Kopfüber am Trapez

Tricks lernen im Mannheimer Zirkus Paletti

 

Kopfüber hängt Hannah Fuchs am Trapez, die Beine sind zum Spagat gespreizt, nur mit den Händen hält sie sich fest. Die braunen Haare der Sechzehnjährigen sind zu langen Zöpfen geflochten, sie trägt einen schwarz-gelben Turnanzug. Links und rechts von ihr performen zwei gleich angezogene Artistinnen denselben Trick. Was für uns unmöglich aussieht, ist für die Gruppe ein normaler Auftritt: In ihrem Sportverein lernt man Zirkustricks. Hannah spielt Klavier und Schlagzeug und bereitet sich auf das Abitur vor. Den Kinder- und Jugendzirkus Paletti besucht sie seit ihrem siebten Lebensjahr. Bei einem Ferienprogramm der BASF entdeckte sie das Trapez für sich - und suchte ab da nach einer Möglichkeit, es regelmäßig zu trainieren. Die fand sie beim Kinder- und Jugendzirkus Paletti e.V. in Mannheim. Früher machte Hannah als zweite Disziplin Akrobatik, nun ist sie zum chinesischen Mast gewechselt, einer fünf Meter hohen, mit Gummi beschichteten Stange.

 

Zur Auswahl stehen noch Jonglage, Luftring, Diabolo, Strapaten, Vertikaltuch, Kugellauf, Rola-Bola, Seiltanz und Hocheinrad- und Einradfahren. "Wir hatten auch schon Schauspielworkshops für die Shows", sagt Hannah. Die über das Jahr vorbereiteten Nummern werden in eine selbst ausgedachte Geschichte eingearbeitet. "Es gibt Geschichtentreffen, und oft gab es auch die Geschichtenübernachtungen, wo wir die Geschichte weiterentwickeln und zusammen trainieren." Zum Schluss wird in der Trainingswoche intensiv geübt - jede Disziplin täglich zwei Stunden lang. Ein Großteil der Show wird dann erarbeitet, Generalproben werden abgehalten, die Schauspieler erhalten zu Disziplin- und Finaltrainings ein Theatertraining.

 

Kostüme und Requisiten werden meist selbst gemacht. "Zum Beispiel hatten wir mal diese Nummer mit der gigantischen Gummibärchentüte, das haben die Leute aus unserer Nummer dann wirklich gemalt." Die große Aufführung findet im Zelt statt, das der Zirkus vor sechs Jahren anfertigen ließ. "Über die Farben haben wir zusammen abgestimmt." Nun ragt das gigantische rot-gelbe Zelt mitten in Mannheim auf. Mittlerweile ist es in einem Betonfundament verankert, inklusive Rauchabzugsklappe, Brandmelder und Blitzschutzanlage. Es ist also kein Reisezelt und kann für Veranstaltungen gemietet werden.

 

Tilo Bender, der Geschäftsführer und Zirkusdirektor, ist für mehr als nur die Organisation verantwortlich. Der Fünfundvierzigjährige, der sich um die finanziellen Geschäfte des Zirkus Paletti kümmert, trägt im Alltag eine dunkle Hornbrille. Die nimmt er für das Training mit den Gruppen ab, das er regelmäßig hält. Zusätzlich führt er Projekte an Kindergärten und Schulen durch - vom Kennenlernen erster Zirkustechniken bis zur fertigen Aufführung. "Das Tolle ist, dass es in meinem Job eigentlich keinen normalen Arbeitstag gibt", sagt er. Den hatte er noch nie: Nachdem er als Kind Jonglieren gelernt hatte, wurden Auftritte auf Kindergeburtstagen mit der Zeit zu deutschlandweiter Arbeit als Jongleur und Komödienzauberer.

 

Der studierte Jurist entdeckte seine Leidenschaft, Kinder zu unterrichten über das Stadtjugendamt Mannheim, wo er ihnen als Betreuer eines Ferienprogramms Jonglieren beibrachte. "Eines Tages war's dann irgendwie so weit, dass ich mit Freunden zusammensaß und ich vorschlug, eine Zirkusschule zu gründen." Sie starteten mit drei Betreuern und 30 Kindern, heute trainiert der Verein gut 500. Jede Altersklasse ist vertreten, vom "Flohzirkus 1" mit Anderthalb- bis Zweijährigen bis zur Gruppe Quernormal, die von 25 Jahren an nach oben offen ist. Eingeteilt sind die 14 Gruppen in Kursgruppen, die einmal wöchentlich zusammenkommen, und Ensemblegruppen, die zweimal die Woche trainieren und die sich außerdem durch ihre jährliche Show mit mehr als 3000 Besuchern von den anderen Gruppen abheben. Neben Einnahmen aus diesen Shows finanziert sich der Verein durch Spenden, Workshops an Schulen, die Vermietung des Zirkuszeltes und der Hallen und natürlich über Mitgliedsbeiträge.

 

Abgesehen von den jährlichen Aufführungen, die von mehr als 3000 Gästen besucht werden, erinnert das Zirkustraining an das in einem Turnverein. "Trapez ähnelt zum Beispiel dem Reck und dem Ringturnen", sagt Hannah. Alle Mitglieder machen Akrobatik und üben zum Beispiel Radwende, Salto oder Handstand gemeinsam, auch das Aufwärmen ist dem Kunstturnen ähnlich. "Wenn Leute fragen, was du für einen Sport machst, und du sagst, Zirkus, dann schauen die dich meistens erst mal komisch an." Der Zirkus ist auch als Sportverein eingetragen, aber organisationstechnisch geht seine Arbeit weit über einen "normalen" Verein hinaus. Neben dem Hallenbetrieb gibt es Kooperationen mit Kitas und Schulen, Auftritte und Präsentationen. Beim regulären Training ist nicht alles so streng festgelegt wie bei anderen Sportarten. "Es ist alles frei, und es geht viel um Kreativität", betont Hannah. Mit Unterstützung der Trainer kann man selbst überlegen, was man als Nächstes machen möchte. "Es gibt Tricklisten, von denen wir auswählen können."

 

Insgesamt 38 Trainerinnen und Trainer betreuen die Gruppen, viele von ihnen haben Zirkus- oder Theaterpädagogik studiert, manche sind professionelle Artisten. Wichtig ist Hannah das Gruppengefühl, das mit wenig Konkurrenzkampf einhergeht, der bei vielen Leistungssporten üblich ist. "Man möchte eben einen guten Auftritt hinlegen und hilft sich deswegen gegenseitig", sagt sie. "Bei uns kommen noch ganz viele soziale Elemente dazu", ergänzt Tilo Bender, "sich zu helfen und eben auch das Vertrauen und Selbstbewusstsein zum Auftreten zu kriegen." Zirkus liegt im Trend: Insgesamt 400 Kinder und Jugendliche trainieren beim Zirkus Paletti. "In allen Kinder- und Jugendzirkussen, die ich so kenne, gibt es überall Wartelisten. Das hat in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland aber auch europaweit Fahrt aufgenommen", sagt er. Man tauscht sich aus: Wo man das beste Tuch für die Akrobaten bekommen kann, oder warum man beim Kauf eines gebrauchten Zeltes vorsichtig sein sollte.

 

Wie für viele bedeutete die CoronaPandemie einen Rückschlag, der Zirkus Paletti hat sich alle Mühe gegeben, sich anzupassen: über aufgenommene Videos und Trainingspläne bis zum Onlinetraining. "Das ist an sich sehr gut angekommen", sagt Bender. Viele Geräte wie Seil oder Trapez können zu Hause schwer ersetzt werden: Auf einmal stand Balancieren auf der Sofalehne oder auf Stühlen auf dem Tagesprogramm, um für die Wiedereröffnung fit zu bleiben. In lockereren Phasen der Pandemie bot der Zirkus einen "Drive-through" an. Hier zeigten die Kinder ihre Tricks, während Zuschauer mit dem Auto durch eine Art Zirkusstraße fahren konnten. Inzwischen ist der Zirkus Paletti wieder beim Präsenztraining angelangt. Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? "Wir wollen vor allem internationale Projekte starten, da haben wir gerade Kontakte zu einem Zirkus in Südafrika aufgebaut."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 24.10.2022, Nr. 247, S. 26 - Yara Kiefer, Heinrich-Heine-Gymnasium, Kaiserslautern

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