Leon Jessel wurde in seiner Heimat verfolgt. Nur weil er Jude war. Schülerinnen und Schüler des Duisburger Landfermann-Gymnasiums haben sein Schicksal nachgezeichnet und in Berlin den Rolf-Joseph-Preis erhalten.
Leon Jessel wurde am 25. Juni 1918 in Duisburg-Wanheim geboren und lebte dort mit seinen Eltern Martha und Arnold sowie seiner Schwester Ruth. Seine Schwester Edith war bereits im Kindesalter verstorben. Seine Eltern führten seit 1912 ein Herrenbekleidungsgeschäft in der Wanheimer Straße 648. 1931 feierte der 13-jährige Leon seine Bar-Mizwa in der liberalen jüdischen Gemeinde an der Junkernstraße in der Duisburger Innenstadt bei Rabbiner Dr. Manass Neumark.
Am 1. April 1933, ich bin inzwischen 14 Jahre alt, beschleicht mich ein merkwürdiges Gefühl, weswegen ich unter einem Vorwand die Schule früher verlasse. Vor dem Geschäft meines Vaters steht ein SA-Mann in Uniform und hindert nichtjüdische Kunden daran, bei uns einzukaufen. Drinnen finde ich meinen Vater, der einen Herzanfall erlitten hat. Ich hebe ihn hoch und trage ihn über die Treppe ins Obergeschoss. Ich habe Angst: Der SA-Mann verlangt von mir vehement den Schlüssel zum Geschäft. Was wollen Sie noch? Ich weigere mich. Doch die SA gibt nicht nach. Sie lassen meinen kranken Vater und mich auf dem Hof auf und ab laufen - stundenlang. Welche Schikane!
Leon Jessel besuchte von 1928 bis 1935 das Gymnasium. Der Unterricht wurde ab 1933 der Ideologie der Nationalsozialisten unterworfen. Der Deutschunterricht befasste sich vor allem mit der vermeintlichen vaterländischen Größe. Im Geschichtsunterricht wurden nur noch die deutsche Geschichte und die der "nordischen Rassen" behandelt. In Biologie wurden die Schüler in der sogenannten Vererbungslehre und Rassenkunde unterrichtet. Es gab auch weitaus mehr Sportunterricht, um dem NS-Ideal des "starken deutschen Mannes" näher zu kommen.
Im Laufe meiner Schulzeit bekomme ich immer mehr zu spüren, was es heißt, Jude zu sein. Meine Lehrer geben mir meist ungerechte Noten, und das nur wegen meiner jüdischen Abstammung. Auch wenn ich eigentlich Angst habe, etwas zu sagen, habe ich meinen Mut zusammengenommen und meinem Lehrer vor der ganzen Klasse widersprochen. Entgegen seiner antisemitischen Bemerkung habe ich keine gebogene Nase und keine schwarzen Haare. Und trotzdem bin ich ein Jude, und darauf bin ich stolz. Dennoch gibt es niemanden in meiner Klasse, der von Mitschülern so beschimpft und geschlagen wird wie ich. Meine Mutter weint jedes Mal, wenn ich wieder verprügelt wurde, und ich frage mich: "Warum ist das hier eigentlich normal geworden?"
Das Jahr 1935 stellte eine Zäsur im Leben der Familie Jessel dar. Leon Jessel musste seine Schule verlassen. Alle Fächer wurden lediglich mit Note "ausreichend" bewertet. Im Anschluss begann er eine Ausbildung in der Zuschneiderei einer Lederfabrik in Offenbach. An eine Ausbildung im elterlichen Betrieb war offenbar nicht mehr zu denken, nachdem die Boykottmaßnahmen das Geschäft ruiniert hatten. Im November zwang die immer aussichtsloser werdende Lage die Familie zur Aufgabe. Das Geschäft rentierte sich nicht mehr. Ebenso wurden sie gezwungen in eine kleinere Wohnung ins Wasserviertel in der Lippestraße 18 zu ziehen.
