerufen. Wer sich die Bücher genauer anschaut, dem fällt auf, dass sie alle von Frauen geschrieben sind. Kein Zufall, denn die Eigentümerin des AvivA-Verlags verlegt ausschließlich literarische Werke von Autorinnen. Das ist nicht etwa eine radikalfeministische Maßnahme, sondern ein Versuch, das Vergessen aufzuhalten und den literarischen Kanon mit ungehörten Stimmen aufzufrischen.
Die damals 32-jährige Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin entschied sich nach einer von der Suche nach weiblichen Stimmen geprägten Schullaufbahn 1997 dazu, ihren Verlag zu gründen. Mit sichtbarer Freude an der Erinnerung erzählt sie von den ersten Büchern, die sie veröffentlichte - einen Porträtband surrealistischer Künstlerinnen und ein Buch über eine Giftmörderin aus dem 17. Jahrhundert. Ihr geht es darum, die Schriftstellerinnen der Geschichte zu würdigen, wie dies auch mit den männlichen Kollegen getan wird. Besonders im Bereich der Literaturgeschichte und im Kanon der Klassiker "gibt es ganz große Lücken", sagt Jürgs - und diese Lücken soll der AvivA-Verlag füllen. Mit einem besonderen Fokus auf Autorinnen der 1920er- und 30er-Jahre möchte sie das literarische Schaffen der Frauen in dieser Periode im Bewusstsein der Literaturwissenschaftler und Leser etablieren. Es sind vergessene Werke, die sie ans Licht bringt, in denen vergessene Autorinnen ihre vergessenen, aber dennoch zeitlosen Geschichten erzählen. Diese Bücher werden etwa in Nachlässen oder im Antiquariat wiederentdeckt, manchmal sind es auch begeisterte Erben, die sich für die Wiederveröffentlichung der Werke ihrer Vorfahren einsetzen, oder Wissenschaftler, die ihre Nischenbegeisterung in die Welt tragen möchten.
Lächelnd bekennt Jürgs, dass sie die Entscheidung, ob sie ein Buch verlegen möchte, oft einfach aus dem Bauchgefühl trifft, "so wie man sich auch ein Buch zum Lesen aussucht". Gerade deswegen ist sie unheimlich begeistert von den von ihr verlegten Werken, die sie auch liebevoll als "Herzensbücher" bezeichnet. Jedem, der Interesse bekundet, bringt sie die freudige Bereitschaft entgegen, Anekdoten zu erzählen. So berichtet sie von einer Britin namens Aphra Behn, die ihren ersten Roman Jahre vor Defoes "Robinson Crusoe", der als erster englischsprachiger Roman gilt, veröffentlichte. Sie erzählt von der deutsch-jüdischen Autorin Alice Berend, die in den 1920er-Jahren in Deutschland für ihr Werk berühmt war, im Zuge des Nationalsozialismus in Vergessenheit geriet und aus der Literaturgeschichte verschwand. Sie erzählt von Margarete Beutler, deren gesamtes unveröffentlichtes Werk von einem Nachfahren in einem Koffer auf dem Dachboden des Familienhauses gefunden und veröffentlicht wurde. Das Kernanliegen des AvivA-Verlages, der die weibliche Form des hebräischen Wortes für "Frühling" als Namen trägt, ist also, das zu retten, was noch zu finden ist. Um dem gerecht zu werden, hat der Verlag einen Schwerpunkt auf deutsch-jüdischen Autorinnen des frühen 20. Jahrhunderts. "Ich finde das Thema der Verantwortung für den Nationalsozialismus und das, was er angerichtet hat, sehr wichtig und auch das Erinnern daran", betont die Verlegerin. Vor der NS-Zeit waren viele der nun wiederverlegten Autorinnen durchaus für ihr Werk bekannt, doch diese Bekanntheit endete meist mit dem Holocaust. Mit den vielen Leben, die verloren gingen, verschwand ein großer Teil des deutsch-jüdischen Kulturguts, weshalb Jürgs sich besonders für die Sichtbarkeit dieser Autorinnen einsetzt. "Damit kann ich sie zwar nicht lebendig machen, aber zumindest ihr Andenken wahren." Doch auch Frauen, die nicht aus politischen Gründen aus der Literaturgeschichte verschwanden, sind in Vergessenheit geraten. Das liegt unter anderem an der konsequenten Abwertung ihres schriftstellerischen Schaffens, etwa durch die Bezeichnung als Frauenliteratur. "Es wäre ja eigentlich nichts Schlimmes an diesem Begriff, aber so, wie er normalerweise benutzt wird, ist es meistens abwertend gemeint." Wer von Frauenliteratur spricht, impliziert damit häufig, dass die betroffene Literatur kitschig, nicht ganz seriös und insgesamt "weniger anspruchsvoll" sei, sagt Jürgs. Das, was sie hier anspricht, ist einer der Gründe, weshalb Literatur von Frauen so selten den Klassikerstatus erreicht. Historisch hatte die Frau lange wenig Spielraum zur dichterischen Selbstverwirklichung - viele der bekannteren Autorinnen, wie etwa Karoline von Günderrode und Annette von Droste-Hülshoff, kamen daher aus den oberen Gesellschaftsschichten, in denen die Verhältnisse etwas flexibler waren. Zudem konnten sich viele Schriftstellerinnen nur durch eine öffentliche Beziehung zu einem bedeutsamen Mann legitimieren - "Frauen, die keine Männer an ihrer Seite hatten, sind noch vergessener als die anderen."
Besonders begeistert ist sie, wenn die Autorinnen aus ihrem Verlagsprogramm in Schulbüchern erscheinen oder über andere Wege an ein größeres Publikum kommen, obwohl solche Fälle die Ausnahme sind. In Berlin gibt es mittlerweile zwei Straßen, die die Namen wiederentdeckter Schriftstellerinnen tragen. "Es sind jetzt nicht die größten und wichtigsten Straßen, aber spätestens, wenn man dann in der Straße wohnt, fragt man sich vielleicht schon mal, wer das eigentlich war." Für die Zukunft wünscht sich Britta Jürgs, dass nicht nur mehr über Frauen in der Literatur gesprochen wird, sondern dass sich der literarische Kanon auch nachhaltig verändert. Dabei soll es nicht um ein besonders feministisches oder diverses Image gehen, sondern um eine authentische Würdigung der Autorinnen. Vor allem möchte sie dahin kommen, dass sie sich eine Frage nicht mehr stellen muss: "Warum kennen wir diese Frau hier nicht?"