Kontrolle ist nicht alles

Mit dem jungen Schweizer Kondukteur durch den Zug

 

Die Tür geht auf, die Augen, die zuvor auf das Smartphone fixiert waren, schnellen hoch. Prompt wird nervös und hibbelig gesucht, Angst liegt in der Luft. Der Grund dafür liegt am Mann in schwarzer Hose, grauem Hemd und roter Krawatte. Doch nicht etwa, weil der 22-Jährige mit kurzem, dunkelbraunem Haar und seinen 180 Zentimetern furchteinflößend erscheint, sondern wegen seiner Arbeit. Angepinnt an das schwarze Gilet: das silberne Täfelchen. Matthias Bänziger steht darauf.

 

Der junge Mann aus Bubikon im Zürcher Oberland ist Kundenbegleiter im Schweizer Fernverkehr oder, wie der Volksmund sagt, Kondukteur. Seine Arbeit ist nicht auf die Kontrolle der Fahrgäste beschränkt, wie viele meinen. "Mein Job ist aufgeteilt in Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Kundenbegleitung." Sein Tag startet oft zu Zeiten, zu denen die meisten Menschen noch in den Federn liegen. "Ich stehe zehn Minuten bevor ich gehe, auf", sagt er verschmitzt. Auch an diesem Tag fährt er um zwanzig nach vier in der Früh mit dem Auto, weil zu dieser Zeit oft noch keine Züge fahren, in Richtung Hauptbahnhof Zürich, von wo er mit einem kleinen Bus und einigen Arbeitskollegen zum Abstellgleis fährt.

 

Die Vorbereitung nimmt eine zentrale Rolle ein. Er fragt sich: "Was muss ich alles tun, damit ein Zug mit Menschen gefüllt werden und losfahren kann?" Bänziger nimmt ein kleines, aber dickes Büchlein hervor. Dies hilft ihm, nichts zu vergessen. "Ich beginne, jeden einzelnen Wagen zuallererst auf die Wirksamkeit seiner Bremsen, sprich Luft- und Handbremsen, zu prüfen." Dies, indem er den ganzen Zug auf der einen Seite nach hinten und auf der anderen nach vorn der Reihe nach abpasst. Er schaut dabei in ein Fensterchen, das man bei jeder Bremse vorfindet und worüber er die Funktionalität überprüfen kann. Er arbeitet mit dem Lokführer zusammen, der die Bremsen der Waggons jeweils lösen oder anziehen kann.

 

Danach geht er der Prüfung des Rollverhaltens sowie der Frage nach, ob ein technisches Problem vorliegt. Während er durch den Zug läuft, erklärt er: "Ich schaue, ob sich alle Türen öffnen und schließen lassen, ob alle Toiletten einwandfrei funktionieren, ob jegliche Lichter, Heizungen sowie Lautsprechanlagen defektfrei sind." Nach gut zehn Minuten muss er diese Kontrolle innerhalb des Zuges beendet haben und tritt wieder nach draußen, um zu schauen, ob die Formation der Wagen stimmt. "Dieser Teil ist eminent wichtig, denn die Waggons haben unterschiedlich starke Bremsen. Deshalb muss der Zug genug starke Wägen besitzen, um eine gewisse Schnelligkeit erreichen zu dürfen."

 

Kurz vor halb sechs kann der Zug endlich in den Hauptbahnhof fahren. Die Ticketkontrolle beginnt. Matthias Bänziger ist auch für das Wohl der Fahrgäste zuständig. "Ich berate und gebe Auskunft bei allfälligen Fragen und bin ebenfalls für die Sicherheit und Information der Reisenden zuständig." Der Zug fährt ratternd in Richtung Westschweiz mit dem Ziel: Genève Aéroport. Draußen wird es schlagartig hell, die Schweiz erwacht. Der Tag schreitet voran, die Anzahl Fahrgäste in die Höhe. "Kurioserweise sitzen meist mehr Personen oben als unten. Das fällt mir im Zug immer wieder auf und ist nach wie vor ein Rätsel für mich. Außerdem sehe ich die Faulheit der Leute. Je weiter vom Prellbock des Kopfbahnhofs Zürich entfernt, desto weniger Leute hat es. Auch sitzen weniger in der Mitte eines Wagens als am Rand." Er hört auch seltsame Ausreden von Gästen ohne Ticket wie: "Der Ticketautomat funktionierte nicht mehr" oder "Ich habe ein Abonnement", obwohl sie eigentlich keines haben.