Reichspogromnacht 1938. Die Synagoge brennt! Ich sehe nur Rauch und Flammen. Und wie man hört, ist es nicht nur in Offenbach so. Wieso passiert es genau jetzt? Wieso dann, wenn ich von meiner Familie getrennt bin? Ich habe Angst. Die Synagogen brennen! Wie geht es meiner Familie? Ich hoffe, ihnen ist nichts passiert. Viele Wohnungen von Juden werden verwüstet, Möbel werden aus den Fenstern geworfen, und ich sehe, wie Juden misshandelt werden. Ist es in Duisburg auch so schlimm? Wurden meine Eltern überfallen? Ist meine Familie in Sicherheit? Die anderen schauen nur zu oder machen sogar mit. Niemand tut etwas dagegen. Es ist ein Albtraum! Nach meiner Kündigung gestern versuche ich zu meiner Familie nach Duisburg zu kommen. Als ich in der Schlange für die Fahrkarte stehe, höre ich, dass man gefragt wird, ob man Jude sei. Ich habe Angst und fühle mich wieder mal fremd und ausgegrenzt. Ich fühle mich hilflos und renne weg.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden zahlreiche Gewaltverbrechen an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland begangen, die von oberster Stelle angeordnet wurden. Schlägertrupps wie die SA verwüsteten jüdische Geschäfte, zündeten Synagogen an und misshandelten und verhafteten Juden. Auch die Bevölkerung nahm an Plünderungen und tätlichen Angriffen teil; viele schauten weg und machten sich somit zu Mittätern. Die gezielte und offensichtliche Verfolgung der Juden erreicht ein neues Ausmaß. Auch in Duisburg wurde die Synagoge in der Junkernstraße angezündet, ebenso die Synagogen in Ruhrort und Hamborn. Außerdem wurden viele Juden von der Polizei verhaftet und verschleppt, so auch Dr. Sally Kaufmann, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde.
Meine Tante in Frankfurt nimmt mich auf. Doch auch dahin kommen die Nazis. Als ich aus dem Badezimmer komme, fragen sie mich, ob ich Jude sei, ich antwortete mutig: "Ja!" Daraufhin nehmen sie mich mit. Sie bringen mich in die Stadthalle von Frankfurt. Mit dem Zug werde ich mit vielen anderen Juden nach Buchenwald in das bei Weimar gelegene KZ gebracht. Was wird mit uns passieren?
Das KZ Buchenwald war eines der größten Konzentrationslager für Zwangsarbeit auf deutschem Boden, das von Juli 1937 bis April 1945 bestand. Dort wurden etwa 280 000 Menschen aus allen Ländern Europas inhaftiert. Die Zahl der Todesopfer wird auf etwa 56 000 geschätzt.
Ich liege in einer völlig überfüllten Baracke. Es gibt nur zwei rohe Kartoffeln in der Woche zu essen. Wir stehen in Abfällen und unserem eigenen Kot. In dieser Nacht sterben mein rechter und mein linker Nachbar. Ich liege zwischen zwei Toten. Sind sie verhungert oder verdurstet? Sind sie erfroren? Hat man sie so geprügelt, dass sie ihre Verletzungen nicht überlebt haben? Ich will noch nicht sterben, ich bin doch erst 20! Mein Name wird aufgerufen. Über alle Lautsprecher hallt er durch das ganze Lager. Was habe ich bloß gemacht? Lassen sie mich wirklich gehen, weil ich gerade mal keine blauen Flecken habe?
Anfang 1939 wurden einige Juden freigelassen unter der Bedingung, dass sie das Land sofort verlassen. Zu diesem Zeitpunkt plante das NS-Regime noch die großflächige Vertreibung der Juden aus Deutschland. Leon Jessel fuhr 1939 nach Duisburg, um eine Freundin zu besuchen. Deren Familie hatte Kontakt zum britischen Konsul Nevel Mayreck Henderson. Die Familie verhalf Leon zur Flucht nach England. Er durfte allerdings nur 10 Reichsmark und seine wichtigsten Dokumente mitnehmen. Am 24. Februar 1939 kam er in England an. Dort lebte er in Walsall in einem Arbeiterviertel in der Nähe von Birmingham und arbeitete wieder in der Lederverarbeitung. Ab dem 23. Oktober 1941 verschlimmerte sich die Situation der Juden in Deutschland erneut: Es bestand nun ein absolutes Ausreiseverbot für Jüdinnen und Juden. Eine Flucht wurde somit unmöglich. Durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November wurde im Ausland lebenden Juden die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen, wodurch ihr Vermögen dem deutschen Staat zufiel. Bereits 1940 begann die Gestapo in Zusammenarbeit mit der Polizei und der Reichsbahn mit den ersten Deportationen - sogenannten "Evakuierungsaktionen" - in die Ghettos und späteren Vernichtungslager im besetzten Baltikum und in Polen. Bis zum Kriegsende wurden ungefähr vier Millionen Juden in Vernichtungslagern ermordet. Weitere zwei Millionen kamen bei Massakern in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten ums Leben.
Ich habe es nach Duisburg geschafft. Eine gute Freundin kann mir helfen, nach England zu fliehen! Ich bin wirklich erleichtert, dass ich aus Deutschland wegkann. Hier wird es für mich immer brenzliger. Ich bin der Familie meiner Freundin so dankbar! England! Ich komme! Wie es in England wohl sein wird? Neben der Hoffnung auf ein Leben ohne Verfolgung habe ich auch Angst und bin nervös. Was ist, wenn ich dort auch nicht akzeptiert und wieder ausgegrenzt werde? Am 24. Februar 1939 soll ich bereits in England sein, aber ohne meine Familie. Ich werde sie vermissen.
1946 erfährt Leon Jessel von seinem Onkel aus Gelsenkirchen, dass seine Eltern am 1. November 1944 im KZ Auschwitz umgebracht wurden. Daraufhin gab er in einer Annonce der deutsch-jüdischen Exilzeitung "Aufbau" deren gewaltsamen Tod bekannt. Gleichzeitig bat er um Informationen zum Verbleib seiner Schwester Ruth. Diese war am 13. September 1942 im Konzentrationslager Lublin umgekommen.
Ab 1953 ermöglichte das "Bundesentschädigungsgesetz" den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung die Beantragung einer finanziellen Entschädigung für ihr Leiden und das ihrer Verwandten sowie für Schäden an ihrem Eigentum und Vermögen. Die Verfahren waren kompliziert, oft langwierig und häufig für die Überlebenden ein emotionaler Kraftakt, da sie ihre gestellten Ansprüche mit Zeugenaussagen und Unterlagen beweisen mussten. Auch Leon Jessel stellt Anfang des Jahres 1957 einen solchen Entschädigungsantrag. Der Schriftverkehr zu diesem Antrag mit dem Amt für Wiedergutmachung der Stadt Duisburg ist in der "Wiedergutmachungsakte" im Stadtarchiv mit der Nummer 506/03927 enthalten und dokumentiert über elf Jahre hinweg Leons Ringen um eine angemessene Entschädigung für das Leid seiner Eltern.
Der Bescheid ist da! Das wurde aber auch Zeit. WAS?! 5000 DM!? Das ist doch ein Witz. Das Leben meiner Eltern und die ganze Drangsalierung der Nazis, die sie und ich erlebt haben, sind nur 5000 DM wert? Das ist doch nicht wahr! Selbst die Einrichtung unserer Wohnung damals war mehr wert. Und da sind noch nicht mal die Schikane und die Quälerei miteingerechnet! Das Durchlebte ist gar nicht mit Geld aufzuwiegen. Hier steht doch tatsächlich: "Ich halte es für vertretbar, die Entschädigungspauschale von 5000 DM zu gewähren und für den Mehrwert zu unterstellen, daß er unter die vermutbare Beschlagnahme in der letzten Wohnung der Familie Jessel fiel." Ich fühle mich wie ein Bittsteller! Es geht hier doch nicht um eine Entschädigung für ein kaputtes Auto! Wie erniedrigend, wie dreist! Ich werde weiterkämpfen und versuchen eine annähernd würdige Entschädigung zu erhalten, auch wenn ich dafür wieder in das dunkelste und grauenhafteste Kapitel meiner Vergangenheit eintauchen muss.
Seit 1982 lädt die Stadt Duisburg regelmäßig ehemalige jüdische Duisburger ein, ihre Heimatstadt zu besuchen. Es gibt ein Programm wie den Besuch eines Gottesdienstes in der Synagoge in Mülheim oder des Duisburger Theaters. In Begleitung von Mitgliedern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit können sie zum Beispiel ihr Elternhaus suchen. Auch Leon Jessel folgte erstmals 1990 dieser Einladung. Wie viele andere zurückkehrende Jüdinnen und Juden hatte er anfangs Angst, sich in der Stadt zu bewegen. Doch durch die Begleiter fühlte er sich sicher, und es entwickelten sich tiefe Freundschaften.
An 23. Mai 2005 bin ich in Duisburg und werde bei einer Stolpersteinverlegung dabei sein. 64 und 62 Jahre nach ihrem Tod erhalten meine Schwester Ruth und meine Eltern Arnold und Martha damit einen Gedenkort an der Wanheimer Straße 648, unserem damaligen Wohnhaus, damit sie nicht vergessen werden.
Leon Jessel wurde englischer Staatsbürger. Er heiratete zweimal, bekam mit seiner ersten Frau einen Sohn und gründete eine Ledermanufaktur. Er starb im englischen Walsall am 23. März 2006.