Jeruzalem liegt in Slowenien

Ein Ort paradiesischer Schönheit und der besten Weißweine auf der Welt zieht trotz Corona immer mehr Touristen an.

 

Geschichte, Sonne, Wein und Palmen in der Stajerska: Im Nordosten Sloweniens liegt ein kleines Paradies auf einer Höhe von 345 Metern. Auf sanft gerundete Hügel scheint 200 Tage im Jahr die Sonne. Es gibt kleine Wälder, aber vor allem Weinterrassen, die wie grüne Wellen um die Hügel schwingen. In den Tälern Felder und Wiesen. Auf der Spitze des höchsten Hügels treffen drei Straßen zusammen. Dort stehen drei Gebäude: eine Kirche, ein großes historisches Gasthaus und ein Informationszentrum mit einer Vinothek. "Der Ort hat die Form eines Dreiecks", erzählt Andrej Vrsic, "deshalb nennen wir den Platz auch Heilige Dreifaltigkeit: Herzlich willkommen im Zentrum von Jeruzalem."

 

Vrsic ist Direktor des Öffentlichen Instituts für Tourismus, Kultur und Sport der Großgemeinde Ormoz, dem Zentrum der Weinbauregion Jeruzalem-Ormoz. Der Lehrer für Deutsch und Soziologie arbeitet seit 21 Jahren im Tourismus der Region. Ihr Herzstück ist Jeruzalem mit einer mehr als 800 Jahre alten Tradition. Vrsic erklärt: "Als deutsche Ordensritter im Jahr 1199 auf ihrem Rückweg von einem Kreuzzug hier ankamen, verliebten sie sich sofort in den Platz. Und aus Dankbarkeit für ihr Überleben ließen sie das sogenannte Bild der traurigen Muttergottes zurück, das sie aus Palästina mitgebracht hatten. So kam der Ort zu seinem Namen Jeruzalem. Bis heute hängt dieses Bild hier in der Kirche."

 

Lange Zeit lag der Ort fast unbekannt am Rande der Welt. Heute wird er immer mehr zu einem weltbekannten Zentrum des Weinbaus und langsam auch des Tourismus. Die Corona-Pandemie hat das nicht verhindert. Im Gegenteil. Vrsic zeigt eine Statistik: "2019 hatten wir in unserer Region knapp 7000 Übernachtungen, davon 2000 aus Slowenien, aber mehr als doppelt so viel aus dem Ausland. Während der Pandemie waren es 2020 insgesamt schon über 12 000 Übernachtungen und 2021 sogar fast 15 000. Davon etwa 5000 aus dem Ausland, also wie vor Corona, und ungefähr 10 000 aus Slowenien."

 

Von den Hügeln Jeruzalems aus kann man vier Länder sehen, natürlich Slowenien, Österreich im Norden, Ungarn im Osten und Kroatien im Süden. Von dort kommen viele Besucher, eine besonders große Zahl kommt aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Spanien, Polen, der Tschechischen Republik. "Auch Australier, US-Amerikaner, Kanadier und Taiwaner kommen zu uns und Israelis", sagt Vrsic stolz. "Die israelischen Besucher werden natürlich von unserem Ortsnamen angelockt. Sie sind begeistert von unserer Umgebung. Aber natürlich sagen sie sofort, das sei nicht das wahre Jerusalem", schmunzelt er. "Denn natürlich leben wir in einer anderen Kulturlandschaft und nennen in Jeruzalem unsere typischen Bäume zwar Palmen, aber die Palmen im slowenischen Jeruzalem sind eigentlich Pappeln."

 

Der traditionelle Weinbau mit seiner körperlich schweren Arbeit führte dazu, dass viele die Region verlassen haben. Heute leben nur noch 40 Menschen, darunter sechs Kinder, in dem Ort. Nur noch 19 verstreut und einzeln stehende Häuser und Gehöfte sind bewohnt. "Doch schon nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die vertikal verlaufenden Rebstockreihen in den steilen Lagen in Terrassen umgewandelt, sodass die Arbeit auch durch Maschinen und kleine Traktoren erleichtert werden konnte", berichtet Vrsic. Diese Terrassen geben der Landschaft ihren eigenen Charakter. "Ich weiß nicht, wo sonst auf der Welt es solch eine Form des Weinbaus wie in Jeruzalem und im benachbarten slowenischen Haloze-Gebirge gibt", sagt er stolz. Laufend werden Jeruzalemer Weine auf Weltausstellungen prämiert. Das Klima ist einzigartig. Der Wind von den Alpen trocknet die Beeren, sodass sie nicht faulen. Der Wein, der auf Ton, Mergel, Sandstein wächst, nimmt aus dem Boden Mineralien auf. "Dadurch entstehen hier Weißweine, die zu den besten drei bis fünf Prozent weltweit gehören. Es gibt Weinkenner, die unseren rheinischen Riesling für besser halten als den vom Rhein." Auch das touristische Angebot ist professioneller geworden. Es gibt Gasthäuser mit Übernachtungsmöglichkeit, Restaurants mit lokalen Spezialitäten, Weinverkostung und viele Feste. "Wir entwickeln mehr und mehr einen grünen Tourismus, keinen Massentourismus. Unser Motto heißt: ursprünglich slowenisch. Das ist eine gemeinsame Qualitätsmarke für Produkte, die höchste Qualität aufweisen." Manche Touristen kommen immer wieder oder bleiben sogar für immer. Dazu gehört Tatjana Puklavec. Die 49-Jährige wurde in Bonn geboren und hat in München BWL studiert. Heute lebt und arbeitet die Mutter von drei Kindern zwar überwiegend in den Niederlanden, war für große, internationale Unternehmen tätig und lebte in großen Städten. Aber sie ist begeistert von Jeruzalem: "Es ist einfach ein großartiges Fest der Stille, der absoluten Ruhe und Schönheit, jenseits aller alltäglichen Hektik. Das ist für mich immer eine volle emotionale Ladung." Ihre Familie stammt aus Ormoz. Der Großvater war Önologe. Mitte der 50er hatte er begonnen, für den Export die 40 Weinkeller der Familie zusammenzulegen und einen zentralen Keller mit einer Kapazität von 12 Millionen Litern anzulegen. Tatjana Puklavec erzählt, dass sie und ihr Vater, der wegen ihrer Mutter nach Deutschland ausgewandert war, mit Weinbau nichts zu tun hatten. "Aber mein Opa starb früh, und 2009 bekam mein Vater die Möglichkeit, seine Anteile an der Weinkooperative zurückzukaufen. Er zögerte erst, aber fragte mich dann, ob ich Marketing und Verkauf für den Export machen wolle. Und obwohl ich keine Ahnung von der Weinindustrie hatte, habe ich begeistert zugesagt, meinen Job gekündigt und mich ein Jahr mit Experten auf den Weinbau vorbereitet. Es war ein Traum. Und ein Albtraum", sagt sie lachend, "denn slowenische Weine international zu vermarkten, das war und ist wirklich eine Herausforderung. Wer kennt schon Slowenien?"

 

Sie spricht heute, 14 Jahre später, noch kaum Slowenisch und bedauert das. Die Familie ist der größte eigenständige Weinproduzent Sloweniens, beschäftigt 150 Mitarbeiter und bewirtschaftet 854 Hektar in der Region Jeruzalem-Ormoz. "Wir produzieren ungefähr fünf Millionen Flaschen pro Jahr. 40 Prozent davon verkaufen wir in Slowenien, 60 gehen in den Export, das meiste in die Niederlande, dann nach Kroatien, England, Polen, aber auch Deutschland und selbst nach Brasilien." Besonders stolz ist sie auf 700 000 Flaschen "einer Sauvignon-blanc-und-Pinot-grigio-Cuvée", exportiert als Superwein.

 

Die Zusammenarbeit ist für Tatjana Puklavec wichtig. "Wir Winzer sind zwar auch Konkurrenten, aber wir halten alle zusammen, unterstützen uns." So wurde das Projekt "Vinorodna Stajerska/Weinregion Stajerska" gestartet, in dem alle Winzerbetriebe der slowenischen Steiermark zusammenarbeiten. "Wir vermarkten unsere Weine gemeinsam. Der Klimawandel stellt uns vor große Herausforderungen. Wir müssen für die Weinproduktion ökologische und langfristige Lösungen finden." Andrej Vrsic lädt internationale Gäste ein, um das zu unterstützen: "Besonders die Weinlese im Herbst wird man nicht mehr vergessen."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2022, Nr. 194, S. 26 - Ema Munda, Sara Verbancic, Nikol Knez Holc, Laura Fiser, Jugendzentrum CID Ptuj

zurück