 

In Genf angekommen, fährt er nach einer Pause zurück nach Bern. Auf der Fahrt dorthin ergibt sich eine Situation, die ein Schmunzeln auf sein Gesicht zaubert. Ein Passagier zeigt dem Kundenbegleiter, der seine Begabung für Sprachen in der französisch sprechenden Schweiz gut anwenden kann, auf seinem Smartphone die Fahrplanapp und fragt: "Stimmt diese Verbindung hier?" Darauf flüstert Matthias Bänziger einige Abteile weiter: "Ich kann auch nichts anderes tun als auf meine App schauen." In der Bundesstadt sind er, der trotz einiger kurioser Situationen viel Verständnis für seine Kunden mitbringt, und sein Kollege eine halbe Stunde für die Kundenlenkung zuständig; Mit ihren auffälligen gelben Westen sind sie präsent auf dem Perron und geben Jung und Alt Auskunft. Mitunter wird er auf dem Bahnsteig gefragt, wo das Gleis 3 sei, obwohl es direkt über ihnen groß angeschrieben ist.

 

Kurz nach Mittag geht es von der Hauptstadt an der kalten, klarblauen Aare zurück in die größte Stadt der Schweiz. In den frühen Nachmittagsstunden ist auf dieser Strecke viel los. Menschenmengen überfluten den Zug, sperriges Gepäck ist da und dort, die Velowagen sind ebenfalls prall gefüllt. Bänziger hat viel zu tun und muss effizient arbeiten, denn er hat nur eine Stunde von Bern nach Zürich Zeit, um den ganzen Zug zu kontrollieren. "Das Ziel muss es immer sein, dass jeder Kunde und jede Kundin mindestens einmal von mir profitieren könnte." Weil er die ganze Zeit in Bewegung ist, trägt er im Unterschied zu den Passagieren, die in Mänteln und Jacken eingepackt sind, nur sein Hemd. Er schwitzt trotzdem, auch weil die Heizung bei dem garstig kalten Wetter auf Hochtouren läuft. Er rollt die Augen: "Ich habe oft zu heiß, die Fahrgäste oft zu kalt."

 

In Zürich geht der Arbeitstag um 15.30 Uhr zu Ende. Müde setzt sich Bänziger ins Auto und resümiert, weshalb er sich für diesen Beruf entschieden hat: "Ich freue mich, unterwegs zu sein und mich bewegen zu können. Ich will nicht acht Stunden pro Tag vor dem Computer sitzen." Der Fan vom VfB Stuttgart interessierte sich, seit er klein ist, für große Städte, das Reisen und für den deutschen Fußball. Er war schon in etlichen Stadien deutscher Topclubs. "Ich liebe es, nicht jeden Tag aus den gleichen drei Fenstern schauen zu müssen. Jede Strecke, die ich fahre, sieht zu jeder Tageszeit anders aus. Ich erlebe auch die vielen Facetten der schönen Schweizer Landschaft und sehe viele Orte." Er mag den Kundenkontakt und die Verantwortung für die Sicherheit über die manchmal tausend Personen. Klar sagt er aber auch: "Ich habe keinerlei Pendenzen. Ich muss nach getaner Arbeit nie daran denken: Ach, das muss ich morgen noch machen!"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2023, Nr. 1, S. 26 - Tobias Russenberger, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück